Berlin - Nur ein verschärfter Lockdown könne das nach-weihnachtliche Infektionsgeschehen bremsen, so hieß es am Dienstag. Doch wenn die Pandemie etwas lehrt, dann auch, dass man nie weiß, was der nächste Morgen bringt.

Am Mittwoch veröffentlichte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen Plan zur schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen bis zu den Winterferien. Danach, also ab dem 8. Februar, sollen alle Schularten und Jahrgänge wieder in Anwesenheit unterrichtet werden, auf halber Klassengröße. Ein Widerspruch zur Idee des Lockdowns, wie Gewerkschaft und Elternvertretungen kritisierten.

„Das passt alles nicht zusammen“, sagt Tom Erdmann vom Landesverband Berlin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Für die Schulen hätten drei Wochen Lockdown zweierlei bedeutet: einerseits weitere Wochen Fernunterricht, der für alle Schüler, Eltern und Lehrer eine massive Herausforderung ist, andererseits aber auch weniger Kontakte und eine Spur von kurzfristiger Gewissheit.

Erst die Abschlussklassen, dann die Kleinen

Der Plan der Senatsbildungsverwaltung hingegen gleiche einer „Glaskugel“, sagt etwa der Sprecher des Landeselternausschusses, Norman Heise. Während sich im privaten Bereich nur noch ein Haushalt mit einer weiteren Person treffen darf, kämen in den Klassenzimmern auch bei halbierter Größe bis zu 16 Schüler plus Lehrkräfte zusammen. Er vermisst eine transparente Koppelung der einzelnen Schritte an das Verbreitungsgeschehen des Virus.

Die Beschlüsse der Bildungssenatorin sehen vor, ab der kommenden Woche an Grundschulen eine Notbetreuung für Kinder einzurichten, deren Eltern zu den sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen zählen. Die ältesten Schüler der jeweiligen Schulformen, also die in den Abschlussklassen, sollen in halbierter Klassengröße vor Ort unterrichtet werden. Auch Prüfungen sollen unter Einhaltung der Abstandsregeln von 1,5 Metern stattfinden.

An den beiden darauffolgenden Montagen geht es dann weiter: Ab dem 18. Januar sollen die Grundschulkinder der ersten bis dritten Klassen, ab dem 25. Januar die Kinder der vierten bis sechsten Klassen Präsenzunterricht bekommen – mindestens drei Stunden täglich, jeweils mit der Hälfte der Schüler auf einmal.

Wechselunterricht ist nicht Präsenz

Die Oppositionsfraktion kritisierte, das Vorgehen sei nicht vereinbar mit dem Infektionsgeschehen. Kai Wegner, Vorsitzender der Berliner CDU, sagte, eine Rückkehr zur Normalität sei auch im Bildungsbereich derzeit nicht möglich. „Gerade in dieser sensiblen Lage verdienen die Eltern und Schüler seriöse und durchdachte Entscheidungen. Voreilige Versprechungen, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht halten lassen, sind da der falsche Weg.“ Die Senatorin solle die Entscheidung zur schrittweisen Eröffnung zurücknehmen.

Eine Rückkehr zum normalen Präsenzunterricht sei nicht das Ziel, sagte ein Sprecher der Bildungssenatorin. Der vorgeschlagene Wechselunterricht sei etwas anderes als volle Klassen ohne Abstand, er sehe keinen Widerspruch zu den allgemeinen Bestimmungen. Außerdem stehe „natürlich alles unter dem Vorbehalt, wie sich die Infektionszahlen entwickeln“.

Doch die GEW stößt sich auch daran, dass die Abschlussklassen noch vor den Grundschülern wieder in Präsenz unterrichtet werden sollen. „Ab der nächsten Woche sind die halben Oberstufen wieder in der Stadt unterwegs“, sagte Tom Erdmann. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Infektionszahlen dann so gut sind, dass man sich das leisten kann.“

Risse in der Digitalisierungsstrategie

Das sieht auch der Berliner Landeselternausschuss so: Die Öffnung zur Rückkehr an die Schulen gehe an der Lebensrealität vieler Familien vorbei, wie es in einer Mitteilung heißt. Die Jüngeren, die noch bis 18. beziehungsweise bis 25. Januar zu Hause bleiben müssten, bräuchten mehr Betreuung durch die Eltern, die ohnehin durch Erwerbs- und Sorgearbeit mehrfach belastet seien. „Das können sich viele Eltern so nicht leisten“, sagte Sprecher Norman Heise. Außerdem sei der Unterricht vor Ort im Sinne der Wissensvermittlung für die Kleinen viel wichtiger.

Parallel dazu präsentierten sich in dieser Woche auch die bekannten Risse in den Digitalisierungsstrategien der Berliner Bildungsinstitutionen ein weiteres Mal. So war am Montagmorgen, pünktlich zum Unterrichtsstart nach den Ferien, die Onlineplattform Lernraum Berlin zusammengebrochen.

Für Schülerinnen und Schüler ist der Zugang zum digitalen Unterricht aber auch deshalb verschlossen, weil sie keine eigenen Geräte haben. Die Senatsverwaltung hatte deshalb bereits im vergangenen Jahr mit der Verteilung von 50.000 Tablets und Laptops begonnen und dies in dieser Woche fortgeführt.

Die Bedingungen, unter denen die Jugendlichen zu Hause lernen können, sind sehr unterschiedlich. Deshalb unterstützt auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Stoßrichtung seiner Senatorin Scheeres: „Es bleibt dabei, ich möchte so dringend wie möglich in den Präsenzunterricht, weil ich weiß, wie die sozialen Folgen sind, wenn die Kinder nicht in die Schule gehen.“

Die Berliner Grünen reagierten am Donnerstag mit Zustimmung auf die Erklärung des Regierenden Bürgermeisters und den Vorschlag von Scheeres. „Jeder Tag Schulschließung ist ein Tag mehr, an dem wir riskieren, dass Kinder und Jugendliche zurückbleiben. Dass sie zu Hause Gewalt erfahren, körperlich oder psychisch, oder dass sie den schulischen oder sozialen Anschluss verlieren“, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Silke Gebel. „Jeder Tag Lockdown ist ein weiterer Tag, an dem die Schere zwischen denen, die lernen können, und denen die nicht lernen können, größer wird.“