Berlin - Berlin braucht in den kommenden Jahren 30 neue Schulgebäude – und die sollen nach einem neuen Konzept gebaut werden. Die Gebäude  sollen deutlich mehr Fläche pro Kind bieten, nämlich zwölf statt neun Quadratmeter. Schließlich sind Kinder im Ganztagschul-Zeitalter länger in der Schule als zu Hause.

Und  die neuen Schulen sind in kleinere, autonome Lernhäuser unterteilt, in denen etwa 18 Pädagogen ein eigenes Teamzimmer haben und dort in einer überschaubaren Atmosphäre mit mehreren Lerngruppen zu tun haben. Lern-, Aufenthalts- und Pädagogen-Bereiche sind offen gestaltet und gehen fließend ineinander über.

Ergebnisse der Arbeitsgruppe Schulraumqualität

„Alle Kinder kennen alle Pädagogen und umgekehrt –  das motiviert und  führt zu mehr Schulerfolg“, sagt Jörg Ramseger, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität. Er gehört der 70-köpfigen  Arbeitsgruppe Schulraumqualität an, die diese hochfliegenden Pläne im Auftrag von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) entwickelt hat. Beteiligt waren auch Architekten, Baufachleuten, Schulleiter,  Eltern und Schüler.

Berlin wolle „die beste Schule der Welt“, wie es Bildungsforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität ausdrückt. „Wir wollen weg von der herkömmlichen Flur-Schule des 19. Jahrhunderts, wo die Schüler das Wissen passiv und frontal eingepaukt bekamen. Heute sollen Schüler zum selber Denken angeregt werden.“

Dafür brauche es andere Räume und verschiedene Foren, aber auch Rückzugsräume  für Schüler und kein riesiges Lehrerzimmer mehr, sondern kleinere Teamräume, in denen  sich Lehrer und Erzieher austauschen können. Im Übrigen müssen die Schulen in der digitalen Welt ankommen und freies W-Lan gibt es überall auf dem Schulgelände.

Jetzt sind in der Berliner Bildungspolitik schon so einige hochfliegende Pläne grandios gescheitert. Ramseger appellierte bereits vorsorglich an Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD), er möge angesichts dieser Neubau-Pläne den Rotstift nicht zu radikal ansetzen. Tatsächlich würde mit diesen neuen Maßstäben ein Viertel mehr Fläche benötigt als bisher, das kostet.

Christine Edmaier, die Präsidentin der Architektenkammer, sprach sich dafür aus, die Neubauprojekte in einem Wettbewerbsverfahren zu vergeben. Das führe zu einer besseren Qualität. „Neben Stein und Beton sollten auch Glas und Holz zum Einsatz kommen.“ Wichtig seien zudem Lärmschutz und der Verzicht auf all zu lange Fluchtwege.

Klar ist, dass die neuen Schulbauten mit vorgefertigten Bauelementen errichtet werden sollen, so genannten Modulbauten. Dass ganze Schulen in dieser Bauweise entstehen, hat es in Berlin seit 1990 nicht mehr gegeben. Auf diese Weise könnten die Gebäude schneller und zügiger gebaut werden, sagte Scheeres. Bis zum Schuljahr 2024/25 rechnet ihre Behörde mit 86.000 zusätzlichen Schülern, etwa ein Fünftel mehr als heute.

Grundstücke müssen gesucht werden

Grob orientieren sich die Berliner Neubauplanungen an Lernhäusern, wie sie in München entwickelt wurden. Kein Wunder, arbeitet die Arbeitsgruppe doch unter Leitung  des ehemaligen Münchner Schulbaustadtrates Rainer Schweppe, der für jene Bauten verantwortlich war.

„Es wird familiärer an Schulen, es gibt weniger Vandalismus, höherer Abschlussquoten und weniger Wiederholer“, preist er das Münchner Modell als Erfolg an. Nicht einfach wird es, für die neuen Bauten die passenden 30 Grundstücke zu finden. Gespräche mit den Bezirken liefen bereits, sagte Katrin Lompscher (Linke), Senatorin für Stadtentwicklung.

Im Senat ist allerdings offenbar immer noch unklar, ob es tatsächlich eine Landesgesellschaft für Schulneubau geben soll. Diese war ursprünglich geplant, um unter Beteiligung einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft die Schuldenbremse umgehen zu können. Inzwischen wächst in Senatskreisen aber die Befürchtung, dass die Neugründung einer solchen Gesellschaft zu viel Zeit in Anspruch nehmen könnte.

Denn die ersten Neubauten sollen bereits in vier bis fünf Jahren stehen. Senatorin Lompscher gab sich am Freitag jedenfalls betont selbstbewusst. „Wir wissen, was beim Schulbau zu tun ist.“ Offenkundig sind sich aber mehrere Senatsverwaltungen hier uneins.