Entlang des ehemaligen Mauerstreifens an der Bernauer Straße existiert heute eine soziale Grenze. Das spiegelt sich auch in den Grundschulen wider. Während in Alt-Mitte die Kinder des bildungsbürgerlichen Mittelstandes zur Grundschule gehen, besuchen ein paar hundert Meter weiter in Gesundbrunnen vornehmlich Kinder aus armen, oft migrantischen Familien die dortigen Einrichtungen.

Um diese sozialen Gegensätze zu entschärfen, hat die Gustav-Falke-Grundschule an der Strelitzer Straße, direkt hinter der Bernauer Straße in Gesundbrunnen gelegen, vor gut sechs Jahren ein interessantes Angebot eingerichtet. Kinder, die einen Deutsch-Test bestehen, kommen in eine sogenannte Nawi-Klasse. In diesen Spezial-Klassen erhalten sie zusätzlichen Unterricht in Biologie, Chemie und Physik sowie Englischunterricht von Anfang an.

„Unser Angebot zeigt Wirkung“, sagt Schulleiterin Sabine Gryczke. Es kommen mehr Kinder aus Mittelschichtsfamilien, während die Zahl der Kinder aus Familien, die Sozialtransfers beziehen, deutlich zurückgegangen sei. Und auch die Anzahl der Kinder, die zu Hause vornehmlich kein Deutsch sprechen, sei von 95 auf 77 Prozent gesunken. „Eine bessere Schülermischung führt zu größeren Lernerfolgen“, ist die Schulleiterin überzeugt. Dabei müsse sie immer noch echte Überzeugungsarbeit leisten, um Eltern aus Alt-Mitte oder auch Mittelschichtseltern aus Gesundbrunnen dazu zu bewegen, ihre Kinder hier anzumelden.

Entstanden ist dieser Schulversuch ausgerechnet aus einer Bürgerinitiative, die verhindern wollte, dass ihre Kinder an die Falke-Schule müssen. Denn seinerzeit hatte der Bezirk Mitte die Einzugsbereiche derart verändert, dass auch die Kinder aus Alt-Mitte zur Schülerklientel gehörten. Dagegen wehrte sich die Elterninitiative.

Spezialklassen eingerichtet

Ein gutes Jahr wurde verhandelt. Dann war der Kompromiss mit den Nawi-Klassen gefunden. Ein Deal, den damals nicht alle gerecht fanden. „Ich habe mich gefragt, wieso es für meine Kinder keine zusätzliche Förderung gibt“, sagt eine arabischstämmige Mutter noch heute. Neben Kindern aus Alt-Mitte, von der anderen Seite der Bernauer Straße, finden sich in den Spezialklassen auch Kinder aus Gesundbrunnen, deren Eltern aus verschiedenen Herkunftsländern stammen. Diese Schule bereite die Kinder auf die heutige Vielfalt Berlins vor, damit wirbt die Falk-Schule inzwischen. Drüben in Alt-Mitte würden sich die Kinder doch eher unter Ihresgleichen bewegen.

Derzeit ist es so, dass in der Falke-Grundschule alle Plätze belegt sind – durch Direktanmeldungen und weil viele in Alt-Mitte abgelehnten Kinder schließlich hier angemeldet werden. Immerhin ist die Schule dann zweite Wahl, benachbarte Schulen können das nicht von sich behaupten. Selbst Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) erkennt inzwischen die positive Entwicklung der Falke-Schule an. „Anfangs habe ich das kritischer gesehen“, gab er am Montagabend bei einer Runde der örtlichen SPD-Kandidatin Maja Lasic zu. Generell aber stehe er auf dem Standpunkt, dass die Grundschulen sich zunächst um die Kinder in ihrem direkten Umfeld kümmern sollten, ohne Kinder von woanders abzuwerben. „Denn das nimmt woanders wieder etwas weg“, so Rackles.

Birgit zur Nieden, Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, hat an Neuköllner und Kreuzberger Schulen geforscht und drei verschiedene Verhaltensmuster festgestellt: Zum einen gibt es Schulen, die gar nichts für eine andere Schülermischung machen, sondern einfach mit den Schüler arbeiten, die zu ihnen kommen. Zweitens arbeiten bestimmte Schulen über ihr Profil oder ein inklusives Programm gezielt auf eine heterogene Schülermischung hin. Und drittens gibt es Schulen, die Schüler in bestimmte Gruppen einteilen, um überhaupt eine breite Schülermischung zu erreichen. „Mit Segregation soll Segregation vermieden werden.“ Da gibt es dann Theaterklassen oder Klassen werden nach Religion oder anderen Merkmalen aufgeteilt.

Konkurrenz von drüben

Schulleiterin Gryczke, selbst ein Arbeiterkind aus dem Wedding, findet es wichtig, dass der Schulversuch eine Aufbruchstimmung im Kollegium ausgelöst hat. Doch es gibt Rückschläge. An Grundschulen in Alt-Mitte gehen die Kinder nicht selten bereits ab der 5. Klasse auf ein Gymnasium. Dann werden dort wieder ein paar Plätze frei. Letztens wurden deshalb ein paar Fünftklässler aus der Falke-Schule wieder nach Alt-Mitte abgeworben. Sofort entstand in der Klasse eine Art Dominoeffekt, auch andere Eltern meldeten daraufhin ihre Kinder ab.