Zwei große Hoffnungen verbinden insbesondere Anwohner von Hautverkehrsstraßen mit dem E-Mobil-Hype: Dass die Luft sauberer wird und dass der Lärm der Verbrennungsmotoren verschwindet. Beides tritt auf absehbare Zeit nicht ein.

Solange, wie in Berlin, der Strom fürs E-Auto großenteils mit fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas erzeugt wird, werden auch Luftschadstoffe emittiert – nur halt vom Kraftwerk und nicht vom Motor. Auch der Traum, aus der Leipziger Straße, dem Kaiserdamm oder der Beusselstraße würden E-Mobilitätsbedingt ruhige Wohnlagen, durch die statt brummiger Diesel und Benziner ganz leise E-Autos schnurren, wird sich nicht erfüllen.

Dafür sorgt zum einen die Physik, deren akustische Regeln man anhand der wenigen in Berlin betriebenen E-Autos studieren kann. Das Anfahren eines vollelektrischen BMW i3 oder eines E-Golf erfolgt zwar fast geräuschlos bis etwa 30 Kilometer pro Stunde. Bei höheren Geschwindigkeiten übertönen die Abrollgeräusche der Reifen den leisen E-Motor – und das Gerumpel und Geklacker der Räder auf Berlins geflickten und schlaglochreichen Straßen sorgt für ein paar zusätzliche Dezibel.

Lieber ein freundliches Klingeln

Die USA und die EU wollen dafür sorgen, dass E-Autos auch im leisen unteren Geschwindigkeitsbereich laut und damit vernehmbar bleiben. Um Fußgänger und Radfahrer, vor allem aber sehbehinderte Menschen vor Unfällen mit Elektro- und Hybridautos zu schützen, müssen diese in Amerika von 2019 an serienmäßig mit einem „Acoustic Vehicle Alerting System“ (AVAS) ausgerüstet werden. Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Lautsprecher hinter der Frontschürze, der ein elektronisch nachempfundenes, mit der Geschwindigkeit ansteigendes Motorgeräusch von sich gibt. In Japan und China sind solche E-Krachsysteme bereits Pflicht. 

In Deutschland bietet BMW den „akustischen Fußgängerschutz“ bereits für sein elektrisches Modell i3 als Sonderausstattung für 100 Euro Aufpreis an. VW nimmt 155 Euro extra von Käufern seines E-Golf, die den Lärmgenerator „E-Sound“ ordern. Dieser erzeugt laut Prospekt sogar hoch bis 50 Kilometer pro Stunde „ein einem Verbrennungsmotor ähnliches Geräusch“.
Nach der EU-Verordnung 540/2014 sollen solche Systeme ab 1. Juli 2019 Pflicht werden und bis Tempo 20 künstlichen Motorlärm erzeugen. Damit wird der Vorzug von Elektromotoren, bei niedrigen Geschwindigkeiten in Ballungsräumen den Verkehrslärmpegel zu senken, gezielt zunichte gemacht.

Die amerikanische „National Highway Traffic Safety Administration“ (NHTSA) rechtfertigt die Mindestlärmvorschrift mit Untersuchungen, wonach es weniger Unfälle zwischen E-Autos, Fußgängern und Radfahrern gebe. Das „Center Automotive Research“ (CAR) an der Universität Duisburg-Essen kam bei seinen Tests zu anderen Ergebnissen. Es ließ an über 200 Probanden Elektroautos und moderne Benziner vorbeifahren, um die Geschwindigkeit schätzen zu lassen. Fazit der Studie: „Bei konstanter Geschwindigkeit im Stadtbereich besteht in der Wahrnehmbarkeit kein Unterschied zwischen modernen Benzinfahrzeugen und Elektroautos.“ Was heißt, dass man auf akustische Warngeräusche bei E-Autos verzichten kann – oder sie konsequenterweise auch für leise Benziner vorschreiben müsste.

Neue Herausforderungen der E-Mobilität

Oder für Radfahrer, die der Fußgänger auch nicht hört, bevor er auf dem Gehweg von einem Radler umgefahren wird. Leiseren Verkehr flächendeckend wieder lauter machen – eine absurde Vorstellung. Kein Wunder, dass das Umweltbundesamt die AVAS-Vorschriften unter dem Gesichtspunkt der Straßenlärmminderung ablehnt. Das Amt hält viel von E-Mobilität, „aber von künstlich erzeugtem Motorlärm halten wir nichts,“ sagt der zuständige Fachgebietsleiter René Weinandy. Er denkt eher an eine Art freundliches Fahrradklingelgeräusch, dass der E-Autofahrer im Falle eines Falles zum Wecken schlafmütziger Passanten per Knopfdruck erzeugen kann.

Vor allem aber müssten alle Verkehrsteilnehmer ihr Verhalten auf die neuen Herausforderungen der E-Mobilität einstellen: Die Fahrer müssten eben die enorme Beschleunigungskraft ihrer E-Autos zügeln, wenn sie sehen, dass ein Fußgänger das leise Auto offenbar nicht bemerkt hat. Und die Fußgänger und Radfahrer müssten aufmerksam darauf achten, ob hinter oder neben ihnen ein leises E-Auto fährt.

Ob diese Ratschläge in Berlin ankommen, wo viele Passanten aufs Smartphone statt auf die Straße gucken, ist allerdings zweifelhaft. Und diejenigen, die sich mit Kopfhörern akustisch von der Umgebung abschotten, hören nicht mal einen gängigen Diesel-LKW.