Berlin - Die Entscheidung sorgte damals für großes Aufsehen und vielfach für Kopfschütteln. Vor 20 Jahren wurde das damalige 2. Gymnasium Berlin-Mitte umbenannt – in John-Lennon-Gymnasium. Es ist deutschlandweit die einzige Schule, die nach dem Ex-Beatle benannt ist. Heute sind Lehrer und auch Schulleiter Jochen Pfeifer mit der Umbenennung sehr zufrieden. „Der originelle Name hat in den letzten 20 Jahren eine große Strahlkraft ausgeübt“, sagt Pfeifer. „Für unser Schulprofil einer kreativen, weltoffenen Schule passt er wie angegossen.“

Selbst internationale Künstler finden die Namen anziehend und geben Exklusivkonzerte für die Schüler, wie erst im Juni der britische Popstar Ed Sheeran. Der Schulname sei cool, sagte eine Schülerin. Schülerin Fine hingegen meint: „Als ich an die Schule kam, wusste ich gar nicht, wer John Lennon war.“

Da John Lennon als Jugendlicher in der Schule durch undiszipliniertes Verhalten aufgefallen war und später auch Drogen nahm, hielten die meisten Lehrer den Namenspatron vor 20 Jahren aus pädagogischer Sicht für unpassend. Schüler und Elternvertreter sowie die damalige Musiklehrerin Liese Reznicek, einst Frontfrau der DDR-Frauenrockband Mona Lise, setzen den ungewöhnlichen Namen durch. Das ist nun einer Dokumentation über die Namensgebung nachzulesen, die in der Schülerzeitung „Penny Lane“ veröffentlicht wurde.

Ohne die besondere Situation der Nachwendezeit wäre es nicht zur Umbenennung gekommen. Der Wunsch der Schule, sich einen zeitgemäßen Namen zu geben, findet sich erstmals im Schulkonferenz-Protokoll vom September 1992. Auch andere Ost-Berliner Schulen gaben sich in jener Zeit Namen, die nicht die der herkömmlichen deutschen Dichter, Denker oder Wissenschaftler waren – Tagore, Orwell oder Hemingway etwa.

Lehrer warnten im Unterricht

An der Schule in Mitte gab es alsbald die ersten Namensvorschläge: August Bebel, Begründer der Sozialdemokratie und Namenspatron der Schule zu DDR-Zeiten, war darunter, aber auch der Reggae-Musiker Bob Marley und eben Lennon.

Während einer Projektwoche stimmten die Schüler ab: Die meisten Stimmen, nämlich 90, erhielt John Lennon, dicht gefolgt von Bob Marley mit 80 Stimmen. Daraufhin führten die Lehrer eine Abstimmung durch: Die Hälfte des Kollegiums stimmt für August Bebel, was an die DDR-Zeit anknüpfte, die ander Hälfte für Gymnasium am Weinbergsweg als lokale Verortung.

Eine ehemalige Schülerin erinnert sich, dass Lehrer im Unterricht warnten: Ein Zeugnis, auf dem John-Lennon-Gymnasium stehe, würde keiner ernst nehmen. „Damit braucht ihr euch gar nicht zu bewerben“, habe es geheißen. Die Schule würde als „Kiffergymnasium“ da stehen. Bei allen Abstimmungen fand Lennon nie die absolute Mehrheit. Doch in der Schulkonferenz, in der Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter sitzen, kam eine Mehrheit für den Beatle zustande. Den Ausschlag gaben die Elternvertreter. „Es drängt sich die Frage auf, ob dieses Projekt nicht vorrangig im Interesse der damaligen Elterngeneration lag“, unken heute die Schülerzeitungsredakteure.

Jene Eltern waren mit Beatles-Musik aufgewachsen. Viele Lehrer fühlten sich überstimmt, fügten sich aber schließlich. Der damalige Schulleiter Karl-Heinz Firtzlaff begründet im Schreiben an den Schulrat die Namenswahl: Lennon „beherrschte sein künstlerisches Handwerk bis zur Meisterschaft, wurde in der ganzen Welt populär und vergaß dabei nicht das soziale Engagement für die Schwachen in der Gesellschaft.“ In seinem Song „Cold turkey“ habe er auch vor Drogen gewarnt. Musiklehrerin Reznicek bat in einen Brief an Lennon-Witwe Yoko Ono um die Erlaubnis. Ende Juni 1993 ließ Ono über ihre New Yorker Kanzlei kurz ihr Einverständnis mitteilen. „Ich hatte gehofft, sie reicht noch etwas von Lennon rüber“, sagte Liese Reznicek der Schülerzeitung.

Yoko Ono war vergangenes Jahr an der Schule. Damals parkte der „John Lennon Educational Tour Bus“ vor der Tür. In jenem mobilen Aufnahmestudio nahmen Schüler eigene Lieder auf. Als sie der Lennon-Witwe einen Song vorspielten, begann die 80-Jährige zu tanzen.