Ob sie den bisher schwersten Unfall mit Radfahrern dieses Jahres im Land Brandenburg überleben werden, ist nicht sicher. „Der Zustand der drei Radfahrer, die bei dem Unfall am Sonntag schwer verletzt wurden, ist weiterhin kritisch“, sagte Polizeisprecherin Ines Filohn am Dienstag der Berliner Zeitung. Sie liegen in Krankenhäusern und kämpfen ums Überleben. Kurz nach dem Unfall war eine Radfahrerin gestorben.

Der Unfall ist schwer verstehbar: Es war helllichter Tag und gutes Wetter, als die beiden Berliner Paare – 51 bis 64 Jahre alt – mit den Rädern bei Klein Köris (Dahme-Spreewald) unterwegs waren. Die Radler fuhren, da es keinen Radweg gab, vorschriftsmäßig hintereinander am Straßenrand. Doch ein 81-jährige Autofahrer raste von hinten in die Gruppe. „Es gab keinerlei Bremsspuren“, sagte Polizeisprecherin Filohn.

Um den Unfall zu rekonstruieren, wurden Auto und Räder sichergestellt. Auch die Fahrerlaubnis des Autofahrers wurde eingezogen. „Ermittelt wird wegen fahrlässiger Tötung“, sagte Polizeisprecherin Filohn.

Oft sanierungsbedürftig

Nun wird nicht nur diskutiert, ob Leute in hohem Alter noch Auto fahren sollen oder welche Auflagen es geben soll, sondern es geht auch darum, wie sicher die Straßen in Brandenburg für Radfahrer sind.

Michael Jungclaus von den Grünen im Landtag kritisiert den Zustand der Radwege. „Die Regierung muss ihre Anstrengungen beim Radwegeausbau dringend intensivieren. Sie darf dabei nicht nur den touristischen Radverkehr in den Blick nehmen, sondern muss sich auch viel stärker um den Ausbau straßenbegleitender Radwege kümmern.“

In Brandenburg wurden die meisten Radwege nach dem Ende der DDR gebaut. Zum einen gibt es 2000 Kilometer Radwege neben Straßen, die vor allem auch für die heimische Bevölkerung bestimmt sind, aber auch 7000 Kilometer Radwege mitten durch die Natur, die vor allem für Radtouristen gedacht sind.

In Brandenburg verfügen 35 Prozent der Bundesstraßen über Radwege, im Bundesschnitt sind es 44 Prozent. Das Problem beim aktuellen Unfall war, dass gar kein Radweg in der Nähe war. Aber auch schlechte Radwege können zum Problem werden, wenn Radler auf die besseren Straßen ausweichen – damit steigt für sie die Gefahr, in einen Unfall verwickelt zu werden.

Ob sich aus dem Unfall etwa für den Lobby-Verband ADFC konkrete Forderungen ergeben, sei schwer zu sagen, so Landeschef Stefan Overkamp. Noch sei der Unfallverlauf unklar. „Es scheint kein typischer Unfall zu sein. Es passiert nur selten, dass ein Autofahrer außerorts von hinten Radfahrer überfährt.“ Typisch seien Unfälle, bei denen Autofahrer Radler beim Abbiegen übersehen.

Und wie sieht es grundsätzlich im Land aus? „Die Grundausstattung für den Radverkehr ist in Brandenburg gut“, sagte Overkamp. Brandenburg sei ein Radland, und viele Regionen seien gut für den Radtourismus ausgestattet. „Ich selbst fahre gern die Wege durch die Natur, und man möchte manchmal weinen vor Glück, weil es landschaftlich so schön ist. Allerdings gibt es inzwischen viele bauliche Probleme.“ Viele Wege von vor 20 Jahren sind inzwischen sanierungsbedürftig.

Hauptproblem sind sogenannte Wurzelaufbrüche, bei denen Baumwurzeln den Asphalt zerstören und den Weg zur Holperstrecke machen. Viele Wege seien baulich in einem Zustand, so dass sie für Radtouristen und für Tourenradler nicht geeignet seien, sagt Overkamp. „Es gibt einen dringenden Handlungsbedarf, wenn das Land in der Spitzengruppe bei den Radwegen bleiben will.“ Die Zahlen sprächen für sich: Das Land gab 2010 noch 20 Millionen Euro für den Radverkehr aus, 2017 waren es 11 Millionen Euro. „Wir fordern 50 Millionen Euro pro Jahr“, sagte er.

Tempo 70 gefordert

Wichtig für die Schwere der Unfallfolgen sei die Geschwindigkeit der Autos. „Wir fordern eine Reduzierung der zulässigen allgemeinen Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 in den Orten und Tempo 70 außerhalb.“ Auf Schnellstraßen, Autobahnen oder großen Ausfallstraßen könne schneller gefahren werden.

Je langsamer gefahren werde, umso geringer sind die Unfallfolgen. „Dort, wo Tempo 30 angeordnet ist, gibt es viel weniger schwere Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern“, sagt er. Insgesamt ist der Anteil der Radfahrer am Unfallgeschehen unterdurchschnittlich, aber die Verletzungen sind oft sehr schwer, weil Radler und Fußgänger nun mal keine Airbags haben.

Deshalb sollte sich die Planung von Radwegen an den Interessen der Radfahrer orientieren. „Doch die Verkehrsinfrastruktur orientiert sich noch immer vor allem am Autoverkehr“, sagte Overkamp. „Wir wollen aber keine Fahrradplanung aus der Sicht des Autofahrers. Das gab es viel zu lange. Jetzt ist eine Planung aus Sicht der Radfahrer nötig.“ Das Land sollte nur noch Fördergeld für Radwege geben, wenn die Kommunen eigene Radkonzepte haben.