Schuleingangsuntersuchung in Berlin: Jedes dritte Kind kann sich nicht gut bewegen

Berlin - Viele Fünfjährige können nicht mehr längere Zeit auf einem Bein hüpfen. Oder simple Strichzeichnungen vervollständigen. Sie haben große Defizite, ihren Körper zu koordinieren. Und es gibt je nach Kiez arge Sprachdefizite. Das stellten Amtsärzte bei den Schuleingangsuntersuchung seit Jahren fest.

Gesundheitswissenschaftler Raimund Geene warnt vor „Problemspirale“

Bei einer Anhörung im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses ging es am Donnerstag um die Frage, wie Berlin die konstant schlechten Werte verbessern kann. Schließlich hatte fast ein Drittel der untersuchten Fünfjährigen zuletzt Probleme mit der Körperkoordination, bei 13 Prozent war sie auffällig, bei knapp 16 Prozent grenzwertig.

Gesundheitswissenschaftler Raimund Geene von der Berlin Public School of Health betonte, dass Maßnahmen früh ansetzen müssen. Insbesondere junge, alleingelassene Frauen mit Kind sollten früh Hilfsangebote erfahren. „Sonst geraten sie in eine Problemspirale“, sagte Geene. Wichtige sei bei ersten, vom Jugendamt prinzipiell vorgeschriebenen Hausbesuchen, dass Mitarbeiter verständnisvoll auftreten. „Junge Eltern sollten keine Angst haben vor Behörden.“

Motorische und sprachlichen Defiziten bei Berliner Schulkindern

Selbst das in den Kitas geführte Sprachlerntagebuch könne dazu führen, dass bestimmte Eltern sich wegen ihrer eigenen Bildungsdefizite unter Druck gesetzt fühlen. „Ansonsten behindern natürlich enge Wohnungen und wenig nahe Grünflächen die motorische Entwicklung“, führte Geene aus. Selbst das Pokemon-Go-Spiel helfe, damit sich Kinder mehr bewegen.

Oliver Schworck (SPD), Jugendstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, wies auf die großen regionalen Unterschiede in Berlin hin. In einigen Kiezen müsse der Impf- sowie der Zahnstatus der Kinder dringend verbessert werden. Um Sprachdefizite zu beheben, sei ein möglichst langer Kitabesuch das Beste. Auffällig ist, dass es bei den motorischen und sprachlichen Defiziten Unterschiede nach der ethnischen Herkunft gibt. Während gut 27 Prozent der Kinder deutscher oder osteuropäischer Herkunft auffielen, waren die Defizite unter türkischstämmigen Kindern (35 Prozent) und arabischstämmigen Fünfjährigen (36 Prozent) deutlich höher.

Zahl übergewichtiger Kinder ist laut Schuluntersuchung in Berlin rückläufig

„Insbesondere arabische Familien empfinden die Kita oft als fremdes System“, sagte Geene. Insgesamt sollten noch mehr Familien die Angebote von Familienzentren nutzen. Mache Praktiker fordern die Wiedereinführung von Vorklassen. „Kita und außerfamiliäre Angebote können natürlich nicht alles richten“, sagte Schworck.

Über die Jahre leicht rückläufig ist die Zahl übergewichtiger und fettleibiger Kinder. Besonders hoch ist deren Anteil noch in sozial schwierigen Gegenden wie Gropiusstadt, Reinickendorf-Ost, Wedding oder Hohenschönhausen-Nord. In Marzahn-Hellersdorf ist die Anzahl untergewichtiger Kinder überraschend hoch, was laut Geene auch am vietnamesischen Bevölkerungsanteil liegen könnte. Der Anteil von Kindern, die in Raucherhaushalten leben, ging innerhalb von zwölf Jahren sogar um 17 Prozent zurück. Kinder verbringen weiter viel Zeit am Bildschirm, gucken aber weniger Fernsehen.