Wenn Silvester die Böller krachen, haben die Beschäftigten des größten Berliner Landesunternehmens allen Anlass, sich das eine oder andere zusätzliche Glas Sekt zu genehmigen. Denn es ist klar, dass 2015 für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ein gutes Jahr gewesen ist. Das geht aus den jüngsten internen Unternehmenszahlen hervor, die der Berliner Zeitung vorliegen.

Aus der schwarzen Null, die im vergangenen Jahr erstmals seit langem wieder die Bilanz zierte, ist eine dicke schwarze Null geworden. Auch andere Daten zeigen, dass die Vorstandsvorsitzende Sigrid Evelyn Nikutta, ihr Finanzvorstand Henrik Falk und die anderen BVGer gut gearbeitet haben. Allerdings: Die Zahlen überzeugen nicht jeden. Und Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB sagt: „Von der schwarzen Null haben die Kunden erst mal nichts.“

Fette rote Zahlen gehörten lange Zeit zur BVG-Bilanz wie die U-Bahn in den Tunnel. Das Unternehmen galt selbst im Senat als aufgebläht, verkrustet, ineffizient. Doch die Sparmaßnahmen, die vor knapp zwei Jahrzehnten an Tempo gewannen, zeigen immer mehr Wirkung. Im vergangenen Jahr verzeichnete das einstige Sorgenkind ein Ergebnis, das auch ohne Sondereffekte positiv ausfiel: ein Plus von 7,4 Millionen Euro. Das war kein Ausrutscher: Für dieses Jahr lautet die Gewinnprognose 11,1 Millionen Euro.

Umsatzrendite: ein Prozent

„Die gute Entwicklung der BVG hält auch im Jahr 2015 an“, sagte Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen, der dem Aufsichtsrat der BVG vorsitzt, der Berliner Zeitung. Das sei gut für das Unternehmen und „natürlich auch für das Land Berlin“, so der SPD-Politiker.

Dass die Fahrgastzahl zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten wieder neunstellig ausfällt, hat die BVG bereits bestätigt. In der Prognose von Anfang November steht die schöne Zahl 1.000.000.000, eine Milliarde. Noch deutlicher, um 3,6 Prozent, nahmen die Fahrgelderträge zu. Die Finanzplaner gehen davon aus, dass am Ende des Jahres fast 659 Millionen Euro in der BVG-Kasse liegen.

Aber ist das wirklich eine Leistung? Schließlich gibt es immer mehr Berliner, und längst nicht jeder Neuling fährt Auto. „Der Erfolg ist nicht nur auf die wachsende Stadt Berlin zurückzuführen“, entgegnete Petra Reetz, die Sprecherin des Landesunternehmens, „sondern auch auf zahlreiche Angebotsmaßnahmen und vielfältige Kundenwerbungs- und Kundenbindungsaktivitäten.“ Die Zahl der Abonnenten steigt. Dem Vernehmen nach zählte die BVG in diesem September 415.800 Stammkunden, also Kunden mit Abos oder Jahreskarten – innerhalb eines Jahres ein Plus von acht Prozent. Auch die Imagekampagnen („Weil wir Dich lieben“) hätten einen wesentlichen Beitrag geleistet, berichtete Reetz.

„Die BVG erzielt, wenn auch mit erheblichen öffentlichen Zuschüssen, eine Umsatzrendite von gut ein Prozent. Das ist bundesweit nicht selbstverständlich“, bilanzierte Kollatz-Ahnen. Was erwartet der Senator für das nächste Jahr ? „Ich bin zuversichtlich, dass sich der erfreuliche Trend der vergangenen Jahre auch im Jahr 2016 fortsetzen kann“, sagte er. Alles paletti bei der BVG?

„Die Zahlen sehen ja auf den ersten Blick gut aus“, meinte Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Er befasst sich seit Jahren mit der Ökonomie des Verkehrswesens. Doch ein langfristiger Vergleich lasse die BVG nicht mehr ganz so gut dastehen, so der Wirtschaftswissenschaftler. Von 2011 bis 2015 nahm die Zahl der Fahrten, die mit der BVG absolviert werden, um sieben Prozent zu. Doch die Ausgleichszahlungen, die das Land Berlin laut Verkehrsvertrag leistet, stiegen um elf Prozent – und die Personalkosten ebenfalls. In diesem Jahr belaufen sie sich auf fast 600 Millionen Euro.

Fahrpreise werden weiter steigen

„Bei einem fixkostengetriebenen Geschäft wie der BVG müsste man erwarten, dass eine höhere Auslastung dramatische Verbesserungen der Ergebnisse bringt. Schließlich verursacht ein voller Bus kaum mehr Kosten als ein leerer Bus“, so Böttger. „Gemessen daran finde ich die Zahlen nicht besonders beeindruckend.“ Auch seien keine Aktivitäten zur Kostensenkung zu erkennen, sagte er. „Die Personalkosten steigen stärker als die Fahrgastzahlen, der Zuschussbedarf steigt trotz steigender Fahrgeldzahlen und überproportionaler Fahrpreissteigerungen weiter deutlich an.“

Für den Berliner Fahrgastverband IGEB sind die Bilanzzahlen ebenfalls kein Grund zum Feiern. „Da muss man schon Wasser in den Wein gießen“, sagte Sprecher Jens Wieseke. Der Sparkurs in den vergangenen Jahren habe dazu geführt, dass nicht genug investiert wurde. Die U-Bahn leide unter einem gravierenden Fahrzeugmangel. „Es ist falsch, alles auf die schwarze Null zu fokussieren – so lange die Betriebsqualität leidet“, kritisierte Wieseke.

Immerhin: Mit mehr als 400 Millionen Euro hat die BVG in diesem Jahr rund 140 Millionen Euro mehr investiert als 2014, hieß es in dem Unternehmen. Auch bereite die BVG nun die Gründung einer Fahrzeugfinanzierungsgesellschaft vor, die kontinuierlich den Wagenpark verjüngen soll – und dafür bis 2035 rund 3,1 Milliarden Euro ausgibt.

Klar ist aber auch: Selbst wenn es der BVG jetzt besser geht – jährliche Fahrpreiserhöhungen gehören weiterhin zum Geschäftsmodell. Die nächste Tarifanhebung wird für den 1. Januar 2016 vorbereitet, die nächste soll 2017 folgen. „Grundsätzlich gilt: Regelmäßige, moderate und der Kostenentwicklung angemessene Tarifanpassungen sind erforderlich,“, sagte der Finanzsenator. Die BVG brauche Geld, um ihr Angebot zu verbessern und ihren Fuhrpark zu modernisieren. „Das ist gerade in einer wachsenden Stadt wie Berlin von größter Bedeutung.“