Im jüngsten Schulleistungsvergleich der Bundesländer überraschten die ostdeutschen Flächenländer wie Brandenburg soeben mit Spitzenleistungen in Mathe und den naturwissenschaftlichen Fächern Physik, Chemie und Biologie. Berliner Neuntklässler hingegen kamen in Mathe nur auf den vorletzten Platz, in den Naturwissenschaften waren sie auch nur etwas besser.

„Ein Grund für das gute Abschneiden der ostdeutschen Länder ist tatsächlich die Tradition der polytechnischen Bildung in der DDR“, glaubt Hans Merkens, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität (FU). „Diese Art Bildung war technikfreundlicher als die Allgemeinbildung in der Bundesrepublik.“ Diese grundsätzlich positivere Haltung zur Technik wirke nach. „Die Schüler in der DDR haben ja schon ab der 7. Klasse einen Tag in der Produktion verbracht.“ Auch die Lehrerausbildung sei viel praxisnäher gewesen. „Angehende Lehrer verbrachten während ihrer Ausbildung konsequent auch Zeit an Schulen.“ Erst jetzt werde dieser Praxisbezug wieder in die gesamtdeutsche Lehrerausbildung übernommen, so Merkens.

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Doch in Berlin arbeiten noch viele Mathe- oder Physiklehrer mit DDR-Ausbildung. Wieso fallen die Leistungen der Schüler dann so schlecht aus? „Wir haben in Berlin anders als in den ostdeutschen Flächenländern einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund“, sagt Merkens. „Gerade wenn zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird und der Bildungswille des Elternhauses nicht so ausgeprägt ist, hindern Sprachdefizite den Lernerfolg auch in Mathe oder Physik.“ Denn dort würden oft komplizierte Begriffe und Textaufgaben verwendet. „Die Lehrerbildung in Berlin hat bisher kein Konzept darauf angemessen vorzubereiten“, so Merkens. Er wies darauf hin, dass Schüler, die aus Vietnam, oder Russland stammen, häufig überdurchschnittliche Leistungen erbringen. In türkischstämmigen Familien sei der Bildungswille zwar oft stark ausgeprägt, dort überlasse man aber traditionell vieles der Schule.

Berliner Lehrer bilden sich zu wenig weiter

Merkens, seit 1975 an der FU und nach der Wende Gründungsdirektor der school of education in Erfurt, sieht weitere Unterschiede zwischen Brandenburg und Berlin. „In Berlin haben wir bisher ein Schulgesetz, in dem steht, dass Lehrer sich weiterbilden sollen“, sagt Merkens. In Brandenburg hingegen seien Lehrer gesetzlich zur Weiterbildung verpflichtet. Merkens: „Berlin hat deutlich einen Schwachpunkt bei der Personalentwicklung von Lehrkräften.“ An Grundschulen wäre zudem eine Fortbildung in Mathe erforderlich, weil viele Lehrer dieses Fach dort fachfremd unterrichten würden. Mit Blick auf Mathe- oder Physiklehrer mit DDR-Ausbildung fügte Merkens an, dass das Potenzial, sich für Mathe und Naturwissenschaften zu interessieren, in der DDR größer gewesen sei, weil man in dieser Nische nicht so deutlich gesellschaftliches Engagement zeigen musste.

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Jürg Kramer, Leiter des Deutschen Zentrums für Lehrerbildung Mathematik an der Humboldt-Universität, sieht das Problem Berlins vor allem in der mangelhaften Durchmischung der Schulen. „Schüler aus bestimmten Einwanderungsgruppen bleiben an zu vielen Schulen unter sich“, sagt Kramer. Andererseits gebe es auch Schulen, die Spitzenleistungen in Mathe hervorbringen. Der jüngste Professor Deutschlands, Peter Scholze, kam etwa vom Friedrichshainer Hertz-Gymnasium. Auch Kramer ist der Auffassung, dass die Ausbildung von Mathelehrern in der DDR praxisorientierter und stärker auf fachliche Inhalte fokussiert war. „Aber ich habe meine Zweifel, ob das nach 24 Jahren noch alles so stabil überlebt hat“, sagt Kramer, der aus der Schweiz stammt. Daneben müsse es andere Gründe geben. Er verwies darauf, dass die Bereitschaft zur Fortbildung etwa in Thüringen besonders ausgeprägt sei und die Klassen in Ostdeutschland kleiner seien. Wichtig sei aber vor allem guter Unterricht: Um etwa eine Gleichung zu lösen, müssten die verschiedenen Ansätze der Schüler gesammelt und gemeinsam analysiert werden. Ganz wichtig sei es Zeit zu haben, alle Schüler einzubeziehen.