Hausaufgaben 1.0
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BerlinEigentlich sollte man ja in den Sommerferien nicht an Schule denken müssen, sondern die Seele baumeln lassen. Das gilt diesmal allerdings nicht für Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Sie und ihre Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie müssen viel tun, damit die Schulen Anfang August wieder öffnen können und gewappnet sind für den Fall eines erneuten Lockdowns. Vor allem müssen sie sich um die weitere Digitalisierung kümmern.

Es fehlt dabei nicht nur die technische Ausstattung, es fehlt auch an sinnvollen pädagogischen Konzepten. Lehrer müssen jetzt dringend fortgebildet werden. Zwar gibt es auch einzelne Fortbildungen in den Bezirken, aber anscheinend fehlt eine große und Berlin-weite Initiative.

Karin Stolle leitet die Schule an der Jungfernheide in Spandau, die bereits als „exzellente digitale Schule“ ausgezeichnet wurde. Sie hat jetzt selbst die Initiative ergriffen und gemeinsam mit ihrem Kollegium eine Fortbildungswoche organisiert, die Montag beginnt. Zehn Fortbildungsmodule zu Fragen wie: Auf welche Weise verbinde ich Präsenz- und Fernunterricht? Wie unterstütze ich Kinder mit besonderem Förderbedarf per Video?

Einzelne Kolleginnen hätten sich selbst zu Expertinnen ausgebildet, sagt Stolle, und geben ihr Wissen nun weiter. „Während der Fortbildungswoche sind die Kinder zu Hause mit einer Nachhaltigkeits-Challenge beschäftigt.“

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Transparenz und größere Einheitlichkeit

Stolle findet, der Senat müsste in Sachen Digitalisierung schneller und transparenter handeln. Auch sollte es eine größere Einheitlichkeit geben: Breitband und gleiches WLAN für alle Berliner Schulen sowie eine funktionierende Lernplattform. Denn der „Lernraum Berlin“ sei in der Corona-Zeit hoffnungslos überlastet gewesen, außerdem seien verschiedene Datenschutzfragen noch ungeklärt.

Die Senatsbildungsverwaltung sieht trotzdem Erfolge. Behördensprecher Martin Klesmann erwähnt einen „digitalen Schub“, sagt, dass viele Schulen sich enorm weiterentwickelt hätten. Außerdem verweist er auf 150.000 registrierte Nutzer der Lerncloud und die steigenden Zahlen in den vergangenen Monaten. So gab es vor den Schulschließungen monatlich rund 13.000 aktive Nutzer des digitalen Angebots des Senats, Anfang Mai stieg die Zahl auf mehr als 56.000. Zudem seien 9500 Tabletts gekauft und an Schüler herausgegeben worden, die zu Hause keine Endgeräte besitzen. Doch damit alleine ist es noch nicht getan. 

Stolle berichtet, dass sämtliche 40 Spandauer Schulen schon im Oktober ihre Konzepte für den „Digitalpakt Schule“ eingereicht hatten. Nach monatelangem Warten bekam sie kurze Nachricht, dass ihr Konzept akzeptiert wurde. Was genau daran überzeugte, stand da nicht, auch nicht, wann sie mit welchen Geldern für die Umsetzung rechnen kann. Diesen Umgang empfindet Stolle als „nicht wertschätzend“. Junge Kolleginnen hätten viel Herzblut in das Konzept gesteckt und seien frustriert, weil alles so schleppend vorangehe.

Auch Berlins Oppositionsführer Burkard Dregger erteilt der Digitalstrategie des Berliner Senats schlechte Noten. Der CDU-Fraktionschef erinnert an das E-Government-Gesetz, das im Juni 2016 in Kraft getreten ist und die Umstellung der Verwaltung auf elektronische Akten am 1. Januar 2023 festschreibt. Es wurde bekannt, dass der Termin nicht zu halten ist, weil ein unterlegener Bieter gegen die Ausschreibung geklagt hat. Für Dregger ein Offenbarungseid des aktuellen rot-rot-grünen Senats.

Die Unfähigkeit der Regierungskoalition setze sich fort bei dem Versuch, die Berliner Schulen zu digitalisieren. „So, wie wir uns endlich auf den Weg der systematischen Digitalisierung begeben müssen, müssen wir das auch beim E-Learning an Schulen schaffen“, sagt Dregger der Berliner Zeitung. Dazu müssten Lehrer digital fit gemacht, Schulen und Schüler mit zeitgemäßer Infrastruktur ausgestattet werden. Für alle 360.000 Schüler und Lehrer müssten einheitliche Endgeräte her, sei es über private Geräte, sei es über ein Leihsystem. Insgesamt könnten dafür nach seiner Rechnung rund 100 Millionen Euro fällig werden. Höchstwahrscheinlich falle der Betrag jedoch weit geringer aus, weil viele Schüler bereits entsprechend ausgestattet seien.

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Idee eines Digitalführerscheins für Lehrer

Dregger verweist auf das CDU-Konzept „Schule neu denken“, in dem sich die Partei für eine systematische und verpflichtende digitale Weiterbildung von Lehrern in diesen Sommerferien ausspricht und eine Prüfung zum Digitalführerschein einführen will. Ziel hinter allem sei eine neue Normalität, eine Mischung aus Präsenz-, Fern- und Online-Unterricht.

Darüber hinaus setzt sich die CDU für die Installation einer neu zu schaffenden Bildungscloud Berlin ein, die „die aktuell zerstückelte IT-Bildungslandschaft homogenisiert“. Mit dieser Cloud sollten sich alle Bürger miteinander vernetzen können. Sie solle zum „lebenslangen Begleiter“ von der Grundschule bis zur Hochschule und zur Weiterbildung werden. Die Verwaltung dieser Cloud solle in die Hände des landeseigenen IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) gegeben werden.

Auch in der Wissenschaft werden die Stimmen lauter: „Die aktuelle Krise zeigt, dass das deutsche Schulsystem einen tiefgreifenden Veränderungsprozess braucht“, sagt Hans Anand Pant, Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie und Professor für Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität. Die beispiellosen Erfahrungen aus dem Lockdown sollten dazu genutzt werden, das Bildungssystem weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu machen. Auf keinen Fall darf es ein Weiter-so-wie-bisher geben.