Berlin - Es war ein Risiko, als die Verantwortlichen der Klimarettungsinitiative Fridays for Future am Freitagvormittag zu einer Kundgebung in den Invalidenpark in Mitte gerufen hatten. Mitten in den Ferien. Die bange Frage lautete also: Würden überhaupt genügend Schüler und Studenten kommen, um gegen die ihrer Meinung nach unzureichende Umweltpolitik der Bundesregierung zu demonstrieren? Ein halbleerer Platz hätte kein gutes Bild abgegeben. Um es kurz zu machen: Es hat geklappt.

Als dann Star-Aktivistin Greta Thunberg auf der Bühne stand, in die Menge blickte und rief: „We continue“, gab es riesigen Applaus. Natürlich machen wir weiter, signalisierten die Demonstranten. Zuvor hatte der Uralt-Pink-Floyd-Hit „Another Brick In The Wall“ den Ton vorgegeben. Wer einen Blick auf die vielen selbstgebastelten Transparente warf, konnte an fast schon hellseherische Fähigkeiten der britischen Musiker glauben, als sie vor 40 Jahre die Zeile schrieben: „We don’t need no education“.

Diese Demonstranten sind tatsächlich bereits auf eine berührend originelle und doch ernsthafte Weise perfekt ausgebildet. Sie brauchen keine Erziehung mehr. Im Gegenteil machen sie ihrer Eltern- und Großelterngeneration vor, wie empathisch und doch auch kämpferisch sie bereit sind, sich für komplizierte Forderungen wie der Reduzierung des weltweiten Temperaturanstiegs zu engagieren.

Klimaaktivistin Greta Thunberg in Berlin: „Ich werde nie aufgeben“

In den vergangenen Tagen hatte jedoch vor allem die Pink-Floyd-Liedzeile „Teachers, leave them kids alone“ eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Mitte der Woche war bekanntgeworden, dass an einer Schule im badischen Mannheim die Eltern von vier Schülern mit einem Bußgeld von jeweils 86,50 Euro belegt wurden, weil ihre Kinder zu den Fridays-For-Future-Demos gegangen waren. Als einer der Redner dann verkündete, dass die Stadt Mannheim den Bußgeldbescheid aufgehoben habe, war der Applaus groß.

Noch lauter wurde es, als endlich Greta Thunberg auftrat. Die 16-Jährige war eigens aus ihrer Heimat im schwedischen Stockholm angereist, um der internationalen Klimabewegung Extra-Schwung zu verleihen. Es gebe ihr Hoffnung, dass so viele Menschen für das Klima auf die Straße gingen, sagte sie. „Ich werde nie aufgeben.“ Als Klimaaktivistin fühle es sich oft so an, als würde man nicht genug tun. „Aber es sind die Menschen an der Macht, die Politiker, Unternehmer und die Medien, die nicht genug tun – diese Menschen sollten die Verantwortung auf ihren Schultern spüren“, sagte sie.

Als sie am Ende die Menge fragte: „Are you with me?“, war deren Antwort ganz eindeutig: Ja, natürlich Greta, wir machen weiter mit! Und selbst für Klimaprotest-Nachwuchs ist offenbar gesorgt. Neben der Bühne standen Pina, Johannes, Cleopatra, Merle, Emily, Mina, Anna, Mila und Louise zusammen.

Sie sind acht bis zehn Jahre alt und gehen in die zweite bis vierte Klasse der Grundschule am Falkplatz in Prenzlauer Berg – begleitet wurden sie von zwei Betreuern. „Wir schwänzen nicht, wir kämpfen“, stand auf einem Transparent, das ein Mädchen gebastelt hatte.

Greta Thunberg hält Rede in Berlin: Berliner Politiker reagieren auf die Kundgebung 

Warum sie hier seien? „Na, weil wir auch gegen den Klimawandel sind“, sagte Johannes. Aber hätten sie nichts Besseres zu tun, mitten in den Ferien? „Nein“, sagten die Kinder ganz ernsthaft, „es ist wichtig, hier zu sein“. Es ist sicher auch der Enthusiasmus, diese ganz gewisse Selbstverständlichkeit, solcher jungen und ganz jungen Menschen, die Christian Thomsen zur Unterstützung der Initiative bewegen.

Doch es sind noch viel mehr die Inhalte. Thomsen ist Präsident der Technischen Universität (TU) Berlin – und in dieser Funktion stand er am Freitag ebenfalls auf der Bühne im Invalidenpark: „Die Fridays-for-Future-Bewegung ist richtig, sie ist wichtig, sie ist für unsere Zukunft bedeutend“, erklärte Thomsen.

Wie Thomsen weiter sagte, gebe es an seiner Universität viele Unterstützer, sie sei schon jetzt ein aktiver Teil der Universität. „Hallo Studierende und Wissenschaftler – ich bin stolz als TU-Präsident, dass Sie hier sind“, rief er. Tatsächlich befanden sich unter den vielen Transparenten der rund 3000 Demonstranten auffallend viele mit Bezug zur TU. Jetzt gelte es, sich bei der Politik noch mehr Gehör zu verschaffen.

Tatsächlich reagierten Berliner Politiker fleißig auf die Kundgebung. So twitterte die Grünen-Bildungspolitikerin Stefanie Remlinger vom Invalidenpark. „This is what democracy looks like“, schrieb sie und zitierte damit einen vielfach skandierten Spruch. Weiter schrieb sie: „Da kann halt 45 Minuten Politik-Unterricht pro Woche nicht mithalten.“

Auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop war auf Twitter aktiv: „,Unsere Zukunft liegt in euren Händen’, hat Greta Thunberg gesagt. Aber schon jetzt hat sie, haben alle SchülerInnen gezeigt: Auch sie haben die Zukunft in ihren Händen. Und sie machen etwas daraus. Lassen wir sie dabei nicht allein!“

Kritik aus der CDU 

Doch nicht alle Berliner Politiker sind Unterstützer. So twitterte der Hohenschönhauser CDU-Abgeordnete Danny Freymark am Donnerstag, dass die Bewegung „von einer gut gemeinten Initiative immer mehr zum Nährboden derer“ werde, „die unsere Demokratie und die dazugehörigen Institutionen ablehnen“.

In einem weiteren Tweet schrieb Freymark von „berechtigten Sorgen junger Menschen“. Diese sollte man „aufgreifen, einbinden und dann im Rahmen unserer Demokratie Lösungen entwickeln“.