Wenn die Gedanken auf Fernreise gehen. Werbung in der indonesischen Botschaft in Berlin.
Foto: imago images/ Christina Kratsch

BerlinNach Wochen des Virus-bedingten Zwangspause haben am Montag in Berlin die ersten Hotels wieder geöffnet. Von einem Normalbetrieb kann jedoch keine Rede sein. Die gesamte Branche muss sich auf nicht absehbare Zeit auf weniger Gäste und weniger Umsatz einstellen. 

Bei Christa Moog hingegen klingelt an diesem Montagvormittag gleich mehrmals das Telefon. Der erste Anrufer ist ein Gast, der ursprünglich Mitte Mai ein paar Tage in ihrem kleinen Literaturhotel an der Fregestraße in Friedenau verbringen wollte. Nun will er den Aufenthalt auf Anfang Juni verschieben.

Christa Moog freut sich und bucht auf den neuen Termin um. „Kein Problem, wir haben jede Menge freie Zimmer“, sagt sie. Sie hätte auch sagen können: Zu viele. Tatsächlich erwartet sie erst am Freitag überhaupt die ersten Gäste – ein Paar kommt und will für vier Tage eines der 17 Zimmer des Literaturhotels belegen. Die Schließzeit hat der Beherbergungsbetrieb in dem bürgerlichen Teil von Schöneberg vor allem dank der Soforthilfe des Senats überstanden, sagt Moog. „Das ging ganz unbürokratisch und hat uns sehr geholfen“, sagt sie.

Im nächsten Moment klingelt das Telefon erneut: Ein Gast, der Mitte Juni mit seinen Eltern kommen wollte, sagt ab. Sie habe Absagen für Buchungen bis in den späten Herbst, sagt die Pächterin. Eine Pandemie ist kein guter Reiseberater.

Damit will sich Oliver Kranz nicht recht abfinden. Der Direktor von drei nebeneinander liegenden Hotels des Unternehmens Accor am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg sieht die Krise als Herausforderung, wie er sagt. Von den drei Häusern ist seit Wochen nur eines in Betrieb. Durchschnittlich 30 Gäste – Geschäftsleute oder Handwerker – habe man seit Anfang März Tag für Tag gehabt,

An diesem Montag, dem ersten Tag nach dem Lockdown, ist das nicht anders. Dabei sieht sich der Accor-Manager gut gerüstet. Insgesamt 120 kritische Punkte im Hotel hat er festgelegt, die jetzt regelmäßig desinfiziert werden, darunter natürlich auch die Türkarten. Die Aufzüge dürfen nur noch von zwei Personen gleichzeitig benutzt werden. Auch wenn Kranz bisher keine Touristen begrüßen durfte, bleibt er geradezu zwanghaft optimistisch. „Berlin ist immer eine Reise wert“, sagt er. Fragt sich nur, für wen.

Zwei Besuchergruppen fallen dieses Jahr aus

Die Tourismusgesellschaft Visit Berlin geht davon aus, dass dieses Jahr zwei Besuchergruppen weitgehend oder fast komplett wegbleiben: die ausländischen Gäste und die Teilnehmer großer Kongresse oder Messen. Deshalb müsse die Branche umdenken, sagt Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker. „Ich glaube, dass wir uns darauf konzentrieren müssen, Konzepte zu finden, wie Veranstaltungen mit weniger als 100 Teilnehmern wieder stattfinden können.“  

Berlin war 2019 Veranstaltungsort von 176 Kongressen internationaler Verbände und liegt nach den Daten der International Congress and Convention Association auf Platz drei weltweit. Besser stehen nur Paris und Lissabon da.

Auch die Senatsverwaltung für Wirtschaft erkennt den Kongressmarkt als bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Der dritte Platz im Kongress-Ranking sei ein Zeichen für einen Wandel in der Branche. „Weg vom klassischen Messestand hin zu Veranstaltungen, die die ganze Attraktivität einer Stadt einbeziehen. Da hat Berlin auch künftig viel zu bieten“, so Sprecherin Svenja Fritz. Auch digitale Formate würden für Messen unverzichtbare Elemente. „Wir werden alles dafür tun, in der Zeit nach Corona an das gute Ranking anzuschließen.“

Wie sehr Berlins Hotelbranche von diesen Besuchern abhängig ist, zeigt eine Statistik von Visit Berlin für das Jahr 2018. Demnach brachten Veranstaltungen damals alleine rund zwölf Millionen Gäste in die Stadt, die für mehr als acht Millionen Hotel-Übernachtungen bezahlten. Das waren  fast 25 Prozent. Der Gesamtumsatz des Tagungs- und Kongressgeschäfts lag bei rund 2,63 Milliarden Euro. „Auch durch die Wertschöpfung, die diese Kongressteilnehmer mit sich bringen, ist das ein enorm wichtiger Faktor“, sagte Kieker. Und es seien nicht nur die sehr großen Veranstaltungen wie die weltgrößte Reisemesse ITB, die dabei ins Gewicht fielen: „Wir haben im Jahr mehr als 143.000 Veranstaltungen in Berlin, davon haben 84 Prozent weniger als 100 Teilnehmer“, so der Visit-Berlin-Geschäftsführer.

Aus Kiekers Sicht wäre schon viel erreicht, wenn es gelänge, davon auch nur einen kleinen Teil zu retten. „Ich glaube gar nicht, dass wir neue Gäste gewinnen werden. Wir müssen die Leute, die schon gebucht haben, davon überzeugen, dass sie nicht absagen“, sagt Burkard Kieker. Jetzt müsse nur noch die Politik grünes Licht für kleinere Veranstaltungen geben. (mit dpa)