Die Beschäftigung in der Stadt steigt, die Einkommen werden größer (wenn auch nicht schnell genug) – und dennoch wächst die Menge derjenigen, die ihre Zahlungsverpflichtungen auf absehbare Zeit nicht mehr begleichen können: In Berlin ist die Zahl der überschuldeten Erwachsenen ab 18 Jahren zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Bei mehr als 376.000 Menschen überstiegen zum Stichtag 1. Oktober die zu leistenden Gesamtausgaben bei Weitem die Einnahmen. Das ist ein Plus von einem Prozent zum Vorjahr und der höchste Stand seit 2008.

Überraschung: Als Überraschung bezeichnete Jochen Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Berlin Wolfram KG, diese Steigerung bei der Vorstellung des Schuldneratlas am Dienstag. Überraschung deshalb, weil er wegen der positiven Wirtschaftslage in Berlin eigentlich ein Sinken der Schuldnerzahl erwartet hatte. Aber ein „unangemessenes Konsumverhalten“ habe bei manchem zu kreditfinanzierten Mehrausgaben geführt. Zudem sei zuweilen offenbar die Einkommenswirklichkeit überschätzt worden.

Schuldnerquote: Etwa jeder achte Berliner ist überschuldet. Im Bundesdurchschnitt ist es nur jeder zehnte. Die Schuldnerquote in Berlin, gemessen an der Bevölkerungszahl, liegt bei 12,99 Prozent. Trotz der höheren Schuldnerzahl ist die Quote im Vergleich zu 2014 leicht gesunken, weil einfach die Bevölkerung in der Stadt durch den Zuzug schneller gestiegen ist. Die höchste Schuldnerdichte ist in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren festzustellen. In der Gruppe 18 bis 22 Jahre sei die Verschuldung tendenziell eher rückläufig. Die mittlere Schuldenhöhe je Fall liege ähnlich wie im Bund bei etwa 34 000 Euro. Das dürfte bei manchen mindestens zwei mittleren Jahresnettoeinkommen entsprechen.

Gründe: Berlin unterscheidet sich kaum von anderen Bundesländern bei den Gründen für die Zahlungsausfälle. Wolfram nannte Arbeitslosigkeit und Scheidungen, die jeweils für etwa ein knappes Drittel aller Überschuldungen verantwortlich seien. Krankheit sei ein weiterer Grund ebenso wie „unangebrachte Haushaltsführung“ – oder salopp gesagt: Leben über die eigenen Verhältnisse. Generell nehme die Überschuldung im Alter zu. Das könne in Zukunft problematisch werden, wenn die Leistungen in der Rentenversicherung sinken und nicht genügend selbst für das Alter vorgesorgt wurde.

Problem-Bezirke: Als weitere Überraschung bezeichnete Wolfram den Abstieg von Spandau. Dort hat sich gegen den Trend die Schuldnerquote merklich erhöht. Seit 2009 ist sie kontinuierlich gestiegen – von damals 12,87 Prozent auf nunmehr 16,09 Prozent. Vor sechs Jahren lag die Quote nur wenig über dem Berliner Durchschnitt, jetzt ist sie fast ein Viertel höher. Nach den Berechnungen von Creditreform ist in Spandau fast jeder sechste Erwachsene als überschuldet anzusehen. Insgesamt gab es in acht von 23 untersuchten Stadtteilen einen Anstieg der privaten Überschuldung.

Rückgänge: In 14 Stadtteilen gingen die Schuldnerquoten im Vergleich zu 2014 zurück. Am stärksten fielen diese Veränderungen in Weißensee, Neukölln und Wedding aus. Wedding hat dennoch mit 18,61 Prozent die höchste Schuldnerquote. Viele Personen sind auch in Hellersdorf (16,37 Prozent), in Neukölln (15,93 Prozent) und Hohenschönhausen (15,21 Prozent) überschuldet.

Spitzenreiter: Zehlendorf ist der absolute positive Spitzenreiter: Hier liegt die Quote mit 7,7 Prozent weit unter dem Durchschnitt. Danach folgen Steglitz (9,13) und Wilmersdorf (9,21). Auffällig ist aber auch die Entwicklung in Friedrichshain, die den Wandel des Stadtteils unterstreicht. Hier beträgt die Schuldnerquote nur 10,89 Prozent – im Jahr 2008 waren es noch 14,48 Prozent.