Niedersachsen schafft das Sitzenbleiben an Schulen komplett ab. Die Hauptstadt sollte das auch machen, sagen nun Berliner Politiker der Grünen und der Linken, aber auch Paul Schuknecht, Chef der GEW-Schulleitervereinigung. „Sitzenbleiben kostet unnötig viel Geld und kommt einer Bestrafungsaktion gleich“, sagte Schuknecht, der die Friedensburg-Sekundarschule in Charlottenburg leitet. „Das Geld sollte man besser in die individuelle Förderung schwieriger Schüler investieren.“

Etwa in Förderunterricht oder kleinere Lerngruppen. Auch die Bildungsverwaltung stellt das unfreiwillige Wiederholen in Frage: „Sitzenbleiben ist pädagogisch nicht unbedingt sinnvoll, weil es nicht zwingend zu Leistungsverbesserungen führt“, sagte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) auf Anfrage.

Allein im vergangenen Schuljahr entstanden Berlin durch 5 581 Sitzenbleiber laut Bildungsverwaltung zusätzliche Kosten von 34 Millionen Euro. Denn ein Schulplatz kostet durchschnittlich 6100 Euro jährlich. Wiederholer erfordern zusätzliches Personal, Räume und Schulmaterial. Allerdings hat Berlin mit der Schulreform das Sitzenbleiben an Sekundarschulen bereits abgeschafft.

Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu fordert seit Langem das Sitzenbleiben auch an Gymnasien abzuschaffen, weil es Schüler stigmatisiert und frustriert. „Auch Gymnasiallehrer müssen sich stärker um die Förderung der Schüler kümmern.“ Dem widerspricht Ralf Treptow vom Gymnasialleiterverband. „In Berlin gilt der freie Elternwille bei der Oberschulwahl, deshalb muss es Korrektive wie Probejahr oder Klassenwiederholung geben“, sagte Treptow.

Denn Ziel des Gymnasiums sei es ja, alle Schüler in einem einheitlichen Bildungsgang zum Abitur zu führen. „Das gelingt nur, wenn Schüler, die nicht mitkommen, auch mal eine Klasse wiederholen können. CDU-Politikerin Hildegard Bentele mahnte, dass Schüler lernen müssten, mit Leistungsbewertung umzugehen. „Man kann die spätere Lebensrealität im Berufsleben in der Schule nicht verneinen.“

Über das Für und Wider des Sitzenbleibens streiten sich auch die Bildungsforscher. „Gleiche Ziele für alle zu demselben Zeitpunkt zu erreichen, ist eine Illusion“, sagt der renommierte Grundschulpädagoge Hans Brügelmann aus Berlin. Die Lernvoraussetzungen streuten schon am Schulanfang. In höheren Klassen gebe es Unterschiede, die über mehrere Jahrgänge reichten. Statt einem Unterricht im Gleichschritt zu folgen, sollte jedes Kind seinen nächsten Schritt selbst machen können. Das sei auch deshalb wichtig, weil in der sogenannten inklusiven Schule künftig behinderte Schüler mit anderen gemeinsam in normalen Klassen lernen sollen. Da brauche es für jeden Rückmeldungen zu verschiedenen Zeiten.

„Pädagogisch kontraproduktiv“

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, verweist dagegen auf die bisher größte deutsche Sitzenbleiberstudie. Dieser zufolge haben Klassenwiederholer gegenüber gleich Leistungsschwachen, die nicht sitzenbleiben, eine 50-prozentig höhere Chance, den angestrebten Schulabschluss zu erreichen. Ein Verbot des Sitzenbleibens nütze keinem.

Der Erziehungswissenschaftler Jan-Hendrik Olbertz wiederum hat vor allem ein Problem mit dem Begriff. „Das Wort Sitzenblieben assoziiert: zurückgelassen werden! Die Karawane zieht weiter und einer bleibt sitzen“, sagt der Präsident der Humboldt-Universität. Das sei pädagogisch kontraproduktiv. Die Debatte sei auch aus diesem Grund sehr negativ aufgeladen. „Aber die Idee, die eigentlich dahinter steckt, würde ich erst noch mal in Ruhe prüfen, ehe ich gleich das Sitzenbleiben mal eben so abschaffe“, sagt Olbertz. Er kenne Fälle, in denen Eltern ganz aufgeklärt mit den Kindern zusammen entschieden hätten, ein Jahr zu wiederholen. „Übrigens sogar zur Verbesserung der Abiturnote.“ Olbertz würde aber die Betreuung eines Wiederholers anders gestalten.