Ab Montag heißt es wieder früh aufstehen. Für 332.230 Kinder an den allgemeinbildenden Schulen (öffentlich und privat) beginnt nach den Ferien nun wieder der Unterricht, wobei die 30.490 Erstklässler erst am Wochenende zu den Einschulungsfeiern ihre Zuckertüte erhalten. Hinzu kommen in den nächsten Wochen noch 90.000 Berufsschüler. Insgesamt ist in Berlin damit im dritten Jahr in Folge die Schülerzahl wieder gestiegen, um gut 5.000 gegenüber dem Vorjahr. Das liegt in diesem Jahr maßgeblich an den vielen Kindern und Jugendlichen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Senat und Bezirke arbeiten intensiv daran, diesen Flüchtlingen möglichst zeitig Schulplätze zur Verfügung zu stellen. Die meisten werden zunächst in eigenen Lerngruppen unterrichtet, um Deutsch zu lernen.

„Alle Kinder haben ein Recht auf Bildung“, betonte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Schulpflicht gelte selbstverständlich auch für Flüchtlingskinder. Auch die Anzahl der Lehrer an Berliner Schulen ist erneut gestiegen. Unter den 2000 Pädagogen, die in diesem Jahr neu eingestellt wurden, waren 318 Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung. Die meisten von diesen sind nun Lehrer für Naturwissenschaften – Mathe, Sport oder Musik.

PLATZMANGEL

Ein zunehmendes Problem ist wegen der steigenden Schülerzahlen der Platzmangel in den Schulen. Ambitionierte pädagogische Projekte wie der Theaterschwerpunkt an der Weddinger Erika-Mann-Grundschule stehen deshalb vor dem Aus. Horträume, in denen die Schüler tatsächlich etwas Bewegungsfreiheit haben, werden belegt. Verschärfend kommt hinzu, dass Schülerprognosen der Bezirke oft fehlerhaft sind. So werden allein im Bezirk Mitte zum neuen Schuljahr etwa 500 Erstklässler mehr eingeschult als vorgesehen. Der Senat setzt hier auf vorgefertigte Ergänzungsbauten. In diesem Jahr werden solche Bauten an zehn Schulstandorten, vier davon in Pankow, entstehen. 2016 sind für 66 Millionen Euro weitere Ergänzungsbauten an 17 Standorten geplant. Ausgerechnet Mitte aber hat keine beantragt.

IT-SYSTEME

Über 30 Millionen Euro verbrannte die Bildungsverwaltung bisher bei dem Versuch, die Schulen mit dezentralen Servern auszustatten, um etwa Schülerdaten zu erfassen und sicher Daten zu verschicken. Am Ende klappte nichts, und man zog die Reißleine. Stattdessen möchte die Verwaltung nun eine Schulsoftware auf einem zentralen Server etablieren. Zur Auswahl steht die Schulsoftware LUSD aus Hessen oder wahlweise Zensos aus Brandenburg. Eine Entscheidung steht kurz bevor. Angeblich überzeugte das hessische Angebot mehr, weil damit mehrmalige Schulwechsel von Schülern innerhalb Berlins vermerkt werden können. Generell steht die Verwaltung vor der Aufgabe, das Lernen im digitalen Zeitalter zu gestalten. Auch Open Educational Resources, also Lerninhalte in Internetportalen, sind ein Thema.

GRUNDSCHULEN

Die Grundschulen benötigen derzeit besonders viele neue Lehrkräfte. Doch ist es äußerst schwierig, qualifizierte Bewerber zu finden. Hauptgrund: Grundschullehrer verdienen gut 500 Euro brutto weniger als Lehrer an weiterführenden Schulen. Mittlerweile werden gezielt Studienräte, die sich aus anderen Bundesländern bewerben, an Berliner Grundschulen eingesetzt – oft aber nur befristet. Allerdings beziehen diese im Gegensatz zum Stammpersonal weiter das höhere Gehalt. Zuletzt hatte Berlin Grundschulleiter in eine höherer Gehaltsstufe gebracht. Der Posten des Konrektors bleibt aber unattraktiv: Dort ist viel Planungsarbeit zu verrichten, doch verdient ein Konrektor nur wenig mehr als ein normaler Lehrer. Immerhin ist die Früheinschulung Geschichte, sodass weniger nicht schulreife Kinder eingeschult werden.

INKLUSION

Die Inklusion von Schülern mit Behinderung wird weiter nur schleppend umgesetzt. Das birgt die Gefahr, dass dieses Projekt gerade von den dort besonders engagierten Pädagogen als Hängepartie empfunden wird. Andererseits bleiben besorgte Eltern im Ungewissen. Nun sollen Kriterien für die Auswahl von Schwerpunktschulen festgelegt werden, an denen Kinder mit einem besonderen Förderbedarf künftig in Regelklassen unterrichtet werden sollen. Auch die Beratungs- und Unterstützungszentren werden als Fortbildungszentren ausgebaut. In Berlin werden mittlerweile bereits 60 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Integrativ, nicht inklusiv. Offen ist, ob dafür in diesem Jahr die Förderstunden reichen, oder ob sie wieder – wie die Schulhelferstunden – gedeckelt sind.

LEHRPLÄNE

Zum Jahresende sollen Berlin und Brandenburg die neuen gemeinsamen Rahmenlehrpläne per Unterschrift beschließen. Dann werden diese Lehrpläne für alle Fächer an den Schulen erprobt. Erst zum Schuljahr 2017/18 sollen sie gültig werden – ein Jahr später als ursprünglich geplant. Besonders um die Fächer Geschichte und Geografie sowie um die Sexualerziehung hatte es Streit gegeben. Im Fach Geschichte scheint inzwischen ein Kompromiss erzielt worden zu sein. Teile der Historie werden in der 7. und 8. Klasse weiter chronologisch unterrichtet. Ursprünglich wollte die Bildungsverwaltung Geschichte in diesen Jahrgangsstufen nur nach ausgewählten Themen im Epochenvergleich unterrichten. Weiteren Streit könnte es noch um die neuen Benotungskriterien geben, wenn sie in der Praxis erprobt werden.

SCHULSANIERUNG

Viele Schulgebäude sind in schlechtem baulichen Zustand und verfallen zusehends. Die Bezirke machen einen Sanierungsstau von zwei Milliarden Euro geltend. Doch liegen diesen Angaben keine einheitlichen Kriterien zugrunde. Deshalb wollte die Bildungsverwaltung eine eigene Datenbank erstellen, um den Sanierungsbedarf der Schulen nach einheitlichen Kriterien und Dringlichkeit zu bewerten. „Wir erwarten die für Herbst angekündigte Übersicht mit Spannung“, sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Doch die Bildungsverwaltung hat nach eigenen Angaben Anlaufschwierigkeiten, diese zentrale Datenbank zu erstellen – wegen unterschiedlicher Begriffsdefinitionen in den Bezirken. Zu befürchten ist, dass sich das unrühmliche Mit- und Gegeneinander von Senat und Bezirken bei der Schulsanierung fortsetzt.

FLÜCHTLINGE

Die große Herausforderung ist es, an den Schulen die Kapazitäten für die vielen Flüchtlingskinder zu schaffen. Zum neuen Schuljahr werden für voraussichtlich 5000 Kinder insgesamt 431 Lerngruppen eingerichtet, damit sie dort zügig Deutsch sprechen lernen. Vor einem Jahr waren es erst 257 Lerngruppen für 2 800 Flüchtlingskinder. Nicht mehr das bisher zuständige Landesamt, sondern die Schulen selbst sollen fortan die Ausweise für das Bildungs- und Teilhabepaket ausstellen, mit dem Flüchtlingskinder Schulmaterial und Zuschüsse erhalten. Trotz knapper Räumlichkeiten für Lerngruppen ist es oberste Priorität von Bildungssenatorin Scheeres, Flüchtlingskinder so lange es geht an regulären Schulen zu unterrichten. Zum Start des Schuljahres will Berlin drei Millionen Euro für deren Integration einsetzen.

PERSONAL

Insgesamt ist es der Bildungsverwaltung gelungen, die gut 2 000 offenen Lehrerstellen in diesem Jahr zu besetzen, gut 1 500 davon allein zum neuen Schuljahr. Viele Bewerber kamen aus westdeutschen Flächenländern, über 13 Prozent allein aus Bayern, wo nur die notenmäßig allerbesten Absolventen eingestellt wurden. „Die Lage ist entspannt“, sagt Gesamtpersonalrat Dieter Haase. Auch die bisherigen Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung seien in den Schuldienst integriert worden. Nur 2,5 Prozent dieser Quereinsteiger hätten ihr berufsbegleitendes Referendariat geschmissen. In der Gruppe der regulären Referendare waren es 2,6 Prozent, die abbrachen. Allerdings haben sich auch 40 in Berlin ausgebildete Referendare zum neuen Schuljahr in Brandenburg einstellen lassen. Dort wird – anders als in Berlin – verbeamtet.

OBERSTUFEN

Bildungssenatorin Scheeres möchte die Sekundarschulen für leistungsbereite Schüler attraktiver machen. Deshalb soll dieser Schultyp mehr eigene gymnasiale Oberstufen erhalten, mitunter sollen sich auch mehrere Schulen eine Oberstufe teilen. Entsprechende Vorschläge liegen auf dem Tisch. Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail. Wer erhält den Zuschlag? Wer nicht? Berufsschulleiter warnen bereits davor, dass auf diese Weise die 2010 in Berlin abgeschaffte Hauptschule wiederauferstehen könnte. Denn Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe stünden dann womöglich erst recht als „Restschule“ dar. Bisher kooperieren die meisten Sekundarschulen mit den Beruflichen Gymnasien der Oberstufenzentren. Eine endgültige Entscheidung dürfte schwierig werden.

VOLKSBEGEHREN

Noch drei Monate haben die Initiatoren des Volksbegehrens für Unterrichtsgarantie und gegen Stundenausfall Zeit, die nötigen 20.000 Unterschriften zu erreichen. Innerhalb der ersten drei Monate seien bereits 10 500 Unterschriften zusammengekommen, teilte der Mitinitiator Florian Bublys von der Lehrerinitiative „Bildet Berlin!“ mit. Nun wolle man die Vielzahl von Elternversammlungen zu Schuljahresbeginn nutzen, um weitere zu sammeln. Ziel der Initiative ist eine Vertretungsreserve von 110 Prozent für die Berliner Schulen. Das würde über 100 Millionen Euro kosten. Faktisch wären dann kleinere Lerngruppen möglich. Nachdem der Senat beim Mietenvolksbegehren eingelenkt hat, stellt sich die Frage, ob die Landesregierung auch hier einen frühzeitigen Kompromiss anstrebt.