Die Weltsprache Arabisch wird an Berliner Schulen künftig eine weitaus größere Rolle spielen. Neuerdings bieten vier Berliner Grundschulen das Projekt „Muttersprache Arabisch“ an. Dabei erhalten arabischstämmige Schüler zusätzlich zum üblichen Unterricht zwei Stunden Arabisch pro Woche in kleinen Lerngruppen. „Bis zum Ende der vierten Klasse sollen diese Schüler dann Arabisch in Wort und Schrift beherrschen“, sagt Birgit Habermann, Leiterin der Erika-Mann-Grundschule in Wedding. Das Angebot stoße auf großes Interesse.

Die immense Nachfrage ist wenig verwunderlich, denn Arabisch wird bisher in Berlin nur an zwei kleinen Privatschulen als Fremdsprache unterrichtet, an staatlichen Schulen überhaupt nicht. Die bieten bisher lieber Japanisch oder Chinesisch an. Dabei ist die Zahl der arabischsprechenden Menschen in Berlin sehr groß und hat durch die Massenflucht aus Syrien noch zugenommen.

Der Senat bereitet nun den nächsten großen Schritt vor. Geplant ist nach Informationen der Berliner Zeitung mindestens eine deutsch-arabische Schule nach dem Vorbild der staatlichen Europaschulen in Berlin. Das soll der Integration dienen und den arabischstämmigen Menschen in Berlin Wertschätzung signalisieren, heißt es im Umfeld von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Tatsächlich hat Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass die zweisprachige Bildung und Erziehung ausgebaut werden soll. Ausdrücklich genannt werden dort Türkisch, Arabisch und Kurdisch sowie allgemein osteuropäische Sprachen.

Womöglich als Abiturfach

Bisher gibt es 30 solche Europaschulen, allerdings nur für verschiedene europäische Sprachen sowie für Türkisch. Die Schüler werden in der jeweiligen nichtdeutschen Sprache zum Beispiel in Sachkunde, Geografie, Geschichte oder Naturwissenschaften unterrichtet. Idealerweise sollen diese Europaschulen zur Hälfte von deutschen Muttersprachlern besucht werden – und nur zur anderen Hälfte von Schülern, die Englisch, Französisch oder künftig eben Arabisch zu Hause sprechen. Tatsächlich dominieren an vielen Europaschulen aber die Sprecher der jeweiligen Muttersprache. So ist zum Beispiel an den deutsch-türkischen Europaschulen in Kreuzberg der Anteil der türkischen Muttersprachler sehr hoch.

Ganz besonders die Grünen haben sich bei den Koalitionsverhandlungen für den Ausbau der arabischen oder türkischen Sprachangebote stark gemacht. „Wichtig ist, dass man eine solche Sprache dann auch durchgängig erlernen kann“, sagt Grünen-Bildungspolitikerin Stefanie Remlinger. Dann käme Arabisch in Zukunft auch als Abiturfach infrage. Zudem würden arabischsprachige Pädagogen die Lehrerkollegien vielfältiger machen und damit der breiten Schülermischung an vielen Berliner Schulen eher gerecht werden.

„Derzeit gibt es im öffentlichen Bewusstsein anerkannte Sprachen wie Englisch, Italienisch oder selbst Chinesisch, die für Weltläufigkeit stehen, und eine negativ belegte Sprache wie Arabisch, das viele pauschal mit Extremismus und Islamismus verbinden“, sagt Michaela Ghazi von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie ist mit einem Libanesen verheiratet und hatte seinerzeit vergeblich nach einem solchen Angebot für ihre Kinder Ausschau gehalten. „Viele arabischstämmige Berliner sprechen heute kein gutes Arabisch mehr.“

Dominante Schülergruppe

Allerdings hegen viele Schulleiter die Befürchtung, dass eine Schule, die Arabisch anbietet, dann bald von der arabischsprechenden Bevölkerung dominiert würde. Das würde dann kontraproduktiv sein, wenn die Schüler zu wenig deutsche Sprachvorbilder hätten, um gut Deutsch zu lernen, sagt eine Schulleiterin, die nicht namentlich genannt werden wollte. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen: 1992 starteten in Berlin gut 19 Grundschulen ein Angebot zur zweisprachigen Alphabetisierung in Türkisch und Deutsch, in Kooperation mit dem türkischen Generalkonsulat. Bis heute weitergeführt haben dieses Angebot aber nur vier Grundschulen. Zu oft bleiben die Lernerfolge aus. Auch Rainer Völkel vom Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium findet es nicht gut, dass seine Schule seit vielen Jahren Türkisch als zweite Fremdsprache bietet. Seither drängen viele türkischstämmige Jugendliche ohne Gymnasialempfehlung an die Schule, weil sie Türkisch aus ihrer Sicht für leichter halten als Französisch oder Spanisch.

Petra Stanat leitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität. Sie will der aktuellen Studie zu den Staatlichen Europaschulen in Berlin, die am Mittwoch vorgestellt werden soll, nicht vorgreifen. Aber sie sagt: „Ein solch bilinguales Angebot steht und fällt mit der Qualität des Lehrpersonals.“ Es müssten fachlich und didaktisch qualifizierte Pädagogen zum Einsatz kommen. Prinzipiell bestehe das Risiko, dass die jeweiligen Muttersprachler die Schule dominieren. Deshalb müsse die Bildungspolitik ein ganz besonderes Augenmerk auf das Aufnahmeverfahren an einer solchen Schule legen.