Draußen vor dem Schulgebäude stehen ein paar Jungs; sie tragen Perücken mit langen Haaren oder auch Röcke. Ein Mädchen hat sich einen schwarzen Vollbart ins Gesicht gemalt. Es ist Mottowoche an der Bettina-von-Arnim-Sekundarschule im Märkischen Viertel. Jeden Tag verkleiden sich die Abiturienten deshalb nach einem anderen Motto, so ist das üblich in Berlin. „Jungs zu Mädchen – und Mädchen zu Jungs“, das ist heute das Thema. Nichts leichter als das – Perücke, Kostüm, Schminkstift, und schon ist das Geschlecht gewechselt im spaßigen Teil des Lebens. Wie aber verwandelt man sich im ernsteren Teil? Wie wird aus einem promovierten Naturwissenschaftler ein Lehrer? Wie wechselt man vom Labor in den Klassenraum? Wie verschafft man sich Respekt? Wie lebt man mit Schülern?

Drinnen im Gebäude der Naturwissenschaften hat Stefan Reinke gerade seinen Leistungskurs Chemie unterrichtet. „Es war heute wegen der Mottowoche etwas ungeordnet“, sagt Stefan Reinke, Jeans, beiger Pullover, die Ärmel hochgekrempelt. Am rechten Unterarm ist sein Tribal-Tattoo sichtbar. Seine Schüler ziehen davon, sie lachen, sind gut gelaunt.

Stefan Reinke, heute 43 Jahre alt, war einer der ersten von den 300 Quereinsteigern, mit denen es Berliner Schüler vor gut zweieinhalb Jahren zu tun bekamen. „Er ist ein cooler Lehrer“, hat einer der verkleideten Jungs vor dem Schultor gesagt. Und ein anderer hat berichtet, dass Reinke gut erklären könne.

Zermürbende Unsicherheit

Der promovierte Biochemiker ist im Jahr 2014 plötzlich Lehrer geworden. In seinem damaligen Beruf sah Stefan Reinke keine Perspektive mehr. Mit der Entscheidung zu wechseln kann er immer noch gut leben. „Ich bereue es keineswegs, die Arbeit macht mir Spaß“, sagt er.

Er arbeitete im akademischen Mittelbau damals, abhängig von Drittmitteln, von befristeten Arbeitsverträgen. Die Unsicherheit zermürbte den Vater von zwei kleinen Kindern. „Der Mittelbau an den Universitäten ist derzeit tot“, sagt Reinke immer noch, er ist informiert, hat Kontakt zu Kollegen von früher. Zuletzt hatte er am Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie in Buch gearbeitet. Er war gern dort im Labor, nur seine Zukunft war so ungewiss.

19 Stunden wöchentlich musste er als Lehrer-Anfänger unterrichten. Eine Herausforderung. Anfangs wusste Reinke noch nicht genau, wie er renitenten Schülern Grenzen setzen soll. Pubertäres Gehabe kannte er von seinen Studenten nicht. Sein Unterricht erinnerte an einen Vortrag in einem Seminar an der Universität. Manchmal verlor er sich in wissenschaftlichen Ausführungen. Gestresst war er obendrein, weil er das berufsbegleitende Referendariat absolvieren musste. Ein gewaltiges Arbeitspensum, an dem etliche Quereinsteiger scheitern.

Stefan Reinke hat es geschafft. Inzwischen ist er ein regulärer Lehrer mit einem realistischen Blick auf den Schulalltag. Vor einem Jahr bereits hat er seine Abschlussprüfung bestanden – mit der Gesamtnote 2. Bei der Lehrprobe in Chemie lief nicht alles rund. Ein chemischer Versuch klappte nicht. Es gab Probleme mit dem Kolbenprober.

Reinke wirkt entspannter als bei unserem Treffen vor zweieinhalb Jahren, als er neu war an seiner Schule. Er joggt jetzt regelmäßig, er trägt Kontaktlinsen statt Brille. Und er glaubt inzwischen zu wissen, was einen guten Lehrer ausmacht. „Facettenreich sollte er sein. Er muss fachlich und pädagogisch gut sein, aber vor allem muss er sich um die Schüler kümmern wollen“, sagt Reinke. „Schüler freuen sich, wenn jemand für sie da ist, ihnen die Dinge erklärt und ihnen zugewandt ist.“ Die Schüler an seiner Schule seien wissbegierig, seien froh, wenn Unterricht stattfindet, wenn es eine feste Bezugsperson gibt. „Fatal ist es, wenn ein Lehrer den Schülern keine Wertschätzung entgegen bringt.“

Stefan Reinke ist nicht mehr der Biochemiker, der eher zufällig in der Schule gelandet ist. Er arbeitet daran, dass die Schüler ihm wirklich folgen können. „Ich habe gelernt, das Fachliche didaktisch zu reduzieren“, sagt er. „Wenn ich jetzt den Unterricht plane, mache mir nicht Gedanken über das Fachliche, sondern darüber, wie ich es am besten vermitteln kann.“ Womöglich hilft es, dass Stefan Reinke ein Kumpeltyp ist, der gerne lacht und zu dem man schnell Vertrauen fasst. Er hat inzwischen einen eigenen Leistungskurs Chemie, ist Klassenlehrer und zudem Mentor eines Studenten im Praxissemester. So schnell wird man derzeit vom Quereinsteiger zum Ausbilder angehender Lehrer.

Was waren die entscheidenden Dinge, die er als Quereinsteiger gelernt hat? Dreierlei, sagt Reinke. Erstens den Unterricht für die Schüler ansprechender zu gestalten. Zweitens widerspenstigen Jugendlichen schneller klar zu widersprechen und drittens mündliche Noten nach einem festen Bewertungsraster zu vergeben. „Die Benotung muss gut begründet sein, sonst könnten Eltern klagen.“

Das Benotungsraster aus dem Referendariat, das könne er heute wirklich gebrauchen. Ansonsten sei er in diesem Referendariat zahlreichen Wortungetümen begegnet. Reinke zählt auf: Problemorientiertes Lernen, Lernen durch Lehren, die Methodenvielfalt, die individuelle Förderung, großer Versuchsaufbau. „Und am Ende der Stunde kommt die große Erleuchtung“, scherzt Reinke . „Wenn man dann innerhalb von zehn Minuten eine Vertretungsstunde übernehmen muss, nützen die großen Pläne nicht mehr so viel.“

Immer unter Beobachtung

Stefan Reinke hat auch gelernt, ein Schuljahr in verschiedene Phasen einzuteilen. Es gebe anstrengende Phasen, aber auch Zeiten, in denen es etwas ruhiger zugehe. „Ganz besonders viel los ist, wenn die Halbjahreszeugnisse geschrieben, die Klausuren korrigiert und die Noten feststehen müssen.“ An seiner Schule, einer beliebten Sekundarschule, müssen dann Kurzgutachten geschrieben werden, die den einzelnen Schülern eine Rückmeldung geben sollen. Zusätzlich müsse man als Lehrer dann natürlich den Unterricht vorbereiten und vielleicht zusätzlich noch einen Schüler wegen massiver häuslicher Probleme betreuen. „Dann erreicht man schnell eine Belastungsgrenze“, sagt Reinke. Aber es gebe auch Phasen wie jetzt zwischen Winter- und Osterferien, da halte sich die Belastung in Grenzen. Eines allerdings setzt den Quereinsteiger immer noch unter Druck. „Wenn unterrichtet, muss man topfit sein. Das ist wichtig. Man steht permanent unter Beobachtung.“

Berlin setzt in den kommenden Jahren weiter auf Pädagogen wie Stefan Reinke, die eigentlich aus ganz anderen Berufen kommen. Etwas anderes ist gar nicht mehr möglich. Denn in Berlin hat man in der Vergangenheit zu wenig Lehrer ausgebildet. Außerdem verbeamten andere Bundesländer die Pädagogen, anders als Berlin.

Stefan Reinke selbst kennt Fälle, wo es schiefgelaufen mit dem Quereinsteigen, manchmal kümmert sich die Schule nicht genug. Manchmal kann sich der Quereinsteiger nicht auf den Lehrerberuf einlassen – wie jener Astronom, der wieder zurück in seine Sternwarte wollte. Verwandlungen muss man wollen. Und man muss sie üben.