Die Erst- und Zweitklässler aus der Lerngruppe sitzen im Kreis zusammen. Ein achtjähriges Mächen erzählt gerade davon, dass am Wochenende ihre beste Freundin zu Besuch kommen wird. Ihre Worte verwischen oft zu einem Zischlaut, sie ist schwer zu verstehen.

Der Grund dafür ist tragisch. Als das Mädchen mit den dunklen Haaren vier Jahre alt war, bekam sie einen ersten epileptischen Anfall. Seither kommen die Anfälle immer wieder. Deshalb kann das Mädchen ihre Worte nicht mehr klar und deutlich aussprechen, manchmal fließt auch ein wenig Speichel unkontrolliert aus ihrem Mund. Dabei weiß sie genau, was sie sagen will, geistig hat sie keinen Schaden genommen. Das macht sie manchmal fertig. Heute hat das Mächen erstmals einen kleinen Sprachcomputer dabei, der sie unterstützt. Die Mitschüler sind ihr zugewandt, keiner lacht. Alle 12 Kinder in dieser Kleinklasse haben den sonderpädagogischen Förderbedarf „Sprache“. Das heißt: Sie stottern, können sich bestimmte Lautabfolgen nicht merken, haben Formulierungsprobleme oder sind autistisch und deshalb sprachgehemmt.

Hier an der Pankower Schule an der Strauchwiese besucht die Hälfte der Schüler Grundschul-Regelklassen mit 25 Kindern, die andere Hälfte geht in die Kleinklassen für Kinder mit besonderer Sprachbehinderung. Die Kinder lernen Tür an Tür, die Räume sind groß. Die Pädagogen halten in speziellen Räumen Teamsitzungen ab.

Schulleiterin Anke Mauersberger sieht es unter den derzeitigen Bedingungen allerdings nicht als zwingend an, dass alle Kinder, ob mit oder ohne Behinderung, in einem großen Klassenverband lernen. „Es gibt auch Kinder, die brauchen zunächst einen geschützten Raum“, sagt Mauersberger. Damit meint sie diese Kleingruppe sprachbehinderter Kinder, die zunächst mithilfe der Anlauttabelle das Sprechen üben. „Manche Kinder würden in einer großen Klasse untergehen, würden sich gar nicht mehr trauen zu sprechen“, sagt die Schulleiterin. Ziel ist es aber, dass auch die sprachbehinderten Kinder spätestens nach der 4. Klasse in eine Grundschule wechseln. Einige befinden sich auch schon jetzt in der Regelklasse. Dabei müssen die Pädagogen stets die speziellen Bedürfnisse der Kinder beachten. Für ein autistisches Mädchen ist es besonders wichtig, dass sie die Turnhalle zum Sportunterricht stets als Erste betritt. Sonst wäre der Lärm dort zu groß, sie würde verstört reagieren.

Schulleiterin Mauerberger bezeichnet sich als Anhängerin des inklusiven Gedankens. Allerdings weiß in Berlin derzeit niemand, wie die Inklusion genau umgesetzt werden soll. Die Erarbeitung eines Konzeptes für den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nichtbehinderten Kindern wurde aufgeschoben, die Investitionen auch.

Heike Hedicke, Klassenlehrerin und Konrektorin der Schule, ist sich sicher, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden könnten, wenn ständig mehrere Pädagogen in einer Klasse tätig seien. Eine besondere Herausforderung stellt die wachsende Zahl verhaltensauffälliger Schüler dar. Es gab hier bereits Schüler, die sich plötzlich eine Schere an den Hals hielten oder auf dem Fensterbrett standen. Dennoch muss diese Schule wie andere auch jedes Jahr mit der Verwaltung um die Schulhelfer feilschen.

Nach den bisher bekannt gewordenen Plänen des Senats sollen Schulen wie diese künftig den Förderbedarf ihrer Kinder selbst feststellen. Erst dann würde es zusätzliche Lehrerstunden geben. Bisher erfolgen dieses Tests meist vor der Einschulung. Das stößt bei vielen Lehrern auf Skepsis, von einer Sparmaßnahme ist die Rede.

Die Kinder der Lerngruppe machen derweil zum Schluss der Stunde eine Bewegungsübung. Sie stellen sich auf Zehenspitzen und strecken sich hin zur Decke.