"Schweineöde in Schöneweide": So bewertet ein Berliner U- und S-Bahnhöfe

Bewertungsportale erfreuen sich im Internet seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Ob Einkäufe, Ausgehmöglichkeiten, Restaurants, Hotels, Ärzte oder Kindermädchen – eigentlich kann so gut wie alles online bewertet werden. Und für viele Menschen sind die Seiten von "Tripadvisor", "HRS" und Co längst eine wichtige und seriöse Möglichkeit geworden, ihre Reisevorbereitungen etwa bezüglich des richtigen Hotels zu treffen.    

Auch das Empfehlungsportal "yelp" gehört hierbei zu den bekannteren Größen der Zunft. Dort werden nach Unternehmensangaben Erfahrungen zu Restaurants, Shopping, Nachtleben, Unterhaltung und Dienstleistungen veröffentlicht. Ein Nutzer hat diese Sparten äußerst kreativ ausgelegt und eine Reihe von Berliner S- und U-Bahnhöfen bewertet.

Mirko K. alias "Der Bahnhofsversteher" hat sich an 20 Bahnhöfen in Berlin genauer umgesehen und anschließend in blumiger Sprache seine Urteile gefällt. Vom Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen bis zum U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz hat der Bahn-Fan die Bahnsteige und deren nähere Umgebung einer Prüfung unterzogen und kam zu recht unterschiedlichen Ergebnissen.

"Hauptbahnhof Schwabylon" am Senefelderplatz

Den Senefelderplatz am Kollwitzkiez in Pankow (3 von 5 Punkten) benennt er um in "Hauptbahnhof Schwabylon", da sich hier besonders viele zugezogene Menschen aus Baden-Württemberg rumtreiben. In "dieser autonomen Region integrationsunwilliger süddeutscher Migranten" sei der Bahnsteig von überschaubarer Größe. Man könne "wunderbar lasziv ein- und aussteigen", selbst die Anordnung der Fahrscheinautomaten sei nach dem Feng Shui Prinzip vorgenommen worden.

Allerdings kommt es laut Mirko K. beim Zusteigen auch durchaus zu dem ein oder anderen Machtkampf zwischen Ur-Einwohnern und immigrierten Schwaben: Im Verlaufe dieser Auseinandersetzungen könne es passieren, dass "die wenigen verbliebenen Berliner den gemächlichen Süddeutschen mal kräftig in die Hacken treten, wobei das eigentliche Ziel etwas höher liegt" formuliert K. mit einem Augenzwinkern.

Geruchsattacke auf den Kotti

Für den Kotti gibt es dagegen nur 2 von 5 möglichen Punkten. Den berüchtigten U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg beschreibt "Der Bahnhofsversteher" als sehr spezifisch und authentisch. Man könne nicht nur ein- oder aussteigen, nein, vielmehr sich auch einfach mal entspannen und gehen lassen. Fahrgäste hätten nicht nur die Möglichkeit, selber zu fahren, sondern könnten "auch mal einen fahren lassen, ohne dass es sonderlich auffällt, denn besonders gut roch es hier nie". 

Die nächste Station ist Prenzlauer Berg. Hier scheitert der S-Bahnhof Bornholmer Straße mit 4 von 5 Punkten nur knapp am Erreichen der Höchstwertung. Geht es nach Mirko K., müsste die Bornholmer sich eigentlich namentlich in die Phalanx von Ostkreuz, Südkreuz und Westkreuz einreihen und in "Nordkreuz" umbenannt werden. Denn auch "hier kreuzen sich nicht die Bahnsteige, aber die S-Bahnen, also Kreuzzüge sozusagen". Doch im Gegensatz zu den blutigen und grausamen Kriegen der Ritter des christlichen Abendlandes bleibt die Lage an der Bornholmer Straße entspannt, "hier treffen sich Züge in friedlicher Koexistenz, um aufeinander zu warten, damit die Kreuzritter (Fahrgäste) umsteigen können".

Neben der befriedenden Wirkung des "Nordkreuz" macht sich bei dem "Bahnhofsversteher" am S-Bahnhof Bornholmer Straße auch "ein unendliches Gefühl von Freiheit, das sonst vielleicht nur noch David Hasselhoff vermitteln konnte" breit. Mit diesem zeitlichen Quantensprung vom Mittelalter in die Neuzeit möchte Mirko K. anscheinend auch dem historischen Wert dieses Bahnhofs in der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte gerecht werden.

Schweineöde in Schöneweide, aber dafür gelebtes Multikulti

Als nächstes steuert "Der Bahnhofsversteher" Niederschöneweide und den Bahnhof Berlin-Schöneweide an. Und auch wenn dieser Halt über gleich viele Bahnsteige wie der weltberühmte Bahnhof Zoo verfügt - Mirko K. fragt sich hier aber: "Schweineöde oder Schöneweide?"

Doch auch wenn Sauberkeit und Lautstärkepegel wie an den meisten Bahnhöfen zu wünschen lassen, so steht diese Ecke Berlins für ihn exemplarisch für die Vielfalt der hauptstädtischen Bevölkerung. "Leute, das hier ist gelebtes Multikulti. Ich verweise u.a. auf zwei Blumen- und Gemüseläden (vietnamesisch und türkisch), einen Dönerladen, ein russisches Folkloregeschäft, ein indisches Restaurant und einen thailändischen Naildesignshop", lobt der Bahnhofs-Fachmann das dortige Stadtbild.

Und schon geht es zurück nach Prenzlauer Berg, es folgt ein kurzer Stop am U-Bahnhof Eberswalder Straße in der Nähe des Mauerparks. "Der Bahnhofsversteher" spricht die Vergangenheit dieser Haltestelle an, sie erhielt schon mehrfach einen neuen Namen. "Gegründet als Danziger Straße wurde er in der sogenannten DDR in Dimitroffstraße (war ein bulgarischer Casanova, mal nahm er die mit roff, mal die mit roff) umbenannt." Ob wahr oder nicht: Das Liebesleben des ehemaligen bulgarischen Ministerpräsidenten lässt sich wohl nur schwer rekonstruieren.

Aber auch für eine kommende Namensänderung hätte Mirko K. einen Vorschlag zur Hand. Hier sei die Invasion süddeutscher Bürger ebenso wie am Senefelderplatz voran geschritten, deshalb kann der neue Name für ihn auch nur schwäbischer Prägung sein. "Wenn die Aggro-Expansion aus Schwabylon weiter fortschreitet, ist wohl dann Bietigheim-Bissingen-Plätzle vorgesehen."          

Endstation Nervenklinik: "Wer wie anreisen darf, hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab"

Und weiter geht die Fahrt – nächster Halt: S-Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Diese Station in Reinickendorf nördlich des Flughafens Tegel ängstigt Mirko K. mehr als Marzahn oder Neukölln. "Er hat einen Bahnsteig mit nur einem befahrenen Gleis. Im Sinne von Einbahnstraße in die Nervenklinik, aussteigen und nie wieder einsteigen." Auch wenn die Züge hier in beide Richtungen fahren, ist ihm nicht ganz wohl bei der Sache.

Etwas anders verhält es sich bei dem U-Bahnhof an der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Der verfügt über einen zweigleisigen Bahnsteig, "wer wie anreisen darf, hängt wohl immer von der jeweiligen Krankenkasse ab". Au weia – ob Sie sich wirklich "richtig" versichert haben, merken Sie dann wohl erst bei der Abfahrt des Zuges.

Die launige Rundfahrt von Nutzer Mirko K. durch die Berliner S- und U-Bahnhöfe endet dann vorerst am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte. Seine wohl nicht immer ganz ernst gemeinten yelp-Bewertungen schließt er dann auch mit einem geringfügig angepassten Zitat der weltberühmten Namensgeberin: "Die Freiheit ist auch immer die Freiheit des anders yelpenden."