Ein „Leuchtfeuer der Freiheit, das seine Strahlen nach Osten sendet“, das sollte die Kongresshalle im Großen Tiergarten sein.  Deshalb war von den ersten Planungen an klar: Das architektonisch spektakuläre Gebäude – wir befinden uns in den 1950er-Jahren – sollte  mit seinem weißen Dach tagsüber intensiv das Sonnenlicht reflektieren und nachts hell beleuchtet werden.

Zudem schüttete man einen Hügel auf, damit die Bürger der DDR den baulichen Beweis für die Überlegenheit des freiheitlich-kapitalistischen Systems auch von der Grenze aus sehen konnten.

Antwort auf die Stalinallee

Hugh Stubbins, aus den USA stammender Architekt, hatte die freitragende, doppelt gekrümmte Spannbeton-Decke entworfen. Sie war aufgehängt an einem Netz von Stahlseilen, diese wiederum an zwei Stahlbögen befestigt. „Das war in Wirklichkeit ein Propagandabau, der sich an die Sowjets richtete, die nur einen knappen Kilometer entfernt waren“, bekannte Stubbins.

Tatsächlich entstand die Kongresshalle als US-Beitrag zur Internationalen Bauausstellung Interbau 1957, die wiederum die westliche Antwort auf das architektonische Statement der Stalinallee im Osten der Stadt war.

Bauen hieß zu jener Zeit: Kampf der Systeme. Das war drei Jahre vor dem Mauerbau, und im kriegsbedingt abgeholzten Tiergarten wuchsen allenfalls kleine Bäumchen und Büsche, die den Blick vom Osten her noch nicht behinderten.

Wichtigste Akteurin des Projektes Kongresshalle war die damalige Berlin-Verantwortliche des US-Außenministeriums, Eleanor Dulles, Schwester von Allen Dulles (CIA-Direktor) und John Foster Dulles (US-Außenminister).

Am 26. April 1958,  knapp fünf Monate nach der Fertigstellung, übergab Eleanor die Halle als Geschenk an die Stadt. Die Berliner Zeitung verzichtete damals auf Berichterstattung oder gar Fotos.

Das Baugeschehen hatte sie allerdings – mit gewisser Häme – begleitet: Zweifel, Unglücke und Kritik fanden den Weg ins Blatt. So wurde über ein Feuer berichtet, das am 7. August 1957 auf dem Dach der Baustelle ausgebrochen war. 

Anlass zum Mäkeln war die Speiseversorgung. So hieß es am 19. Oktober 1958 unter der Überschrift „Gastronomie auch unmöglich“: „Beim Bau der Kongreßhalle Im Tiergarten, einem USA-Geschenk an den Senat, hat man vergessen, die Ratschläge der Gastronomen einzuholen. U. a. sind die Küchenräume so klein, daß sich die Köche gegenseitig behindern.“

Gern zitierte man die Zeitung Telegraf, die geschrieben hatte: „Noch krasser als bisher stellte sich das bei der Sitzung des Bundestages heraus. Die Abgeordneten mußten bis zu zwei Stunden auf das Essen warten.“

Kritik und Skepsis gab es allerdings auch im Westen: Fachleute bezweifelten die statische Sicherheit der freitragenden Konstruktion. Die „Kongresshallen-Debatte“ beschäftigte die einschlägigen Fachzeitschriften.

Tatsächlich dauerte es mehr als 20 Jahre, bis am Vormittag des 21. Mai 1980 der südliche Dachrand einstürzte. Im Gebäude fand gerade eine Pressekonferenz statt. Fünf Menschen wurden verletzt.

Die Gutachten zur Ursache bestätigten die Zweifler aus der Bauphase. Nach weiteren Diskussionen, in denen es auch um einen Abriss ging, entschied man sich für den Wiederaufbau, auch mit der Begründung, es handele sich um ein „geschichtliches und politisches Dokument“. 

Das Bauwerk wurde am 9. Mai 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins wieder eröffnet – abermals ein politischer Akt. Seither ist dort das Haus der Kulturen der Welt mit seinem multikulturellen Programm beheimatet.

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