Schweinsgalopp in Katerbow. Dazu hätten die meisten Schweine in konventioneller Haltung nie Gelegenheit. 
Foto:  Gerd Engelsmann

Berlin26 Millionen Schweine gibt es in Deutschland, fast alle werden auf konventionelle Art gehalten. Bevor sie geschlachtet werden, sind sie selten glückliche Tiere. Sie stehen auf Spaltböden, ihre Schwänze sind coupiert, ihre Zähne abgeschliffen. Normalerweise lassen Schweinebauern nicht gern fremde Menschen in ihre Ställe. Anders ist das bei Familie Koch, die in Katerbow im Landkreis Ostprignitz-Ruppin eine Schweinemast betreibt, die sich in vielerlei Hinsicht von herkömmlichen Betrieben unterscheidet.

Das Schwein rennt im vollen Galopp aus der hintersten Ecke des Freilaufs auf uns zu. Seine großen Ohren flappen mit Verve auf und nieder, ein Staubwölkchen stiebt auf, als es vor dem Zaun eine Vollbremsung hinlegt. Wäre das Tier ein Hund, könnte die Szene vom Hof in Katerbow glatt als Werbung für ein Leckerli durchgehen. Hier aber geht es um Schweine, die einmal Wurst werden sollen, Koteletts und Schinken.

Regelmäßig veranstalteten die Kochs vor Corona in Katerbow Hoftage, Transparenz wird auch jetzt noch großgeschrieben. Und so zwängen wir uns an einem heißen Augusttag in einen Einmal-Schutzanzug, streifen blaue Überzieher über die Schuhe und beginnen den Rundgang bei den kleinen Schweinen.

In deren Auslauf hat Marcus Koch die Dusche angemacht, ein Wassernebel kühlt rosa Rücken. Ein Ball liegt zum Spielen bereit, eine Tonne zum Hineinkriechen. Die meisten der Schweine, eine Kreuzung der Rassen Duroc und Petrain, liegen in der Hitze aber in Sandkuhlen oder im Schatten eines Baumes, andere durchwühlen den Boden nach Essbarem. Zum  Fressen müssen die Schweine in den Stall laufen, zum Trinken noch einmal ein paar Meter weiter. „Bei uns läuft auch die faulste Sau einen Kilometer am Tag“, sagt Marcus Koch. Das ist gut für das Schwein und somit für das Schnitzel, das einmal aus ihm wird.

Marcus Koch ist Geschäftsführer in Katerbow, der Familienbetrieb produziert in Hakenberg bei Fehrbellin. Drei Hofläden gibt es in Berlin.
Foto: Gerd Engelsmann

Die Trennung von Futter- und Wasserstelle ist in herkömmlicher Haltung nicht üblich. Dort bekommen Schweine Nassfutter. In ganz üblen Ställen stehen sie eng an eng auf einem Betonvollspaltboden (lässt sich super reinigen) und haben nichts anderes zu tun als stetig zu fressen. In der sogenannten Turbomast werden Schweine in acht Wochen von 20 auf 120 Kilo gemästet. Das Fleisch solcher Tiere kauft man dann für drei Euro das Kilo in der Plastikschale im Supermarkt. Einen Menschen sehen die Tiere in konventioneller Haltung nur selten. Alles läuft automatisiert. Die Tiere gehen durch Lichtschranken, werden nach Gewicht getrennt, bei 106 Kilo geht es zum Schlachter.

Anders in Katerbow. Insgesamt stehen hier maximal 500 Schweine drinnen auf Stroh und draußen auf märkischem Sandboden. Der Biobauer, der hier vorher Schweine hielt, hatte in einem Stall, wo heute 200 Schweine herumlungern, zehnmal so viele eingestellt. Marcus Koch erzählt das, weil sein Betrieb kein Biosiegel hat. „Bio-Standards sind Mindestanforderungen“, sagt er. „Wir sind weit darüber.“ Anstelle der als Mindestmaß vorgeschriebenen zweieinhalb Quadratmeter für ein 120-Kilo-Schwein in einem Biobetrieb haben die Schweine in Katerbow  bis zu 17 Quadratmeter Platz. Zum Rennen zum Beispiel oder zum Ausgraben eines Feldsteins. Auch coupierte Schwänze gibt es hier nicht.

In engen Ställen gehen sich die Schweine oft auf den Senkel, Aggression führt zu Verletzungen. Deswegen schneidet man Ferkeln vorsorglich den Ringelschwanz ab und schleift ihre Vorderzähne mit einer Bohrmaschine, damit sie ihre Artgenossen nicht verletzen. Hätten die Schweine genug Platz, sich aus dem Weg zu gehen, wäre das nicht nötig. Dass seine Schweine kräftige Zähne haben, bekommt Marcus Koch zu spüren, als er mit Gummistifeln in das Gehege einsteigt. Sofort beginnen die Tiere zu knabbern.

„Optisch ist das hier kein Hauptgewinn“, gibt Marcus Koch zu, als er den Blick über die alte LPG-Anlage schweifen lässt. Aber das soll sich ändern. Die Familie Koch – Vater Winfried, Mutter Ulrike und die Brüder Marcus und Stephan – hat viel vor mit dem Betrieb. Einer der alten Ställe könnte für Muttersauen genutzt werden, die sich dann hier Nester bauen könnten, um ihren Nachwuchs zu bekommen. Dann wäre endlich die gesamte Kette von der Geburt bis zur Wurst in einer Hand. „Wir sind die einzigen Fleischer Berlins, die ihre eigenen Tiere halten“, sagt Marcus Koch.

Wir sind uns des Widerspruchs, von Tierwohl zu sprechen, wenn man die Tiere am Ende doch schlachten will, bewusst. Aber wir wollen zeigen, dass es eine machbare Alternative zu Massentierhaltung gibt."

Marcus Koch

Glückliche Schweine und gesundes Fleisch wünschen sich viele Verbraucher. Doch nur ein Teil davon ist bereit, dafür auch einen angemessenen Preis zu zahlen. Wer Fleisch von den Katerbower Schweinen kauft, zahlt fünfmal so viel wie beim Discounter. Das Fleisch ist dunkler als gewohnt, fester, und es hat eine dicke Fettschicht. „Man muss eben nicht jeden Tag Fleisch essen“, sagt Marcus Koch. Dafür aber qualitativ hochwertiges.

Bei unserem Rundgang kommen wir an einer Box vorbei, in der einige Schweine getrennt von den anderen stehen. Sie sind krank und werden aufgepäppelt. Anderswo schlachtet man die Tiere und verkauft ihr Fleisch als Jungschwein oder Spanferkel. „Das machen wir hier nicht“, sagt Marcus Koch. Auch auf die vorsorgliche Gabe von Antibiotika wird verzichtet. „Wir machen das hier wie vor 80 Jahren, in der Zeit stehen geblieben.“ Und damit vielen voraus.

Die Schweine sind Kontakt mit Menschen gewohnt, anders als in automatisiert betriebenen Anlagen. 
Foto: Gerd Engelsmann

So schön, wie es in Katerbow auch ist, auch hier kommt montags der Lkw und holt 20 bis 30 Schweine ab. Sie gehen von allein in den Wagen und kommen nach 15 Minuten Fahrt in Neuruppin beim Schlachthof an. Dort stehen sie noch einen Tag in der Box und werden dann geschlachtet. „Anschließend verwerten wir die Tiere komplett“, sagt Marcus Koch. „Nicht nur Filets und Koteletts.“ Sein Bruder Stephan lässt sich immer wieder neue Rezepte einfallen. Die Katerbower Rolle etwa, Fleischbrät mit Kapern in Schweinebauch gefüllt, oder Apfel-Thymian-Lyoner.

Überhaupt der Apfel. Er gibt dem Schwein seinen Namen. Das echte Havelländer Apfelschwein bekommt Pellets, denen Apfeltrester beigemischt wird. Das Spezialfutter soll die Schweine widerstandsfähiger machen und fördert die Einlagerung von feinsten Fettadern im Fleisch.

„Wir sind uns des Widerspruchs, von Tierwohl zu sprechen, wenn man die Tiere am Ende doch schlachten will, bewusst“, sagt Marcus Koch. „Aber wir wollen zeigen, dass es eine machbare Alternative zu Massentierhaltung gibt. Es ist ein Verbrechen, Fleisch für 2,20 Euro zu verkaufen. Keinem in der ganzen Kette, vom Schwein bis zum Verkäufer, gesteht man damit einen Lohn zu, den man für sich selber als selbstverständlich betrachten würde.“ Und damit ist Koch nicht allein. Wer bewusst Fleisch von Tieren kaufen will, die unter guten Bedingungen aufwachsen, findet rund um Berlin viele kleinere Betriebe wie etwa die Werneuchener Weideschweine von Peters Landwirtschaft, das Saalower Kräuterschwein, Fleisch von meinekleinefarm.org, oder den Arenzhainer Wollschweinen.