Schulabbrecher: Hier bekommen Schüler die letzte Chance auf einen Abschluss

Berlin - Ein Hinterhof in Wedding ist für viele Jugendliche die letzte Chance auf einen Schulabschluss. Es sind potenzielle Schulversager, die hier nun hoffentlich möglichst regelmäßig hinkommen. Viele sind lernmüde, einige vielleicht zu faul, um ohne besondere Hilfe einen Schulabschluss zu erreichen. Rund 3000 Schulabbrecher gibt es jedes Jahr in Berlin. Für rund 1000 Schüler sind solche Kleinklassen eingerichtet wie an diesem besonderen Lernort im Wedding. So soll vermieden werden, dass auch sie die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Erfolge solcher individuellen Lerngruppen sprechen für sich.

15 Neuntklässler der Konrad-Duden-Sekundarschule in Pankow sind von ihren Lehrern für die Kleinklasse ausgewählt worden. Angeboten werden diese kleinen Lerngruppen von freien Trägern. „Wir gehen hier neue Wege des Lernens“, sagt Katrin Tierfeld von Modul e.V.

Etwas mit den eigenen Händen schaffen

Mal bauen die Schüler ein Windrad in Metallverarbeitung, mal fertigen sie in Textilkunde ein buntes Kissen aus lauter kleinen Stoffquadraten. „Einige Mitschüler sagen, das ist die Schule für Doofe. Aber das stimmt nicht“, sagt die fünfzehnjährige Tiffy, die kleine Nietenarmbänder am Handgelenk trägt. Jeden Tag schaffen Tiffy und ihre Mitschüler in den modernen Werkstätten etwas mit den eigenen Händen. „Ich kann hier echt kreativ sein“, sagt Tiffy. Berechnen müssen sie das alles auch.  Mathe macht Tiffy jetzt sogar wieder ein wenig Spaß, weil es immer um ein ganz konkretes Ziel geht.

Tiffy, die auf Punkrock und Rap steht, hat im herkömmlichen Unterricht bisher lieber gezeichnet als aufgepasst. „Die ganze Zeit stillsitzen, immer der gleiche Unterricht, die gleichen Lehrer, die Fachwörter, das nervt“, sagt sie. Hier sei es abwechslungsreicher. „Wir arbeiten im Team, Ausbilderin und Lehrerin kann ich immer ansprechen.“

Die große Zahl der Schulabbrecher ist ein Riesenproblem für Berlin, die Folgekosten sind immens. Deshalb hat der Senat diese Praxisklassen für Neunt- und Zehntklässler eingerichtet.  Einmal bis dreimal die Woche lernen sie hier.  Haben am Ende des Tages meist ein Erfolgserlebnis, weil sie etwas fertiggestellt haben.  „Wir wollen hier auch ihre sozialen Kompetenzen stärken“, sagt Catarina Rietzke, Lehrerin an der Duden-Schule.  Pünktlichkeit, Beharrlichkeit und ein angemessener Umgangston würden eingeübt. Tatsächlich sind einige der Schüler hier in den Werkräumen des freien Trägers Modul e.V. leicht reizbar, schlagen schon mal Türen.

Auch Schülerin Gina ,15, ist jetzt in der Kleingruppe. „Ich lerne oft ein wenig langsamer als meine Mitschüler, weil ich an so viele andere Sachen denken muss“, sagt sie. Ähnlich sieht es auch Lisa. „Leute lernen einfach verschieden.“ Und Paul  hat seine Noten innerhalb eines halben Jahres etwas verbessert. Letztens haben sie in den Kleingruppen die Vergleichstests geschrieben, die normalerweise Drittklässler schreiben. Das Ergebnis war ernüchternd. In Deutsch und vor allem in Mathematik  seien die Versäumnisse schon aus der Grundschulzeit offen zutage getreten.

Die vier Jugendlichen aus  Pankow haben inzwischen konkrete Berufsvorstellungen: Tiffy will Altenpflegerin werden, Paul möchte Koch, Lisa Krankenschwester und Gina Kita-Erzieherin werden. Wenn es mit dem Schulabschluss klappt.