Eine der Quereinsteigerinnen, die in wenigen Tagen als reguläre Lehrerin an einer Grundschule arbeiten wird, ist Elisabeth Fleischhauer. „Uns fehlt noch die Pädagogik und auch die Fachdidaktik, also die theoretischen Grundlagen dafür, wie wir unser Fachwissen angemessen kindgerecht vermitteln“, sagt sie. „Und ich weiß auch noch nicht ganz genau, wie ich eine Schülerakte zu führen habe“. Auch deshalb besucht sie derzeit den siebentägigen Schnellkurs für angehende Lehrer in einem Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße. Zusammen mit 400 anderen Quereinsteigern.

Dort lerne man, häufig ins Schulgesetz und in die Verordnungen zu schauen, sagt sie. Denn wie viele andere Neu-Lehrer hat auch Elisabeth Fleischhauer ganz praktische Fragen. Zum Beispiel: „Wie lange nach Schulschluss ist ein Lehrer verpflichtet, auf einen Schüler zu achten, weil der noch nicht abgeholt ist?“

Im Schnellkurs gibt es auch ein Seminar zum „Fettnäpfchenradar“, das Elisabeth Fleischhauer bereits absolviert hat. Dort vermittelte eine Dozentin Benimmregeln, die für Elisabeth Fleischhauer allerdings eh selbstverständlich sind. „Man lernt, wie man sich gegenüber den neuen Kollegen formal korrekt vorstellt, und dass man seine neuen Kollegen erstmal siezen soll.“ Offenbar traut die Bildungsverwaltung aber nicht allen Quereinsteigern zu, sich wirklich benehmen zu können.

Theorie und Praxis treffen sich

Vor einigen Jahren hätte die lange an verschiedenen Hochschulen tätige Frau noch nicht gedacht, dass sie einmal Lehrerin werden würde. „Beruflich habe ich immer das gemacht, worauf ich Lust hatte“, sagt sie. Die 35-Jährige ist Sprachwissenschaftlerin, wollte ursprünglich als Sprachtherapeutin arbeiten, im Laufe ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigte sie sich immer mehr mit der Sonderpädagogik.

In Elisabeth Fleischhauer treffen sich, wenn man das so sagen darf, Theorie und Praxis auf wunderbare Weise. Denn immer öfter ging es in ihrer wissenschaftlichen Forschung darum, wie Kinder lesen lernen. „Ich habe an der Universität dazugelehrt und auch darüber promoviert.“ Sie hat untersucht, wie Kinder lernen Wörter zu lesen. „Zuerst lesen sie L – ö – s – u – n – g, dann erkennen sie auf einen Blick, dass es aus den zwei Teilen „Lös„ und “ung„ besteht.“

Sie habe da so eine Art Praxisdurst entwickelt, erzählt sie. Und zu diesem Zeitpunkt ergab sich die Möglichkeit des Quereinstieges und sie griff zu. Dabei hatte sie an der Universität Wuppertal noch einen Vertrag, der über mehrere Jahre lief und konnte seit der Geburt ihrer Tochter auch verstärkt von zu Hause arbeiten, Home Office.

Jede Woche 18 Stunden Unterricht

Andere Quereinsteiger sind genervt von den ewigen Zeitverträgen an den Unis, der fehlenden Perspektive, und satteln deshalb um. Bei Elisabeth Fleischhauer ist das anders. Zudem kann sie in ihren Heimatbezirk Marzahn-Hellersdorf zurückkehren.

Schon seit ein paar Monaten arbeitet sie dort als Vertretungslehrerin an einer Grundschule und machte positive Erfahrungen. Jeder Quereinsteiger muss bei einer Stelle in der Bildungsverwaltung prüfen lassen, welche Studienanteile angerechnet werden. Das Fach Sonderpädagogik wurde Elisabeth Fleischhauer anerkannt. Eigentlich müssen angehende Grundschullehrer heute zwingend Deutsch und Mathe studieren. Doch Mathe kann auch durch Sonderpädagogik ersetzt werden. Jetzt studiert sie Deutsch und Englisch jeweils ein Jahr. „Mir fehlen komplett die Literaturwissenschaften.“

Jede Woche wird sie 18 Stunden unterrichten, hinzu kommt das Studium. „Das ist ambitioniert, mittwochs ist Studientag und alles, was dazukommt, läuft abends oder am Wochenende.“ Glücklicherweise hat die Tochter einen Kita-Platz. „Ich hatte einen Vollzeit-Job, jetzt habe ich mehr als einen Vollzeit-Job“, sagt Elisabeth Fleischhauer und wirkt dabei erstaunlich zuversichtlich.

Ein kritischer Blick auf das System

Hervorragend findet sie, dass nun ein pensionierter Lehrer acht Wochen lang immer mal wieder ihren Unterricht besucht und Rückmeldung gibt. Sie freut sich auf die Arbeit mit Erstklässlern. „Die spannendste schulische Zeit in Bezug auf Spracherwerb und Schriftsprache.“

Klar ist, dass sie im neuen Schuljahr auch Mathe unterrichten wird. Fachlehrer fehlen schließlich. Das hat sie in einer ersten Klasse auch schon mal gemacht. „Mathe sollte man immer sehr dicht anknüpfen an das, was Kinder kennen und erleben“, sagt sie. So werde es für die Kleinen spannend. Da könnte man dann überlegen, ob die Menge von fünf Smarties weniger ist als die Menge von fünf Tafeln Schokolade. „So können Erstklässler einen Begriff von Zahlen und Mengen entwickeln“, sagt sie. Das scheint ihr für Erstklässler angemessen.

Zuweilen blickt sie auch kritisch auf das System. Als Anhängerin des inklusiven Gedankens findet sie, dass die Schulen nicht genug ausgestattet sind für die Umsetzung der Inklusion. Es komme einer geplanten Überforderung der Schulen gleich. Insgesamt denkt Elisabeth Fleischhauer, dass ihr ihre wissenschaftliche Perspektive auch im neuen Job nutzen wird. „Dass ich immer wieder objektiv prüfen kann, was ich mit den Kindern erreicht habe“, sagt sie.