Freyenthal Der morgendliche Dunst lichtet sich über den Wiesen bei Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark). Die Leute, die auf einem Beobachtungsturm am Rand der Äcker stehen, richten gebannt ihre Feldstecher auf das weite, flache Land. Mucksmäuschenstill sind sie. Durch ihre Ferngläser schauen sie auf ein phänomenales Schauspiel der Natur. Riesige Vögel lüften ihr Federkleid und bauschen sich dabei zu großen weißen Kugeln auf. Es ist der liebestolle Tanz männlicher Großtrappen, die ein Weibchen für die Paarung gewinnen wollen.
Im Natur- und Vogelschutzgebiet Belziger Landschaftswiesen geht es den kolossalen Vögeln ausgesprochen gut. Da staunen sogar Fachleute und Wissenschaftler, die sich professionell mit dem größten flugfähigen Vogel der Welt beschäftigen.

Experten aus 13 Ländern haben sich in einer Art Absichtserklärung zum Schutz der Großtrappe verabredet. Derzeit nehmen sie an einer Internationalen Fachkonferenz im Naturpark Hoher Fläming teil – auf Einladung des Potsdamer Umweltministeriums sowie des Büros der Bonner Konvention zum Schutz wandernder, wild lebender Tierarten. Bis Ende der Woche tauschen die weit gereisten Gäste Erfahrungen mit ihren äußerst erfolgreichen Brandenburger Kollegen aus.

Anstieg von 50 auf 267 Tiere

Denn Brandenburg gilt als ein Vorreiter beim länderübergreifenden Kampf um die Erhaltung dieser Riesenvögel. Die weltweiten Bestände sind auf der Roten Liste der gefährdeten Arten als „verwundbar“ eingestuft. In Deutschland gilt sogar die höchste Gefährdungsstufe: „Vom Aussterben bedroht“.

Die Population der Großtrappen, die auch Ackergänse genannt werden, musste in den vergangenen Jahrzehnten drastische Verluste erleiden. Die Gründe sind klar: die Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft, die Ausweitung monotoner Saatgrasflächen und der damit verbundene Niedergang von zahlreichen Pflanzen- und Insektenarten sorgten dafür, dass die imposanten Tiere weniger Lebensräume und Futter fanden.

Der bundesweit inzwischen einzige Lebensraum befindet sich in Brandenburg und erstreckt sich bis ins angrenzende Sachsen-Anhalt. Mitte der 90er-Jahre wurden nur noch 50 dieser Vögel gezählt. Doch Anfang dieses Jahres wurde der Bestand auf 269 Tiere beziffert.

„Ohne unser systematisches Gegensteuern wäre dieser majestätische Vogel in Deutschland ausgestorben“, sagt Torsten Langgemach, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Buckow. „Jetzt haben die Vögel wieder eine gute Perspektive.“
Die Vogelschutzwarte koordiniert die landesweiten Überlebenshilfen für den Großvogel. Es gibt drei Schutzzonen: neben den Flächen bei Bad Belzig ist es der Fiener Bruch, der sich bis Sachsen-Anhalt erstreckt, dazu kommt das Havelländische Luch nordwestlich von Berlin. Dort kümmern sich seit Jahren staatliche Behörden, Privatwirtschaft und ehrenamtliche Naturschützer mit einem komplexen und auch kostspieligen Programm um optimale Lebensbedingungen für den „märkischen Strauß“.

Der schaffte es Mitte der 90erJahre europaweit in die Schlagzeilen, als beim anstehenden Ausbau der ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover sogar eine Untertunnelung des Havelländischen Luches diskutiert wurde. Schließlich einigten sich Bahn, Land und Umweltschutz auf etwa sechs Kilometer lange Erdwälle neben den Gleisen.

Sie dienen den äußerst stressanfälligen Vögeln zum einen als Lärmschutz. Andererseits zwingen sie die etwas flugfaulen Tiere bei ihren Ausflügen dazu, hoch genug aufzusteigen, damit sie nicht unter den Zug kommen. Die ganze Sache kostete etwa 20 Millionen Euro.

„Perfektes Management“

Nicht nur dieses Geld, sondern auch die jahrzehntelangen Bemühungen schon zu DDR-Zeiten haben sich nach Ansicht der Experten absolut gelohnt. Trappenschutz sei weit mehr als die Erhaltung einer Art, so der Tenor der Fläminger Konferenz. Es gehe um einen international vernetzten umfassenden Landschaftschutz, der generell etwas über den heutigen Umgang des Menschen mit der Natur aussage. Borja Heredia vom Büro der Bonner Konvention nennte das Brandenburger Vorgehen als ein Modell für ein perfektes Management von wirtschaftlichen und ökologischen Interessen.

Denn neben der Trappgans profitieren zunehmend auch andere Arten vom umfassenden Schutzpaket. Das beinhaltet zum einen die enge Zusammenarbeit mit den Landwirten, die auch dank zahlreicher Förderprojekte ihre Arbeit auf den Feldern nach dem Lebenszyklus der Vögel ausrichten. Die extensive Bewirtschaftung, die auf Düngemittel verzichtet, sorgt für eine neue Vielfalt an Insekten – die Nahrungsgrundlage für die besonders hungrigen Küken sind.

Zur besseren Reproduktion der Vögel wird aber noch immer ein Teil der Eier eingesammelt, künstlich ausgebrütet und nach achtwöchiger Aufzucht durch den Menschen in eingezäunten Gebieten ausgewildert. Diese Gehege bieten einen wirksamen Schutz vor Fressfeinden wie Fuchs. Marder und Waschbär. „Bemerkenswert ist, dass auch die Muttervögel diese Zonen für ihre Brut und natürliche Aufzucht aufsuchen“, sagt Torsten Langgemach.

Am Donnerstag will die Konferenz zum Abschluss ein Fünf-Jahres-Arbeitsprogramm verabschieden. Es geht unter anderem um die Ausweisung weiterer Schutzzonen, um die Berücksichtigung von Flugkorridoren und um die Übertragung von Erfahrungen aus den Verbreitungsgebieten zwischen Spanien und Russland. Die Brandenburger haben dabei viel einzubringen.