Angehende Gerüstbauer, Bauzeichner und Betonbauer protestierten am Mittwoch in Mitte gegen die Schließung ihrer Schule. „Wer Oberstufenzentren schließt, gefährdet die innere Sicherheit“, stand auf einem der vielen Plakate.

Zum Abschluss der Kundgebung an der Weltzeituhr steigt der tätowierte Gerüstbauschüler Martin auf ein Autodach, das als Rednerpodest dient, lobt seine Lehrer und die gute Ausstattung der beruflichen Schule. „Wir haben wahrscheinlich nicht die aktivste Elternschaft, aber wir gehen hier gerne zur Schule“, ruft er. Tatsächlich war der für Berliner Verhältnisse überaus schmucke Neubau in Weißensee mitsamt den modernen Laboren erst 2008 in Betrieb genommen worden war.

Doch die Senatsbildungsverwaltung hat nun kurzfristig entschieden, das Oberstufenzentrum Bautechnik II „Martin Wagner“ aufzulösen, die Bauberufe sollen an die Spandauer Knobelsdorff-Schule verlagert werden, die technischen Berufe an ein Oberstufenzentrum (OSZ) nach Neukölln, das aber offenbar gar nicht über ausreichenden Platz dafür verfügt.

Konkurrenz zm Schulplätze

Der Fall dieser von oben verfügten Schulschließung zeigt besonders eindrücklich, wie sehr verschiedenen Bildungseinrichtungen gerade im Bezirk Pankow inzwischen um die wenigen vorhandenen Schulplätze konkurrieren. „Dabei steigen die Schülerzahlen in den nächsten Jahren krass an“, sagt ein Schüler.

Ins Gebäude der Martin-Wagner-Schule soll nun eine gymnasiale Oberstufe einziehen, die das benachbarte OSZ Marcel Breuer, die Heinz-Brandt- und die Reinhold-Burger-Sekundarschule gemeinsam betreiben wollen. Auch am bisherigen Ausweichstandort wird eine gymnasiale Oberstufe eingerichtet – für die Jugendlichen der Gemeinschaftsschule aus Prenzlauer Berg. Die Berufsschüler, darunter viele Migranten aus anderen Bezirken, so scheint es, sind da im Wege.

Deshalb ist die Stimmung unter den Demonstranten auch schon beinahe klassenkämpferisch. „Wir glauben, dass die Schule geopfert wird, damit die Kinder der bürgerlichen Mittelschicht aus Prenzlauer Berg einen Platz in der gymnasialen Oberstufe erhalten können“, sagt Hans-Jürgen Lindemann, der Leiter der Lehrerfortbildung an beruflichen Schulen. Er begleitet den Zug der gut 400 Berufsschüler.

Mit dabei ist auch der 19-jährige Attila. Er lernt Stahl- und Betonbauer. Vor drei Jahren hat er seine Ausbildung an der Spandauer Knobelsdorffschule abgebrochen. „Hat nicht gepasst, zu viele Stressmacher dort, zu wenig Platz, sagt er. Ab dem Schuljahr 2016/17 soll sein Berufsbildungsgang nun dorthin verlagert werden. Dabei sind die Räumlichkeiten an der Martin-Wagner-Schule deutliche moderner.

Ausgetragen wird der Konkurrenzkampf um Schulplätze mittlerweile mit harten Bandagen. So stellen einige Berufsschullehrer in Schreiben die Behauptung auf, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) werbe mit der Einrichtung von gymnasialen Oberstufenplätzen im Umfeld ihres Pankower Wahlkreises indirekt um Wählerstimmen. Auch wird darauf hingewiesen, dass für den Neubau der Martin-Wagner-Schule seinerzeit viele Millionen Euro aus dem Strukturfonds der Europäischen Union, zweckgebunden für eine Bauschule verwendet wurden.

Weitere Schulwege

Vorweisen lässt sich in der Tat der recht positive Schulinspektionsbericht. Verärgert sind Lehrer und auch Schüler, dass sie nur kurzfristig von der Auflösung ihrer Schule erfahren haben. Der Schulleiter hat umgehend die Direktorenstelle des OSZ Körperpflege angetragen bekommen, die er wohl annehmen wird. Die Gerüstbauer, die in einem Internat in Bernau untergebracht sind, müssen nun den deutlich weiteren Weg nach Spandau nehmen.

Eine Expertengruppe in der Bildungsverwaltung war kürzlich zu dem Schluss gekommen, dass Berufsschulen zu viele gewerblich-technische Angebote machen und zu wenig Erzieher und Pflege ausbilden. Deshalb hatte man Anpassungen angekündigt. Auch Doppelstrukturen bei den OSZ wolle man abbauen. Auf der anderen Seite hoffen Sekundarschullehrer, ihre Schulen noch attraktiver machen zu können, indem sie im Verbund mit anderen eine gymnasiale Oberstufe anbieten.