Die Nervosität steigt, denn der Tag er Entscheidung naht. Zwischen dem 12. und dem 22. Februar müssen Eltern von Sechstklässlern ihre Kinder an staatlichen Gymnasien oder Sekundarschulen ihrer Wahl anmelden. Nun fordern Elternvertreter, dass die begehrten Schulen während des Anmeldeverfahrens endlich öffentlich machen sollen, wie stark gefragt sie wirklich sind. Das Verfahren sei sonst eine „black box“ für Eltern, sagt Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Eltern und Kind wüssten nicht, ob sie an der Erstwunsch-Schule eine Chance hätten.

„Mehr Transparenz wäre wünschenswert“, sagt Peiritsch. Ein Schulleiter, der sich um diese Transparenz bemüht, ist Ralf Treptow, Leiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow. Er wird auch in diesem Jahr während der Anmeldephase auf der Schulhomepage veröffentlichen, wie viele Kinder sich bereits auf die 64 Plätze in den beiden 7. Klassen angemeldet haben. „Dann können Eltern erkennen, ob und wie sehr die Schule übernachgefragt ist“, sagt Treptow.

Zuviel Unruhe

In Pankow sind Gymnasialplätze besonders begehrt, fünf von acht Gymnasien hatten dort im vergangenen Jahr mehr Bewerber als Plätze. Dennoch lehnt die Schulverwaltung Treptows Vorgehen ab. Das schaffe zu viel Unruhe, heißt es.

Zur Erinnerung: An den nachgefragten Schulen entscheiden Notenschnitt, Tests und zuletzt das Los. Mehr Bewerber als Plätze hatten im vergangenen Schuljahr immerhin 27 der 93 Gymnasien und 40 der 121 Sekundarschulen. Dort griff das komplizierte Aufnahmeverfahren: Mindestens 60 Prozent der Schüler werden dabei nach dem Notenschnitt oder weiteren Kriterien wie Tests aufgenommen, zehn Prozent sind für „Härtefälle“ reserviert. Wer übrig bleibt, landet im Lostopf. 30 Prozent der Schüler gelangen über den Losentscheid in die Erstwunsch-Schule.

Viele Eltern beschäftigt besonders die Frage, mit welchem Notenschnitt ihr Kind noch einen sicheren Platz an der Wunschschule bekommt. Am Zehlendorfer Schadow-Gymnasium war im vergangenen Jahr ein Notenschnitt von 2,1 nötig, erinnert sich Schulleiter Harald Mier.

Nicht wenige Eltern wollen während des Anmeldezeitraums wissen, mit welchem Notenschnitt man aktuell zu rechnen habe. Doch darauf gibt Mier wie auch die meisten anderen Schulleiter keine konkrete Antwort. „Das wäre ohnehin nur eine Momentaufnahme, die sich bereits am nächsten Tag mit neuen Anmeldungen wieder ändern kann“, sagt Mier. Zudem könne man sich mit einer konkreten Aussagen auch rechtlichen Ärger einhandeln. Nämlich dann, wenn Eltern ihr Kind vor dem Verwaltungsgericht auf einen Schulplatz einklagen und sich dabei auch auf die Aussage des Schulleiters beziehen.

Pflege des elitären Rufs

In Steglitz-Zehlendorf hatten 2012 neben dem Schadow- nur noch das Beethoven- und das Fichtenberg-Gymnasium mehr Bewerber als Plätze. Hinzu kamen fünf Sekundarschulen. Mitunter vermitteln Gymnasialdirektoren den Eltern auch nur, dass ihre Schule besonders begehrt sei und zu wenig Plätze habe. Das Rheingau-Gymnasium in Friedenau gibt beispielsweise auf seiner Homepage, aber auch beim Tag der Offenen Tür, an, dass man es mit einem Notenschnitt von 1,8 sicher schaffe. Man muss erst beim amtierenden Schulleiter nachfragen, um zu erfahren, dass das Gymnasium seit drei Jahren jeden Bewerber aufnehmen konnte. Der Notenschnitt also gar keine Rolle spielte. So pflegt man einen elitären Ruf und hält Schüler fern, die für die Sekundarschule empfohlen wurden.

Helmke Schulze vom Dathe-Gymnasium in Friedrichshain hat das nicht nötig. Ihre Schule war im vergangenen Jahr eines der gefragtesten Gymnasien der Stadt. „Damals war ein Schüler sicher drin, wenn er einen Notenschnitt von 1,9 hatte“, sagt Schulze. Womöglich werde dieses Jahr auch ein weniger guter Schnitt ausreichen. Denn mit 23 400 Sechstklässlern an den staatlichen Grundschulen bewerben sich etwas weniger Schüler als im vergangenen Jahr. Schulze wird den aktuell verlangten Notenschnitt nicht verraten. Sie möchte damit verhindern, dass die Kinder später unterscheiden, ob sie es mit ihrem Notenschnitt oder per Verlosung an die Schule geschafft haben.

Wie eine Verlosung auf der Kirmes

Am Dathe-Gymnasium, wo mehr als 50 exotische Tiere in der schuleigenen Biologie-Station leben, verlost man die verbliebenen Plätze auf ganz eigene Art. Die Schulsekretärin fertig für jeden Schüler ein Los an. „Das sieht dann aus wie bei der Verlosung auf der Kirmes“, sagt Schulleiterin Helmke Schulze. Am entscheidenden Tag kommen dann Schulleiterin, einige Schüler- , Lehrer- und Elternvertreter sowie ein externes Mitglied der Schulkonferenz zusammen. Die Lose gibt man dann in eine große, gläserne Salatschüssel. Dann wird reihum gezogen. Zwei Mitarbeiter des bezirklichen Schulamtes sind anwesend, überwachen die Ziehung der Schülernamen. „Wir losen dann auch noch eine Nachrückerliste mit aus“, sagt Helmke Schulze. Eltern können bekanntlich drei Wunschschulen angeben.

Scheitert man an der Erstwunsch-Schule, haben Schüler auch an der Zweit- und Drittwunsch-Schule keine Chance, wenn diese von vornherein mehr Bewerber als Plätze hatte.

Die Schulen mit den meisten Bewerbern – gemessen an den Plätzen – sind Sekundarschulen wie die Carl-Zeiss-Schule in Lichtenrade oder die Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg. Hier müssen jährlich mehr als 200 Bewerber abgewiesen werden. Meist haben diese Sekundarschulen eine eigene gymnasiale Oberstufe. Doch das muss nicht sein. Die Puschkin-Sekundarschule in Friedrichsfelde hat keine eigene Oberstufe, sie kooperiert mit anderen Schulen. Und dennoch war die Schule im vergangenen Jahr äußerst gefragt, nur mit einem Schnitt von 2,5 oder besser war man sicher drin. „Unser Schwerpunkt ist eine gute Allgemeinbildung“, sagt Schulleiterin Lilia Orlamünder.