Schwarzmarkt: Superprofite mit „Superlover“

Potsdam - „Sex sells“ – Sex verkauft sich immer. Nicht umsonst gehören Porno-Seiten zu den meistbesuchten im Internet. Und dann gibt es auch noch die Angst vor dem sexuellen Versagen. Nicht umsonst verdienen Pharmakonzerne viele Milliarden mit Potenzpillen wie Viagra & Co. Und überall, wo es einen legalen Markt gibt, existiert auch ein Schwarzmarkt. Seit Dienstag muss sich vor dem Potsdamer Landgericht eine Bande verantworten, die laut Anklage im ganz großen Stil illegal mit Fälschungen von verschreibungspflichtigen Potenzpillen oder auch mit Schlankheitsmitteln gehandelt hat.

Ohne Rezept, ohne Wirkung

Die oft wertlosen Pillen aus China verkaufte die Bande von 2008 bis 2011 überteuert und ohne Rezept übers Internet – vor allen an deutsche Kunden. Es handelt sich um einen der größten Fälle von Arzneimittelbetrug nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Nach Angaben der Ermittler soll es sich um ein globales kriminelles Netzwerk von mehr als 800 Mittätern handeln, die mit ihrem illegalen Pillenhandel 21,5 Millionen Euro „erwirtschaftet“ haben.

Wie ernst die Justiz den Fall nimmt, zeigt sich schon vor Prozessbeginn: Polizeiwagen stehen vor dem Gericht und die Prozessbeobachter werden nicht erst – wie sonst üblich – vor dem Gerichtssaal auf Waffen durchsucht, sondern gleich am Eingang des Hauses. An der Tür von Saal 8 sitzen zwei Wachtmeister mit schusssicheren Westen und Pistolen. Drinnen sitzen acht Angeklagte, die eher unscheinbar wirken. Der Mann aus dem südbrandenburgischen Treuenbrietzen, über dessen Konten mehr als fünf Millionen Euro flossen, ist ein älterer Herr mit weißem Haar und schwarzem Jacket. Den Hauptangeklagten Georg W. (46) könnte man mit seiner randlosen Brille und seinem blau-weiß-karierten Hemd eher für einen Geographie-Lehrer halten als für einen Kriminellen, der mit zwei Kumpanen die Bande gegründet hat.

Die Vorwürfe gegen sie sind massiv. Es geht um gewerbsmäßigen Betrug, um die Fälschung von patentierten Medikamenten, um Schmuggel, um massenhafte Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, um Mitgliedschaft in einer kriminellen Bande, um Steuerhinterziehung, aber auch um irreführende Werbung im Internet. „Es geht darum, illegal eine Apotheke betrieben zu haben“, sagte Staatsanwalt Markus Nolte bei der Verlesung der Anklageschrift, die fast zweieinhalb Stunden in Anspruch nahm. „Die Angeklagten taten dies alles, ohne in irgendeinem Land diese Welt eine Zulassung als Apotheker zu haben.“ Die Mitglieder hätten aus grobem Eigennutz gehandelt und wollten, „fantastische, in der realen Wirtschaft nicht zu realisierende Gewinne“ erzielen – die Gewinnspanne lag bei 2 000 Prozent. „Dabei war ihnen die Gesundheit ihrer Kunden völlig egal“, sagte der Staatsanwalt.

Der Ankläger charakterisierte die drei Gründer der Bande als „kriminelle Abenteurer“. Die eigentliche Bande besorgte die illegalen Pillen aus Asien, die sie meist als Nahrungsergänzungsmittel tarnten. Per Schiff kamen sie über Bulgarien in die EU oder per Flugzeug über Prag. Die Pillen wurden dann per Internet als Originale oder baugleiche zugelassene Billig-Nachbauten – also als Generika verkauft.

Die Pillen trugen Namen wie „Superlover“ oder „Weekend-Prince“. Die Bande betrieb insgesamt vier Internet-Seiten, die später alle über eine Seite namens Pillendienst liefen. Die eigentliche Anwerbung von Kunden übernahmen etwa 800 Helfer aus aller Welt. Sie wurden als sogenannte Webmaster angeheuert und sorgten dafür, dass die Kunden im Internet auch tatsächlich auf der Seite der Bande landeten. Die besten Webmaster lud die Bande zu Partys in Tschechien und der Ukraine ein. Dort bekamen sie nicht nur T-Shirts mit dem Logo „Pillendienst“ überreicht, sondern es standen auch Prostituierte für sie bereit.

Der Staatsanwalt gab auch Einblick in die Einnahmen der einzelnen Bandenmitglieder: eine ältere Dame bekam für das Verschicken der Briefe mit den Pillen 3 000 Euro im Monat, der Treuenbritzener, der die Geldgeschäfte abwickelte, kassierte dafür und als „Schweigegeld“ mehr als 400 000 Euro. Bandengründer Georg W. wurden mehr als eine Million Euro überwiesen. Wie hoch die Strafen ausfallen werden, ist unklar. Der Richter sprach von maximal zehn Jahren Haft, aber da fast alle Angeklagten voll geständig sind, wollen Anklage, Verteidiger und Gericht bei einer Art Deal klären, ob sie sich auf Strafen einigen können, um den Prozess abzukürzen.