Berlin - Schichtwechsel an der Christian-Morgenstern-Grundschule in Spandau, es ist gegen halb elf, die Putzkolonne rückt an. Gerade sind die letzten Schüler durch einen langen Gang getrottet, vorbei an einer Fensterfront zum Hof und zur Tür hinaus. Sie waren die Frühschicht, gleich erscheint die Spätschicht. „Guten Morgen, die Damen“, sagt Karina Jehniche, die Schuldirektorin, und die drei Frauen grüßen zurück, Eimer in der einen Hand, Sprühflasche in der anderen. „Das Desinfektionsmittel“, sagt Karina Jehniche. Es klingt wie: Alles wird gut.

Seit dem Ende der Osterferien ist dieses Wechselspiel wieder ihr Ritual, gehört zum Tagesablauf wie das Wort Wechselunterricht seit einem Jahr Corona-Pandemie zum allgemeinen Vokabular. Hier im Stadtteil Heerstraße Nord bedeutet das: Ein Teil der 555 Schüler geht nach drei Stunden Unterricht, der andere kommt. Dazwischen werden die Klassenzimmer gereinigt, die Tische, Stühle. Auch die Toiletten. Karina Jehniche sagt: „In jedem Turm.“ Gemeint sind die vier Dreigeschosser, aus denen die Morgenstern-Schule besteht. „Diese Bauweise ist in der Pandemie ein großer Vorteil, weil wir mehrere Eingänge haben und die Klassen voneinander getrennt halten können.“

Karina Jehniche leitet ein Kollegium von insgesamt knapp 100 Lehrkräften und Erzieherinnen. Sie ist Pädagogin, gibt Mathe, Deutsch, normalerweise. Seit März 2020, in einer anderen Normalität, arbeitet die 56-Jährige als Corona-Managerin, Hygiene-Beauftragte, Kinder-Gruppen-Lenkerin. Sie fungiert als Kommunikationschefin für Schüler, Eltern, Mitarbeiter. Sie meldet, was zu melden ist, an Bezirksamt, Schulamt, Gesundheitsamt. Sie erhöht die Zahl Antigen-Tests und reduziert den Lehrstoff. „Mein Tagesablauf wird durch den Umgang mit der Pandemie bestimmt“, sagt die Direktorin. „Ich muss immerzu irgendetwas organisieren, das damit zu tun hat.“ Eine Schülerin kommt ihr im Gang entgegen. „Setz bitte die Maske auf“, sagt Jehniche und muss kurz schmunzeln, als das Mädchen an ihr vorbei ist.

Die Hochhaussiedlung Heerstraße Nord ist das, was landläufig als sozialer Brennpunkt bezeichnet wird. Die Art von Quartier, die gerade mal wieder wegen einer Statistik ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerät. Die Zahl der Infektionen liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. Es wird darüber nachgedacht, mehr Impfteams dorthin zu entsenden; diskutiert wird über Migration, Arbeitslosigkeit, Bildungsferne. Und vermutlich wird diese Art Quartier ebenso schnell vergessen wie bei früheren Gelegenheiten, die sich nicht mehr ignorieren ließen.

Für Karina Jehniche und ihr Kollegium bedeutet der Brennpunkt Heerstraße Nord: Lehrtätigkeit, die sie täglich herausfordert, bedeutet aber auch Sozialarbeit. Andernorts wird festgestellt, dass Corona Arm und Reich in der Gesellschaft weiter spaltet, hier wird dagegen angekämpft, soweit das eben geht. Zum Beispiel gegen Bewegungsarmut.

„Wir haben viele Kinder“, sagt Jehniche, „deren tägliche Bewegung besteht darin, hierher zu kommen und wieder nach Hause zu gehen. Dort bleiben sie dann in den Wohnungen.“ Ein Leben auf ein paar Quadratmetern. Die Direktorin war erschrocken, als die Schüler nach den großen Ferien im vergangenen Sommer zurückkehrten, käsebleich die meisten und manche mit einigen Kilogramm mehr auf Rippen.

Jehniche ist gleich in ihrem Büro angekommen. Aus einem Fenster im ersten Stock zeigt sie auf eine Häuserfront, davor eine Freifläche, ein Spielplatz, menschenleer. „Sonst war das hier ein sehr belebtes Gebiet.“ Die Angst vor dem Virus lässt die Einwohner der Siedlung in ihren vier Wänden verharren. Nur wenn es unbedingt nötig ist, verlassen sie das Haus. Zum Einkaufen vor allem. Manche gehen zur Arbeit, es sind die Wenigsten. Die Arbeitslosigkeit grassiert in Heerstraße Nord wie eine niemals enden wollende Pandemie. Das Armutsrisiko beträgt fast 20 Prozent. Spandau liegt damit in Berlin an zweiter Stelle hinter Neukölln.

Die Serie
Mehr als ein Jahr Pandemie 

 – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Die Morgenstern-Grundschule spiegelt die Bevölkerung des umliegenden Viertels: Rund 80 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, 40 Prozent keine deutsche Staatsbürgerschaft. Rund 30 Prozent, sagt Karina Jehniche, seien Sinti oder Roma. „Ihr Anteil hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen“, sagt sie. „Die Unkenntnis der deutschen Sprache führt dazu, dass sich die Menschen unzureichend über die Pandemie informiert fühlen.“ Deshalb die selbst auferlegte Isolation.

Die Folgen sieht Jehniche an ihren Schülern, schwarz auf weiß sogar bei denen, die noch gar nicht richtig da sind: Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen liegen ihr schriftlich vor. „Schon vor Corona stand bei vielen Erstklässlern in ihren Unterlagen, dass sie motorische Probleme haben. Jetzt steht es bei fast jedem Kind.“ Rückwärts gehen? Auf einer Linie balancieren? Unmöglich. Motorik aber und die Fähigkeit zu denken hängen zusammen, sagt Jehniche: „Das wissen wir ja aus Untersuchungen.“

Es klopft an ihrer Tür, Björn Nickel schaut ins Büro. Er ist der Bewegungscoach in Heerstraße Nord und damit Teil eines Programms namens „Spandau bewegt sich“. Das Land Berlin finanziert es, auch Nickels Stelle. 15 Stunden arbeitet er pro Woche an der Morgenstern-Schule. Schon den ganzen Winter hindurch hat er Kinder und Lehrer darin fit gemacht, sich fit zu halten. Er hat ihnen Übungen gezeigt, die sich jetzt bezahlt machen, weil man sie ohne Hilfsmittel im Klassenzimmer ausführen kann. Fenster auf, fünf Minuten bewegen, und weiter geht’s im Stoff.

Zu mehr bleibt im Moment allerdings auch keine Zeit. Drei Schulstunden reichen kaum für den Lehrstoff in Mathe, Deutsch und Sachkunde. „Eine längere Strecke am Stück laufen, schaffen die Kinder nicht mehr.“ Zeitlich nicht, konditionell nicht.

Hilfe zur Selbsthilfe in der Morgenstern-Grundschule

Nickel zeigt der Direktorin ein blaues Leibchen: „Juniorcoach“ steht auf dem Rücken. Nachher wird er es einem Jungen aushändigen. Der übernimmt dann Nickels Job, so wie andere ausgesuchte Kinder. Nickel setzt seine Arbeit demnächst an einer anderen Schule im Stadtteil fort, macht andere fit, leistet Hilfe zur Selbsthilfe.

Die 15 Fahrräder, die sie vom Land Berlin bekommen haben, können sie derzeit nicht benutzen. Die Räder wechseln ja von Kind zu Kind, ebenso die Schutzkleidung, die aufwändig desinfiziert werden müsste. Ohne Schutzkleidung geht es nicht. „Die meisten Kinder können sich nur mit Mühe im Sattel halten und kippen auch schon mal um“, sagt Jehniche. Der Verkehrsunterricht muss vorerst entfallen.

Doch schon die wenige Bewegung im Klassenzimmer kann etwas bewirken, als Medium zumal. „Wir haben in jeder ersten Klasse mindestens sechs, sieben Kinder, die überhaupt kein Deutsch können“, berichtet Jehniche. Ein Spiel zum Einstieg, klatschen und sprechen: „Mein – Name – ist …“

Auch mit kleinen Schritten kommt man ans Ziel, irgendwann. Das ist das Prinzip an der Morgenstern-Schule mit der Hälfte an Schulstunden in der Pandemie. Das Prinzip: „Lieber weniger Stoff vermitteln, dafür ausreichend den Stoff üben“, sagt Jehniche. Außerdem: „Für viele Eltern legt die Schule mit ihrem Beginn und Ende den Tagesrhythmus fest.“ Deshalb müssen alle Kinder montags bis freitags erscheinen.

Die Lehrer wiederum geben ihren Klassen Aufgaben mit nach Hause, technische Unterstützung inklusive. Alle Schüler haben inzwischen einen Tablett-Computer, gestellt vom Land oder dem Jobcenter. „Positiv dabei ist“, sagt Jehniche, „dass sich jetzt auch alle Kollegen mit Computern beschäftigen, die vorher der Digitalisierung eher zurückhaltend gegenüberstanden. Ich brauche nicht mehr zu argumentieren.“

Überhaupt ist die Direktorin von der Disziplin ihrer Lehrkräfte beeindruckt. Nur sieben positive Corona-Fälle gab es während des einen Jahres unter den 100 Mitarbeitern. „Alle halten sich strikt an die Hygiene-Vorschriften.“ Kinder fallen ebenfalls selten mit einem Corona-Befund bei den Tests auf, die sie zweimal wöchentlich absolvieren müssen. In der Vorwoche waren es zwei, ihre Lerngruppe wurde in Quarantäne geschickt. „Aber die Fälle häufen sich nicht so sehr, wie ich anfangs befürchtet habe“, sagt Jehniche. In dieser Hinsicht steht die Morgenstern-Schule nicht für ihren Kiez, nicht für Spandau mit seiner hohen Sieben-Tage-Inzidenz.

Dennoch unterrichtet die Angst vor Ansteckung immer noch mit. Einige der sieben Pädagogen erkrankten schwer. Als der Vater eines Lehrers am Virus sogar verstarb, erzählt Jehniche, „da war die Verunsicherung auf den Gängen greifbar“. Und dass erst weniger als die Hälfte ihres Kollegiums die erste Impfung bekommen hat, baut die Unsicherheit nicht gerade ab. Karina Jehniche ließ sich mit Astrazeneca impfen, einen Tag bevor das Präparat in die Schlagzeilen geriet. Ihren zweiten Termin hat sie Mitte Juni. Welches Vakzin auch immer sie dann erhält. Corona und Garantie – das sind zwei Begriffe, die nicht zueinanderpassen.

Neulich hat ein Vater Karina Jehniche eindringlich gefragt, ob sie ihm versprechen könne, dass sein Kind gesund bleibt. „Wer könnte so etwas versprechen? Die Gesundheit in der Pandemie hängt doch von so vielen Faktoren ab.“ Und dann sagt Karina Jehniche, was sie als Schulleiterin seit einem Jahr am meisten belastet: „Dass ich bei allem, was ich tue, was ich organisiere, dran denken muss: Bringe ich jemanden in Gefahr?“

Draußen über dem Schulhof kämpft der Winter einen letzten vergeblichen Kampf. Ein Junge läuft über den langen Gang, vorbei an der Fensterfront. Er trägt das blaue Leibchen: Juniorcoach. Es liest sich wie: Es geht voran.