Schulnamen in Berlin: Ist ein Kindersoldat von der Krim noch ein Held?

Erst wenn Helden fallen, werden sie interessant, findet unsere Kolumnistin. Und fragt sich, wer Wolodja Dubinin war, nach dem ihre Schule in Lichtenberg benannt war.

Aussortierte Sowjet-Denkmäler in einem litauischen Park
Aussortierte Sowjet-Denkmäler in einem litauischen ParkAnja Reich

Neulich fragte mich die Lichtenberger Schulstadträtin, wie die Schule hieß, auf die ich gegangen sei. Es war bei einem Interview, und offenbar hatte nicht nur ich mich vorbereitet. „Sie kommen ja aus Lichtenberg“, sagte sie und sah mich interessiert an. Die Stadträtin kommt aus Kreuzberg und wohnt seit vier Jahren in Lichtenberg.

Das Problem war nur: Ich wusste die Antwort nicht.

Meine Schule hieß „26. Oberschule Wolodja Dubinin“, in den 80ern, als die Stadträtin, die 35 ist, gerade geboren wurde. Anfang der 90er verlor die Schule ihren Namen, wie die meisten Ost-Berliner Schulen, egal, ob sie nach der Brecht-Witwe Helene Weigel, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger oder dem Widerstandskämpfer Arthur Weisbrodt benannt worden waren. Das Land war neu. Es brauchte neue Helden.

Zu groß, zu mutig, zu fremd

Was blieb, war meine Erinnerung an einen Jungen mit Segelohren und zurückgekämmtem Haar. Sein Bild hing im Schulfoyer. Ich lief daran vorbei, wenn ich in meine Deutschklasse bei Frau Holfeld ging oder in den Geografieunterricht von Frau Huhn. Er schüchterte mich immer ein bisschen ein, weil er noch so jung aussah, aber schon so ein großer Held war. Dubinin, lernte ich, war mit 14 im Kampf gegen die deutschen Faschisten gefallen, in einem Alter, in dem meine größte Heldentat darin bestand, im Sportunterricht nicht vom Schwebebalken zu stürzen.

Viele Heldengeschichten klangen so: zu groß, zu mutig, zu fremd. Sie begannen mich erst zu interessieren, als sie verschwanden, die Helden, ihre Namen ausradiert, ihre Statuen abgerissen wurden. Oft mit dem gleichen Eifer, mit dem sie gerade noch bejubelt worden waren.

Die ehemalige Wolodja-Dubinin-Oberschule in Berlin-Lichtenberg in den Neunzigern.
Die ehemalige Wolodja-Dubinin-Oberschule in Berlin-Lichtenberg in den Neunzigern.André Schäfer

Stalin, Lenin und Marx in Litauen

Ich fuhr nach Ponitz in Thüringen, wo die Geschwister-Scholl-Schule ihren Namen verloren hatte. Ich irrte mit einem Filmemacher durch den Köpenicker Wald, auf der Suche nach dem Lenin-Denkmal, das hier verbuddelt worden war. Ich besuchte einen Park im Baltikum, in dem ein litauischer Millionär Lenin-, Stalin- und Karl-Marx-Denkmäler aufgestellt hatte wie Gartenzwerge.

Wolodja Dubinin tauchte nirgendwo auf, ich dachte nicht mehr an ihn, bis die Stadträtin mir ihre Frage stellte und ich mich fragte: Wer war der Junge, nach dem meine Schule benannt war? Auf welcher Seite hätte er heute gekämpft? Wäre er immer noch ein Held?

Im Internet finde ich Antworten: Dubinin kam aus Kertsch, einer Hafenstadt auf der Krim, und kämpfte an der Seite von Tausenden Partisanen in Katakomben gegen die Deutschen. Er war der Kleinste und Dünnste, er passte durch enge Felsspalten und winzige Löcher, kundschaftete den Feind aus und kam bei einer Explosion ums Leben. Es gibt ein Buch über ihn und einen Film. Das Buch hat der russisch-jüdische Schriftsteller Lew Kassil geschrieben, „ein großer Stilist“, schreibt die Jüdische Allgemeine. Der Film heißt „Straße des jüngsten Sohnes“, lief in den 60er-Jahren in DDR-Kinos und heute auf YouTube. Ein Märchenfilm mit Happy End. Dubinin ist tot, die Faschisten sind besiegt, Kinder mit Halstüchern singen.

Die Antwort auf die Frage nach meiner Schule wäre: Sie war nach einem Kindersoldaten benannt, der von der Krim kam, die damals zur Sowjetunion gehörte und deutsch besetzt war, dann ukrainisch wurde und jetzt russisch besetzt ist. Um die wieder ein Krieg tobt, in dem Menschen sterben und Helden geboren werden, nach denen vielleicht eines Tages Schulen oder Straßen benannt werden. Vielleicht sogar in Lichtenberg. Franziska Giffey hat neulich vorgeschlagen, Straßen in Berlin nach ukrainischen Städten zu benennen.

Meine alte Schule heißt jetzt übrigens Schmetterlingsschule.