Berlin - Wie ein Parteitag wird, ist nicht nur eine Frage der Protagonisten und des Programms. Es ist auch eine Frage des Termins. Dieser hier der Sozialdemokraten, am Sonnabend im Saal D des Neuköllner Tagungshotels Estrel, kam daher wohl mindestens zwei Wochen zu früh, um ein guter, also ein spannungsreicher, debattenzentrierter, aufbruchsfreudiger Parteitag zu werden: Die Berliner SPD bestätigte ihren Landesvorsitzenden Jan Stöß im Amt. Und zwar mit einem denkbar bescheidenen Ergebnis von 68,7 Prozent Ja-Stimmen. Zur Erinnerung: Stöß war der einzige Kandidat für dieses Amt.

In knapp einer Woche findet in Berlin der Tempelhof-Volksentscheid und die Europawahl statt, das sind zwei für die SPD höchst heikle Abstimmungen. Lägen die Ergebnisse schon vor, könnte man darüber zumindest trefflich streiten. „Aber so traut sich hier keiner, die Probleme der Partei offen anzusprechen“, sagte ein Teilnehmer, einer der wichtigeren, schulterzuckend.

Selbstkritik ist offenbar gefährlich – oder wie Stöß sagte: „Wenn wir uns nicht loben, dann tun es auch die anderen nicht.“ So blieb das schwache Wahlergebnis für ihn fast das einzige, allerdings deutliche Signal, dass einiges im Argen liegt in der stärksten Regierungspartei.

Stöß selbst jedenfalls verlor darüber kein Wort. Keines zu den schwachen Umfragewerten weit hinter dem Koalitionspartner CDU, keines zum Führungsstreit der SPD, keines zum Vertrauensverlust bei den Wählern. Er hielt zwar eine kehlig vorgetragene, selbstbewusste Rede, er sprach eine Dreiviertelstunde ohne Manuskript und Stichwortzettel, was er vor zwei Jahren, bei seiner ersten Wahl, noch nicht konnte. Aber um überzeugend, gar mitreißend zu sein, reichte es nicht. Stöß versuchte es mit Lob nach allen Seiten. Er ließ die SPD-Senatsmitglieder einzeln aufstehen und beklatschen, er bedankte sich unter Applaus bei Klaus Wowereit und auch bei Raed Saleh, dem Fraktionsvorsitzenden, der ihm vor einem Monat noch arg zusetzte, weil er informell mit dem Gedanken spielte, gegen Stöß zu kandidieren.

Der Applaus für Stöß war kurz

Er umgarnte die Delegierten, indem er versprach, dass die Parteibasis beim Wahlprogramm 2016 größtmöglichen Einfluss haben soll. „Nicht ich sage euch, was unser Wahlprogramm sein soll, sondern das sagt ihr mir.“ Er kündigte an, dass im wachsenden Berlin künftig wieder Personalaufbau statt -abbau betrieben werden müsse. Er betonte, dass die SPD zu den – bekanntlich oft SPD-nahen – sozialen Trägern wieder mehr Vertrauen entwickeln solle statt bei einer„Fixierung auf Abrechnungspraktiken“ zu bleiben.

Und er landete den sichersten Treffer vor den gut 230 Mitgliedern einer bezirksvernarrten Hauptstadt-SPD, als er sagte, ohne starke Bezirke gebe es kein Berlin. Und doch: Der Applaus für Stöß war kurz – und längst nicht alle Genossen erhoben sich für ihren Vorsitzenden vom Gestühl, um stehend zu klatschen. Das war das Vorzeichen, dass etwas bröckelt unter der von Stöß ein ums andere Mal erneuerten Schicht SPD-Hochglanzlack.

Das nächste Zeichen war das Scheitern einer Statutenänderung, mit der Stöß weitere Mitglieder in den Parteivorstand schaufeln wollte, um ja niemanden zu vergrätzen. Die nötige Dreiviertelmehrheit kam nicht zustande. Und als auf einmal Stöß’ Wahlergebnis auf den beiden riesigen Bildschirmen links und rechts vom Parteitagspräsidium erschien, gab es sogar eine Art Schreckminute.

Wer Vergleiche liebt: Den längsten Applaus mit saalweiten Standing Ovations bekam Gastredner Felipe González, 72, einst spanischer Regierungschef, für seine Kritik an der globalen Finanzökonomie. Zweiter wurde Klaus Wowereit für seine inhaltlich bekannte, dafür aber laute und energische Verteidigung der Randbebauungspläne auf dem Tempelhofer Feld – über die das Volk von Berlin am kommenden Sonntag abstimmt.

Stöß, der sich nach Salehs Rückzug schon als Gewinner im Zwist um die Wowereit-Nachfolge wähnte, dürfte das zwischenzeitliche Siegergefühl vorerst ausgetrieben worden sein. Die Partei jedenfalls hat sich noch keinesfalls entschieden, wen sie künftig will. Vorerst sollen bitte einfach alle mal weitermachen.