Es ist eine alte Streitfrage, welchen Einfluss die Architektur von Kindergärten, Schulen, Fach- oder Hochschulen tatsächlich auf den Bildungserfolg von Kindern und jungen Erwachsenen hat – oder ob nicht gute Lehrer und Lehrerinnen viel wichtiger sind. Sicher kann gute Architektur, können spannende oder meditative Räume gute pädagogische Konzepte unterstützen.

Und sicher ist auch: Welche Häuser eine Gesellschaft für die Ausbildung ihrer Kinder baut, sagt viel aus über die in ihr herrschenden Machtstrukturen und ihr Verhältnis zu Kindern, also zur Zukunft generell. Herrscht optimistischer Wagemut oder kulturpessimistisches Weiter-So? Was wird uns die endlich kommende Sanierungs- und Neubauwelle in der Berliner Schulbauwelt über unsere Gesellschaft erzählen?

Analyse des Schulbaudesasters fehlt 

5,5 Milliarden Euro will der Senat in zehn Jahren investieren, teils über Kredite, die die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge aufnehmen soll, um so die Schuldengrenze des Grundgesetzes zu umgehen. Anders ausgedrückt: Um das Versagen im Schulbau zu korrigieren, soll die Verfassung mindestens gebeugt werden. Der gute Zweck macht das offenbar juristisch, politisch und moralisch bis weit in die Opposition hinein akzeptabel. Wer ist schon gegen gute Schulen?

Was aber unterbleibt, ist eine Analyse der Ursachen des Schulbaudesasters und eine Selbstkritik. Um die vielen wichtigen Wünsche der Erwachsenen seit etwa 2000 zu befriedigen, wurde in vielen Bezirken – die waren bis vor kurzem zuständig, nicht der Senat! – die Schulinstandhaltung immer wieder zurückgestellt, vom Schulneubau ganz zu schweigen.

Schon seit Jahren alarmierend

Zur breit debattierten Frage wurde die Berliner Schulbaumisere – genauso wie vorher die Wohnungsnot oder die Verteilung von Flüchtlingen – aber erst, als die Lebensverhältnisse auch in den wohlhabenderen Bezirken tangiert waren, seit in Pankow die Kinder gedrängt sitzen müssen, in Steglitz-Zehlendorf der Putz von den Decken fällt.

Dabei schlagen Bezirke wie das von sozialen Spannungen geprägte Neukölln schon seit 15 Jahren Alarm in Schulbausachen. Systematisch wurden hier übrigens die bezirklichen Baugelder in die Schulinstandhaltung umgeleitet. Jetzt müssen diese Bezirke, die sorgfältig mit ihren Geldern umgingen, mit denen um die Mittel des Senats konkurrieren, die ihren Bestand weniger gut gepflegt haben. Auch das ist eine Form von unsozialer Umverteilung.

Statt feinteiliger Planung entstehen Typenmodelle 

Lange haben die meisten Berliner akzeptiert, dass ihre Schulen genauso wie die öffentlichen Bibliotheken, die Stadtteilmuseen, Volkshoch- oder Musikschulen vergammelten bis hin zur Unbenutzbarkeit. Allein die Universitäten konnten sich diesem Substanzverbrauch dank ihrer eigenen Haushaltsführung entziehen. Diese Zeit scheint vorbei zu sein. Jetzt wird mit Hektik statt mit Konzept reagiert. Statt auf neue Ideen zu reagieren, sehen die Senatsbauprogramme banal hintereinandergeschaltete Klassenkisten vor, bei denen bestenfalls die Flurzonen als Ausweichräume für pädagogische Experimente dienen müssen.

Die Mittel, die Berlin für die Lösung der Schulbaumisere nutzen will, sind – da kann man der Architektenkammer und der Baukammer der Ingenieure nur recht geben – genau die falschen: Statt feinteiliger Planung sollen wieder Typenmodelle entstehen. Sicher sind Architekturwettbewerbe kein Allheilmittel. Aber sie greifen das vorhandene intellektuelle und gestalterische Kapital auf. In ihnen kann man fordern, dass die Architekten mit Pädagogen zusammenarbeiten – statt mit Baufirmen, was die kleineren Büros von der Teilnahme faktisch ausschließt.

Das, was der Senat stattdessen bisher plant, lässt selbst die von den Politikern gehassten, von den Schülern oft geliebten gewaltigen Mittelstufenzentren West-Berlins aus den Siebzigerjahren als Ideal der Bildungsreform erscheinen. Mit Schulgärten, luftigen „Schulstraßen“, mit als Theater nutzbaren Mensen und offenen Sportanlagen und Stadtteilbibliotheken erscheinen sie als Vorwegnahme der aktuellen Reformprojekte Finnlands. Ihre Hightech-Ästhetik war das Versprechen an alle Lernenden, dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit.