Berlin - Aus der Ferne sehen die Stationsschilder aus wie üblich. Doch die Namen wurden verändert. So heißt es statt Wuhletal nun Schwuhletal, aus Stadtmitte ist Stadttitte geworden, Hohenschönhausen wurde durch Homoschönhausen ersetzt, und das Hallesche Tor heißt Phallesches Tor. Mit diesen Schildern nehmen am Sonnabend Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an der ersten Großveranstaltung teil, die in Berlin während der Corona-Pandemie wieder erlaubt worden ist. Es ist ihr Beitrag zum Christopher-Street-Day, kurz CSD.

„Die Gestaltung haben die Kolleg*innen gewählt, weil der CSD in diesem Jahr als Fuß-Demo, also ohne Wagen, stattfindet“, teilte Markus Falkner, Sprecher des Landesunternehmens, am Dienstag mit. „Die Stationsschilder werden als Demo-Transparente getragen. Die BVG ist bekanntlich schon seit vielen Jahren beim CSD dabei.“

Nächster Halt: Louis-Leckihn-Straße

Auch andere Stationsschilder dürften für Aufsehen sorgen. Zwar gibt es in Berlin keine Bahnstation, die Allee der Kosmonauten heißt – der dortige S-Bahnhof heißt Springpfuhl. Trotzdem hat der Name offenbar gereizt: Daraus wurde Allee der Kosmonutten. Karlshorst verwandelte sich in Karls Horst. Aus Louis-Lewin-Straße an der U5, benannt nach dem Begründer der Industrietoxikologie und modernen Suchtmittelforschung (1850–1929) wird beim diesjährigen CSD Louis-Leckihn-Straße.

Zum 43. Mal geht es am Christopher-Street-Day durch Berlin. Start ist um 13 Uhr in der Leipziger Straße in Mitte, gegen 18 Uhr soll der Umzug vor der Urania in Schöneberg enden. Wegen der Pandemie ist die Parade diesmal als Demo mit Protestzug-Charakter geplant – mit Abstands- und Maskenpflicht. Unter dem Motto „Save our community – save your pride“ geht es um viele ernste Themen, die in der LGBTIQ*-Szene diskutiert werden, unter anderem um körperliche und verbale Gewalt gegen queere Menschen.

BVG/Dominik Reiter
Vom Querendorff- bis zum Sophie-und-Charlotte-Platz: eine Auswahl der Stationsschilder, die Reiter und seine Mitstreiter gestaltet haben

„Die BVG ist als öffentlich-rechtliches Unternehmen politisch streng neutral. Sie ist ausdrücklich für alle da. Gerade deshalb setzt Deutschlands größtes Nahverkehrsunternehmen ein weiteres und sehr deutlich sichtbares Zeichen für Vielfalt und Toleranz“, teilte das Landesunternehmen mit.

Das Regenbogen-Netzwerk der BVG, das die Stationsschilder gestaltet hat, feierte im Juli sein zehnjähriges Bestehen. „Ein wichtiger Grund zum Feiern“, sagte Dominik Reiter, Sprecher des Netzwerks. „Mehr als 270 Kolleg*innen engagieren sich aktiv und sehr erfolgreich dafür, der LGBTIQ*-Community in der BVG ein Gesicht zu geben.“

Mit einer farbenfrohen Aktion machte die BVG Ende Juni auf sich aufmerksam. Mit buntem Klebeband verwandelte das Künstlerkollektiv Tape That den U-Bahnhof Alexanderplatz in eine der größten Regenbogen-Installationen, die Berlin bislang erlebt hat. Auch 80 Haltestellen und ein U-Bahn-Zug wurden farbig gestaltet.

BVG/Dominik Reiter
Oder lieber in den Südosten Berlins? Dominik Reiter mit der CSD-Version des Bahnhofsnamens Schöneweide.

„Wir bekennen buchstäblich Farbe“, sagte die BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp. Im Jahr 2019, als sie noch Chefin der Mainzer Verkehrsgesellschaft war, belegte sie den ersten Platz bei „Germany’s Top 100 Out Executives“, einem Ranking für erfolgreiche Personen im Management, die sich als lesbisch, schwul, trans-, inter- oder bisexuell definieren. „Wir sind intern wie extern so bunt wie unsere Stadt – und darauf sind wir stolz. Es gibt nicht das eine Normal. In all unserer wunderbaren Verschiedenheit stehen wir für gegenseitigen Respekt“, so Kreienkamp. „Eigentlich sollte das im Jahr 2021 längst selbstverständlich sein – leider ist es das aber noch längst nicht.“