Als die Kinder und Jugendlichen des Grünen Campus Malchow an diesem Montag in ihre Schule kommen, ist an einen normalen Schultag nicht zu denken. Seit ein paar Tagen wissen sie, dass ihre Mitschülerin Keira aus der 8e mit mehreren Messerstichen getötet wurde. Doch erst tags zuvor haben die allermeisten über die sozialen Netzwerke erfahren, dass auch der Täter ein Mitschüler ist. Der 15-Jährige soll die Tat inzwischen sogar gestanden haben.

„Wir sind sehr, sehr betroffen und schockiert“, sagt Schulleiter Tobias Barthl an diesem Montag in dem unsanierten Gebäudetrakt an der Doberaner Straße, den beide Schüler besucht haben. Solch einen tragischen Fall habe er in seinen 27 Jahren als Schulleiter noch nicht erlebt, betont Barthl. Wegen der besonderen Lage sind an diesem Tage fünf Schulpsychologen vor Ort, um Schülern und Lehrern beizustehen.

Normaler Unterricht nicht möglich

„Wir treffen auf Trauer, aber auch auf Wut, Entsetzen, Fassungs- und Hilflosigkeit“, sagt Schulpsychologin Diana Sankowski. Diese Emotionen müssten nun aufgefangen werden. „Zum Beispiel indem man positive Erinnerungen sammelt.“ Deshalb gibt es im Gebäude einen Trauerraum, in dem die Mitschüler an Keira erinnern – mit persönlichen Schreiben, Fotos und Blumen.

Für Schulleiter Barthl ist klar, dass derzeit kein normaler Unterricht stattfindet kann. Die Schüler dürfen sich in kleinen Gruppen austauschen, spazieren gehen, allein sein oder auf Wunsch auch wie gewohnt eine Unterrichtsstunde besuchen. Nicht wenige Schüler aus den betroffenen Jahrgangsstufen wollen auch wieder nach Hause. Der Schulleiter informiert dann telefonisch die Eltern an. Viele Schüler habe er auch in den Arm genommen, sagt Barthl. „Das ist ungewöhnlich, doch das Bedürfnis war da.“

Vernehmung im Schulgebäude

Man sieht Barthl an, dass er tagelang kaum geschlafen hat. Als er am Mittwochabend von der Bluttat erfuhr, hat er sofort das Krisenteam der Schule aktiviert. Bald gab es Anfragen besorgter Eltern und wirre Gerüchte über mögliche Täter. Wie sich Schulleiter zu verhalten haben, ist in den Notfallordnern der Bildungsverwaltung vorgegeben. Er hat sich in solchen Fällen eng mit Schulaufsicht und auch Polizei abzustimmen.

Im konkreten Fall vernahmen Polizisten auch Freunde und Bekannte des Opfers sowie des mutmaßlichen Täters im Schulgebäude, während die Mitschüler und Pädagogen trauerten. „Die Tatsache, dass es ein Schüler war, mit dem alle hier täglichen Umgang hatten, stellt noch mal eine ganz besondere Belastung dar“, sagt ein Lehrer.

Keine Gewaltvorfälle im vergangenen Jahr

Der Grüne Campus Malchow ist eine beliebte Gemeinschaftsschule, auf mehrere Standorte verteilt. Am Stammhaus in Malchow gibt es einen Kinderbauernhof. „Wir haben hier eine hohe Sozialkompetenz“, sagt Barthl. Er habe aus den 7. bis 10. Klassen im vergangenen Jahr keinerlei Gewaltvorfälle melden müssen. Umso mehr verstöre ihn nun die Tat.

Der Tod der Mitschülerin ruft unter den Mitschülern auch andere Erlebnisse wieder wach werden, berichtet die Psychologin. Schüler erinnerten sich dadurch an Todesfälle im eigenen Freundeskreis oder an lebensbedrohliche Erkrankungen in der Familie. „Auch darüber wollen sie dann sprechen.“