Berlin - Die Jüdische Gemeinde zu Berlin muss sich neu ausrichten. In gut einer Woche wählen die Mitglieder neue Repräsentanten und es wird auch einen neuen Vorstand geben. Überschattet wird die Wahl allerdings von der Finanzmisere. Elf Millionen Euro Schulden und langfristig bindende Zusagen für Pensionen für die Mitarbeiter gefährden die Existenz der mit 10.500 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Bei der Wahl am 4. Dezember wird sich zeigen, ob die Gemeinde eine Führung wählt, die Wege aus der Krise finden kann und will.

Die Gemeindevorsitzende Lala Süsskind tritt jedenfalls nicht wieder an. „Vier Jahre sind genug“, sagt sie. Sie wolle sich jetzt wieder mehr um ihre Familie kümmern. Lala Süsskind ist 65 Jahre alt und eine energische Frau. Das musste sie auch sein, als sie 2008 ehrenamtlich den Vorsitz übernahm, denn es war eine Aufgabe, vor der wohl die meisten selbst bei fürstlicher Bezahlung zurück geschreckt wären. Als Austrittsgemeinde war Berlin bekannt, als ein hoffnungslos verkrachter Haufen, in dem sich die Vorstände gegenseitig mit Verleumdungsklagen überzogen oder der Steuervergehen und sonstiger Heimlichkeiten beschuldigt hatten.

Griechische Verhältnisse

„Entweder wir übernehmen den Laden oder wir treten aus“, beschreibt Lala Süsskind ihre Motivation und die ihrer Mitstreiter von damals, sich zur Wahl zu stellen. Der fünfköpfige Vorstand übernahm griechische Verhältnisse. Jedes Jahr gab die Gemeinde mit damals 400 Mitarbeitern zwei Millionen Euro mehr aus als sie über Beiträge, Landeszuschüsse, Spenden, Mieteinnahmen erwirtschaften konnte. Und noch schlimmer: Den Mitarbeitern waren weit überhöhte Pensionen zugesagt worden. Der Bankrott schien im Grunde nicht abwendbar.

Die Misere wirkt in die Zukunft fort. Um die zugesagten Pensionen langfristig zahlen zu können, müssten 31 Millionen Euro in Wertpapieren angelegt werden. Trotz Sparbemühungen und Personalabbau auf derzeit 340 Mitarbeiter steht die Gemeinde mit elf Millionen Euro Schulden noch immer am Rande der Pleite.

Knapp sechs Millionen plus Zinsen fordert das Land Berlin an zu viel gezahlten Rentenzuschüssen zurück. „Wir reden miteinander. Der letzte Vorstand hat großes Engagement gezeigt“, sagt Senats-Kultursprecher Torsten Wöhlert. Der Senat hält eine Pleite der Jüdischen Gemeinde für politisch undenkbar, aber das Haushaltsrecht verringert Spielräume für Zugeständnisse.

Wenn die Sparbemühungen deutlich ausfallen, deuten wohlgesonnene Kreise an, werde man vielleicht auf Zinsen verzichten, auf eine Rückzahlung der zu viel gezahlten Pensionszuschüsse allerdings nicht. Aber allein diese 5,9 Millionen Euro werden wohl einen Sanierungsplan über 20 Jahre erfordern.

Lala Süsskind und ihr Team haben die Misere in die Öffentlichkeit getragen – auch weil sie für jede eingesparte Stelle, jede Erhöhung der Fahrpreise für den Schulbus, jeden gestrichenen Zuschuss für ein Projekt im jüdischen Gemeindeleben angegriffen wurden. „Eine Synagoge braucht neue Stühle und ich denke, geht aber nicht“, beschreibt Süsskind ein typisches Dilemma. „Also hab ich mich lieber ans Telefon gesetzt und bei meinen Bekannten geschnorrt.“

In diesen Tagen verschickt Süsskind Listen quer durch die Stadt, um ihre Nachfolge zu sichern. Listen mit ihren 21 Favoriten. „Alles Leute, die unsere Arbeit fortsetzen würden“, sagt sie. Keine ehemaligen Vorstände wie Alexander Brenner (2001 bis 2004) und Gideon Joffe (2005 bis 2008). Von ihren Vorgängern hält Lala Süsskind nämlich nicht viel, schließlich hätten diese die Misere nur ignoriert und fröhlich weiter Geld ausgegeben. Brenner und Joffe stellen sich wieder zur Wahl. „Gegen eine Philosophie des Abbaus“, wie Joffe für sich wirbt. Im Senat wird bei solchen Sprüchen manchem mulmig.