In Berlin schwänzen Tausende Jugendliche tagelang den Schulunterricht, mehr als 2000 Oberschüler blieben dem Unterricht im vergangenen Schuljahr sogar länger als vier Wochen fern. Besonders auffällig sind die Grundschulen: Der Anteil der Fünft- und Sechstklässler ist im vergangenen Schuljahr noch einmal deutlich angestiegen. Immer mehr Kinder in Berlin schwänzen also die Schule. Die im Jahr 2014 verschärften Regelungen gegen Schulschwänzer verfehlen also bisher ihre Wirkung.

Nun versucht die Bildungsverwaltung mit neuen Mitteln gegen das Phänomen vorzugehen. „Die Schulpflicht ist nicht verhandelbar“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag. Die Bildungsverwaltung will künftig stadtweit schwänzende Schüler in so genannten temporären Kleinklassen zusammenfassen. Sechs bis acht Problemschüler pro Kleinklasse würden dann über 10 bis 12 Wochen von einem Lehrer unterrichtet werden. In dieser übersichtlichen Gruppe sollen sie auch mit Hilfe eines Schulpsychologen wieder Lust aufs Lernen bekommen und sich einen geregelten Tagesablauf angewöhnen.

Kleinklassen als Chance

An der Helene-Lange-Grundschule gibt es solche Kleinklassen unter dem Motto „Deine Stärken aktivieren“ bereits, wie Schulleiter Harald Leppler ausführte. „Der Schultag in den Kleinklassen ist etwas verkürzt – von 8.30 bis 13 Uhr werden vor allem Kernfächer unterrichtet.“ Schuldistanz entwickele sich meist schleichend. Zunächst mache ein Schüler im Unterricht nicht mehr mit, dann besuche er bestimmte Schulstunden nicht mehr, sondern hänge ab. Und schließlich weite sich das Schwänzen aus, auch weil Mitschüler ihn darin bestärken oder die Eltern nichts unternehmen.

Scheeres betonte, dass es auch Eltern gebe, denen es mehr oder weniger egal sei, ob ihre Kinder zur Schule gingen. „Mitunter werden sie herangezogen,um auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen.“ Die Senatorin forderte die dafür verantwortlichen Bezirke auf, hier alle nötigen Sanktionen anzuwenden. „Unverantwortlich“ nannte sie etwa das Vorgehen von Friedrichshain-Kreuzberg. Tatsächlich weigert sich der Bezirk, Eltern von notorischen Schulschwänzern ein Bußgeld aufzubrummen.

Bis zu 2500 Euro können da in einem ersten Schritt fällig werden. Doch setzt Schulstadtrat Andy Hehmke (SPD) eher auf Sozialarbeiter im Schulamt, die zunächst das Gespräch mit den Eltern suchen sollen. „Unser Schwerpunkt liegt auf Ursachenforschung und -behebung“, sagte Hehmke. Denn hinter der Schuldistanz steckten häufig komplexe Problemlagen, zum Beispiel Suchterkrankungen oder psychische Probleme, die durch ein scheinbar einfaches Mittel wie ein Bußgeld nicht gelöst werden könnten.

Als letztes Mittel können Schwänzer sogar von der Polizei in die Schule gebracht werden. Von dieser Möglichkeit machten allerdings nur drei von zwölf Bezirken bekannt. Der Neuköllner Meldebogen gilt als besonders wirksam. Mitte kooperiert neben der Jugendhilfe auch noch mit dem Familiengericht. Das setzt die Eltern wegen einer möglichen Kindeswohlgefährdung dann besonders unter Druck. Insgesamt ist das Vorgehen der Bezirke gegenüber Schwänzern aber uneinheitlich, teils widersprüchlich.

Mehr Schulabbrecher

Klar ist, dass die häufige Schulschwänzerei mitverantwortlich dafür ist, dass gut jeder zehnte Berliner Jugendliche keinen Schulabschluss schafft – ein bundesweiter Spitzenwert. Gerade erst hat die Bundesagentur für Arbeit zum wiederholten Mal diesen Berliner Negativrekord kritisiert. Ab diesem Sommer sollen deshalb auch einzelne Fehlstunden zu Fehltagen zusammengefasst und in der Statistik ausgewiesen werden. „Sechs Fehlstunden ergeben einen Fehltag“, hieß es in der Bildungsverwaltung. Auch wenn das ein Mehraufwand für die Schulen sei. Außerdem gebe es 20 zusätzliche Stellen in der Schulsozialarbeit.

Die Ursachen für die Schuldistanz sind vielfältig, da sind sich Experten einig. Schlechte Schulleistungen, Mobbing, Angstzustände oder andere psychische Probleme können eine Rolle spielen. Oft liegt es auch an falschen Freunden oder aber der Schüler muss sich im besonderem Maße um Eltern oder Geschwister kümmern. Tatsächlich aber hält Berlin hier im bundesweiten Vergleich einen weiteren Negativ-Rekord.