Berlin - Sie wirkten fast ein bisschen schüchtern – die beiden Männer ganz in Lack, die am Sonnabendnachmittag am Rande der Kreuzung Fugger-/Ecke Kalckreuthstraße in Schöneberg standen. Um sie herum wogten die Menschenmassen, Bässe dröhnten über die verregnete Straße, es roch nach gebratenem Fleisch, Männer in Stöckelschuhen defilierten vorbei.

Die beiden schwarz-gekleideten Mittzwanziger schienen an ihr eigenes Outfit nicht so recht gewöhnt zu sein: Ihre Oberkörper steckten in hautengen, schwarzen, ärmellosen Shirts, einer trug eine hauteng sitzende Latex-Hose, seine Füße steckten in derben, knöchelhohen Schuhen.

Spießer in Frankfurt am Main

Er sei zum ersten Mal hier auf dem Fest, erzählte er – und es sei wirklich toll. Er komme aus Frankfurt am Main, da sei so ein Fest undenkbar, „die Leute dort sind total spießig“. Sein Begleiter aus Kassel, ebenfalls in Lack und mit schwarzem Irokesenschnitt, nickte: „Hier in Berlin kümmert es niemanden, wie man aussieht.“ Er sei zum vierten Mal auf dem Fest – und extra angereist, um Menschen zu treffen, die wie sie seien. „Das ist hier ist ein Tag fürs gute Gefühl“, sagte er.

Mit rund 250.000 anderen Besuchern waren die beiden Homosexuellen am Wochenende zu Gast beim 20. Motzstraßenfest in Schöneberg, dem schwul-lesbischen Stadtfest, das traditionell eine Woche vor dem Christopher Street Day stattfindet – der bundesweit größten Demonstration für die Rechte Homosexueller. Organisiert vom Regenbogenfonds, präsentierten sich auf dem Motzstraßenfest mehr als 100 Vereine, Verbände und Parteien.

Das Motto diesmal: „Gleiche Rechte für Ungleiche“. Angekündigt als „schönster Ministerpräsident“ hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereits das Fest am Sonnabend offiziell eröffnet – exakt an seinem elften Dienstjubiläum als Regierungschef.

Sechs Tage vor dieser Wahl – am 10. Juni 2001 – hatte sich Wowereit mit dem Satz „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ als erster deutscher Politiker offen zu seiner Homosexualität bekannt – ein Schritt, der ihm viel Respekt und Sympathie eingebracht hat.

Groß war deshalb der Beifall, als Wowereit mit der Schirmherrin, der früheren Bürgermeisterin von Schöneberg, Elisabeth Ziemer, das Fest eröffnete. Auch wenn so eine Feier selbstverständlich sei für Berlin, sagte Wowereit, so „sollten wir doch an die Menschen in der ganzen Welt denken, die kein solches Fest feiern können“.

Und trotz „aller Fortschritte in Sachen Emanzipation, Gleichstellung und gesellschaftlicher Respektierung“ sei man auch hier noch nicht am Ziel aller Wünsche angekommen. Eine vollständige Gleichheit vor dem Gesetz sei noch immer nicht erreicht worden, so Wowereit.

Auf eine dieser Ungleichheiten machten am Stand der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz Theologiestudenten aufmerksam – sie warben für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in Berliner Kirchen. Das Ritual, ein Pendant zur kirchlichen Trauung von Heterosexuellen, gebe es bereits seit 2001, werde von der Kirche aber wenig beworben.

„Es ist einfach nicht populär“, sagte die Studentin Anna Trapp. „Dabei ist Gottes Segen doch sicher keine schlechte Idee – bei den Anfeindungen, denen solche Paare oft ausgesetzt sind.“ Viele Paare, die sie auf dem Straßenfest darüber informiere, seien dann doch interessiert.

Skepsis in Marzahn

Anfangs etwas skeptisch war wohl auch das Hetero-Paar aus Marzahn, das vor vier Jahren zum ersten Mal auf das Motzstraßenfest geraten war – zufällig. „Wir sind damals mit dem Bus vorbeigefahren und wussten gar nicht, was das hier ist“, erinnerte sich der Mann, ein kahlköpfiger Endvierziger. Seitdem kämen sie jedes Jahr hierher, meist gleich am Sonnabend. „Nirgends in Berlin trifft man so gut gelaunte, freundliche Menschen.“

Seit er das Fest kenne, frage er sich oft, was Anderssein eigentlich bedeute – und ob sie als Hetero-Paar nicht eigentlich auch anders seien, zum Beispiel heute und hier. Sie seien jedenfalls gern auf dem Fest. „Und wer gegen solche Leute was hat, der ist verkehrt auf dieser Welt.“