In Berlin schwänzen mehr Jugendliche die Schule als bisher angenommen. Das musste jüngst Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) feststellen, nachdem sie angeordnet hatte, doch auch mal die Gesamtzahl der schwänzenden Siebt- bis Zehntklässler im zweiten Schulhalbjahr erfassen zu lassen. Bisher war für die Statistik stets nur das erste Schulhalbjahr ausgewertet worden. Erst dadurch kam nun heraus, dass im zweiten Halbjahr 2013/14 insgesamt 873 Schüler mehr als 40 Tage unentschuldigt gefehlt hatten, im ersten Halbjahr waren es 644.

Auch im Vergleich mit den Vorjahren ergab sich eine deutlich höhere Fehlquote. Direktoren erklären sich den bisher unbekannten Anstieg damit, dass Schüler zum Ende eines Schuljahres wohl wegen diverser Frustrationserlebnisse wie schlechte Benotung oder Mobbing den Schulbesuch erst recht vermeiden wollen.

Besonders oft fehlen Mittelstufenschüler in Mitte und Neukölln unentschuldigt. Mitte hat bereits darauf reagiert. Auf Initiative der Bildungsverwaltung soll dort in einigen Tagen eine Vereinbarung zwischen der Schulaufsicht, dem Familiengericht sowie dem Schul- und Jugendamt unterzeichnet werden.

Besonders drastisch: Wenn Eltern die Bereitschaft oder die Fähigkeit fehlt, den Schulbesuch ihres Kindes sicherzustellen, soll das dem Familiengericht künftig direkt als Indiz für eine Kindeswohlgefährdung gemeldet werden. Schließlich sei der Schulabschluss gefährdet. Mit dieser Neuregelung kann das Gericht den Eltern in letzter Konsequenz wegen der Schulverweigerung ihrer Kinder das Sorgerecht entzogen werden. Das ist, rechtlich gesehen, heikel – dazu gab es zuletzt in anderen Bundesländern unterschiedliche Urteile. Auch ein Eingriff in das Sorgerecht ist möglich.

Beratung, Bußgeld, Sorgerechtsentzug

Bildungssenatorin Scheeres spricht von einem Modellprojekt, das auch auf andere Bezirke übertragen werden könne. „Es sind Maßnahmen, um die Schüler wieder der Schule zuzuführen.“

In einem ersten Schritt soll das Jugendamt den Eltern zunächst ein Beratungsangebot machen, dann wird beim Schulamt die Einleitung eines Bußgeldverfahrens gegen die Eltern geprüft. Schließlich soll die Schulaufsicht die Eltern zu Gesprächen einladen, pädagogische Hilfestellung geben, damit die Kinder wieder regelmäßig zur Schule gehen. Hier sind etwa die Besuche von Praxisklassen möglich, damit Jugendliche wieder gern zur Schulen gehen. Diese Gespräche mit der Schulaufsicht sollen auch im Schülerbogen dokumentiert werden.

„Manche Eltern entschuldigen auch das, was es nicht zu entschuldigen gibt“, sagt der für Mitte zuständige Referatsleiter der Schulaufsicht, Detlef Tietz. Damit meint er, dass selbst jugendliche Schüler mitunter noch eine Entschuldigung von Eltern erhalten, auch wenn sie geschwänzt haben.

Landet der Fall tatsächlich beim Familiengericht, können Schulaufsicht und Klassenlehrer als Zeugen geladen werden. In Mitte gibt es auch bereits für Grundschüler beim Sozialpädagogischen Dienst und jeder Schule je einen Ansprechpartner für oft fehlende Schüler.

Mobbing fördert Schwänzen

Die Gründe für das Schwänzen können vielschichtig sein. Mitunter wollen Schüler einer vermeintlich hippen Gruppe von Schwänzern angehören, andere Jugendliche hatten zu viele schulische Misserfolge. Schulleiter berichten auch, dass auffällig oft dicke Schüler schwänzen, weil sie gehänselt werden. Mobbing ist generell ein weiterer Grund.

Bisher jedenfalls scheinen alle Anstrengungen nicht zu fruchten. Gerade erst hat Scheeres eingeführt, dass Schulen eine Schulversäumnisanzeige machen, wenn Jugendliche an fünf nicht aufeinanderfolgenden Tagen nicht zur Schule kommen. Bisher geschah dies erst nach zehn Tagen. Eltern droht dann ein Bußgeld von bis zu 2500 Euro. In einigen Bezirken werden Kinder bereits von der Polizei zur Schule gebracht.