Lehrerstreik in Berlin: Der Schulwahnsinn treibt sie in den Burn-out

Ein Protestzug streikender Lehrer zieht am Mittwoch durch Berlin. Die Teilnehmer fordern bessere Lernbedingungen, kleinere Klassen und mehr Personal.

Lehrerdemo am Moritzplatz – für kleinere Klassen und gerechte Bezahlung der Quereinsteiger.
Lehrerdemo am Moritzplatz – für kleinere Klassen und gerechte Bezahlung der Quereinsteiger.Gerd Engelsmann

Es sind mehr als 1500 Menschen, die sich auf dem Moritzplatz in Kreuzberg versammelt haben. Sie protestieren an diesem Mittwochmorgen gegen die Zustände an Berliner Schulen. Für Tausende Schülerinnen und Schüler dürfte der Unterricht ausgefallen sein. Genauere Zahlen dazu kann die Senatsverwaltung für Bildung am Morgen noch nicht nennen. In roten Westen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zum Streik aufgerufen hatte, ziehen die Lehrer und Schulleiter quer durch die Innenstadt und bis vor das Rote Rathaus, sie schwenken Fahnen und haben Plakate mitgebracht. Vereinzelt sind auch Eltern und Schüler zum Protestmarsch erschienen. Sie alle fordern: kleinere Klassen und mehr Unterstützung der Lehrkräfte durch weiteres Personal an den Schulen.

Eigentlich war der Streik und Protest nur für Lehrerinnen und Lehrer angekündigt. Es kamen aber auch viele Schulleiter, die sich ihrem Kollegium anschlossen. Auch sie sind mit der Personalnot unzufrieden und wütend auf die Berliner Bildungspolitik. Berlins Schulklassen sind zu groß, seit Jahren fehlen der Stadt Lehrkräfte.

Berliner Bildungspolitik: „Wir haben ein Auto ohne Räder und diskutieren über Fahrstil“

Gekommen sind auch der Schulleiter des Barnim-Gymnasiums in Lichtenberg, Sebastian Koven, und sein Kollege Florian Hackmann von der Vincent-Van-Gogh-Schule. Koven ist seit 2008 in Berliner Schulleitungen tätig. Seitdem sei der Job immer anstrengender und stressreicher geworden. Die Aufgaben für Lehrkräfte und Schulleiter wuchsen mit den Jahren an, gleichzeitig wanderte immer mehr Personal ab. Für Koven ist nun ein kritischer Punkt erreicht: „Ich habe noch nie in meinem Leben gestreikt, aber jetzt sind die Kollegen endgültig an der Belastungsgrenze angekommen. Lehramtsstudierende machen bei uns ihr Praxissemester und sagen danach: Wir werden auf keinen Fall Lehrer.“ Zu abschreckend sei der enorme Stress, den der Beruf mit sich bringe.

Die Schulleiter Sebastian Koven (links) und Florian Hackmann
Die Schulleiter Sebastian Koven (links) und Florian HackmannBLZ/Conradi

Koven macht es wütend, wenn die Lehrkräfte derzeit weitere Verpflichtungen zu Fortbildungen bekommen, und ihnen so noch mehr Stress aufgebürdet werde. Er beschreibt die Berliner Bildungspolitik so: „Wir haben hier ein Auto ohne Räder und diskutieren über Fahrstil.“

In den Klassen am Barnim-Gymnasium sitzen durchweg deutlich über 30 Schüler. An der Vincent-Van-Gogh-Schule, einer integrierten Sekundarschule in Hohenschönhausen, sind es zwar mit ungefähr 26 Schülern pro Klasse etwas weniger. Die Herausforderung, Lehrerinnen und Lehrer zu finden, sei aber umso größer, erzählt Schulleiter Florian Hackmann am Rande der Demonstration.

Hackmann: „An den Gymnasien gibt es zumindest noch Initiativbewerbungen. Bei uns ist das kaum noch der Fall. Außerdem haben wir einen großen Anteil an Quereinsteigenden im Büro, die super Arbeit leisten, aber eigentlich noch Unterstützung brauchen. Dafür fehlt aber das Personal.“ Hackmann will, dass die Stundentafeln an Berliner Schulen flexibler gestaltet werden. Allein der Wegfall von einer Stunde pro Woche mache zwei Lehrerstellen aus. Die GEW fordert 19 Schüler pro Klasse an Grund- und nicht mehr als 24 an weiterführenden Schulen.

Senatsverwaltung: Keine valide Prognose möglich, wann mehr Lehrer kommen

In der Zwischenzeit hat sich die Demonstration in Bewegung gesetzt. „Kleine Klassen wären große Klasse“ und „Lehrkräfte wollen unterrichten, nicht untergehen“, steht auf Plakaten. Aber kleine Klassen lassen sich nicht ohne Weiteres umsetzen. Seit Jahren stocken die Verhandlungen der Senatsverwaltung für Wissenschaft mit den Berliner Hochschulen über mehr Lehramtsstudienplätze.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung, wann und wie stark die Absolventenzahlen steigen würden, antwortete ein Sprecher: „Prognosen über künftige Abschlusszahlen lassen sich aufgrund der noch immer spürbaren pandemiebedingten Verwerfungen nicht valide erstellen.“ Der „enorme Kapazitätsausbau“ bringe neue Herausforderungen mit sich, aufgrund derer sich die Erfahrungen aus früheren Studierendenkohorten nicht auf die Zukunft übertragen ließen.

Die Demonstrierenden wollen zwar auch langfristig den Druck erhöhen, mehr Absolventinnen und Absolventen von Lehramtsstudiengängen in den Beruf bringen. Das sagte der Vorsitzende der GEW Berlin, Tom Erdmann, der Berliner Zeitung. Als schnellste Maßnahme geht es ihnen aber darum, die Lehrpläne zu entschlacken und mehr Personal an die Schulen zu bringen, um die Lehrer bei ihren Aufgaben um den Unterricht herum zu entlasten. So soll der Job auch kurzfristig erträglicher werden.

Demonstranten wünschen sich bessere Lernbedingungen für ihre Schüler

Das sagt auch der Tempelhofer Lehrer Jan Johannes. Er arbeitet an der Havelland-Grundschule und wird heute von zwei Schülern und drei Elternteilen begleitet. Johannes fehlt ein klares Bekenntnis der Politik, dass die Missstände in den Schulen ernsthaft angegangen werden sollen: „Uns fehlt es an Personal. Nicht nur an Lehrern, sondern auch an Sozialarbeitern, die einen wichtigen Einfluss auf die Lernbedingungen an den Schulen haben. Die Zustände sind katastrophal!“

Wie Grundschullehrer Jan Johannes wollen alle Menschen, mit denen die Berliner Zeitung auf der Demonstration spricht, die Missstände aus zwei Perspektiven anprangern: Das ist zum einen der extreme Stress, unter dem die Lehrkräfte leiden. Zum anderen wünschen die Lehrer sich, den Schülerinnen und Schülern bessere Lernbedingungen bieten zu können.

Als der Demonstrationszug den Moritzplatz verlässt, kommt eine Frau auf die Berliner Zeitung zu, die besonders großen Redebedarf zu haben scheint. Katharina Ketzel ist stellvertretende Schulleiterin der Heinrich-Mann-Schule in Neukölln. In einem Rucksack hat sie einen Hundewelpen dabei, den sie beim Reden streichelt.

Die 43-Jährige klagt darüber, dass es an ihrer integrierten Sekundarschule nicht mehr möglich sei, Schülerinnen und Schüler mit Förderstatus, also mit sonderpädagogischen Bedürfnissen zu betreuen, weil es dafür schlicht kein Personal gebe. Ketzel: „Gerade nach der Pandemie haben die Jugendlichen großen sozial-emotionalen Unterstützungsbedarf und brauchen Lernförderung. Leider können wir das so gut wie nicht mehr leisten, weil es dafür kein Personal gibt.“

Kein Personal und Unterricht in engen Ersatzgebäuden

An der Heinrich-Mann-Schule seien dieses Schuljahr fünf Lehrerstellen unbesetzt geblieben, sagt Ketzel. Weitere Lehrkräfte fielen durch den enormen Stress „dauerkrank“ aus. Und weiter: „Ich habe alles probiert. Ersatz bekomme ich nicht. Wir sind auf uns allein gestellt.“ Das bedeute auch: „Jeden Morgen müssen wir den Stundenplan so zusammenbauen, dass die Schülerinnen und Schüler so viel Fachunterricht wie möglich bekommen. Mit diesen personellen Ressourcen ist das jeden Tag eine neue Herausforderung.“

Ketzel wünscht sich, dass sie Stunden bald nicht mehr auf Kosten der psychischen Gesundheit ihrer Kolleginnen und Kollegen von bereits überlasteten Lehrkräften vertreten lassen muss. Weil das eigentliche Schulgebäude asbestverseucht ist, müssen die Klassen der Heinrich-Mann-Schule derzeit in den laut Ketzel zu kleinen Räumen eines Ersatzbaus unterkommen. Nach dem Gespräch schließt sie sich wieder dem Demonstrationszug Richtung Rotes Rathaus an.

Die Senatsverwaltung für Bildung hat einen runden Tisch zum Thema Lehrermangel einberufen. Die Absprachen sind vertraulich. Ein Sprecher sagt, ein erstes Treffen sei konstruktiv gewesen. Wann erste Ergebnisse vorliegen, ist noch unklar.