Alexander Lotz ist Lehrer für Biologie und Chemie an einer Kreuzberger Gemeinschaftsschule. Dass er schwul ist, will der 36-Jährige auch gegenüber seinen Schülern keinesfalls verschweigen. Seit Jahren engagiert er sich in der AG Schwule Lehrer der Gewerkschaft GEW. Am 7. März feiert diese Gruppierung ihr 40-jähriges Bestehen. Eine Menge hat sich inzwischen verändert.

Herr Lotz, empfehlen Sie homosexuellen Lehrern, sich gegenüber Schülern und Kollegen zu outen?

Das ist nicht pauschal zu beantworten. Jede Lehrkraft muss das für sich entscheiden. Für mich persönlich ist es wichtig, dass die Schüler wissen, wer ihr Lehrer ist. Und das Schwulsein gehört nun mal zu meiner Identität.

Sie persönlichen reden also in der Schule über Ihre Homosexualität?

Ja, in vielerlei Situationen. Wenn ich konkret darauf angesprochen werde oder wenn Schüler untereinander das Wort „schwul“ als Schimpfwort benutzen. Oder wenn ich erzähle, was ich am Wochenende mit meinem Freund unternommen habe. Wer einmal geoutet ist, kann es eh nicht mehr rückgängig machen.

Schüler und Kollegen reden darüber…

Klar, das sorgt auch heutzutage noch für Gesprächsstoff. Bei den meisten schwulen Lehrern, die ich kenne, weiß zumindest das Kollegium Bescheid. Nur bei einem kleinen Teil wissen auch die Schüler und Eltern Bescheid. Andere reden gar nicht darüber. Viele meiner geouteten Kollegen berichten davon, dass das Outing letztlich eine große Erleichterung gewesen ist. Häufig verläuft es unproblematisch. Aber es ist eben noch immer nicht für alle einfach.

Wieso nicht?

Ein Beispiel: Ein junger Kollege wird an einer Schule im sozialen Brennpunkt eingestellt und fragt seine Schulleiterin, wie er sich hier outen könne. Die Dame sagt, das gehe hier gar nicht.

Wie ist es Ihnen persönlich ergangen?

Ich habe positive und negative Erfahrungen gemacht. Letztere bleiben leider hängen.

Inwiefern?

Ich bin beschimpft worden und erst im November gab es wieder einen Vorfall. Da haben Schüler meiner Klasse dazu aufgerufen, gegen mich zu demonstrieren. Zum Glück hat meine Schulleitung konsequent reagiert.

Was geschah?

Die Schulleitung hat sofort ermittelt, wer das war.

Welche Konsequenzen gab es?

Elterngespräche und Klassenkonferenzen. Da ging echt viel Zeit drauf. Drei Mädchen hatten die Demonstration initiiert. Der Aufruf richtete sich, so wörtlich, an alle, die Herrn Lotz und allgemein Schwule hassen. Meine Kollegen haben super reagiert, viele trugen Regenbogen-Fahnen und kamen dadurch mit ihren Schülern über das Thema Homosexualität und Vielfalt ins Gespräch.

Und was machten die Schüler?

Auch viele Schüler haben sich mit mir solidarisiert. Die haben das eher leise gemacht. Unsere Schüler haben ja auch jüngst den Mete-Eksi-Preis gewonnen mit ihrem Stolperstein-Projekt, bei dem sie dem Schicksal eines schwulen Lehrers in der NS-Zeit nachgegangen sind. In einem anderen Fall allerdings musste ein Schüler, der mich beleidigt hatte, dann die Schule wechseln. Doch die Schulaufsicht verschleppte diesen Beschluss zunächst, da musste ich erst mit dem Personalrat kommen.

Ist das an Ihrer Schule mit vielen türkisch- und arabischstämmigen Schülern ein besonderes Problem?

Homophobie gibt es überall. Auch am bürgerlichen Gymnasium in Frankfurt/Main habe ich Hass-E-Mails bekommen. An meiner Schule in Berlin wird man sicher manchmal direkter angegangen. Als Lehrer ist man ja bemüht, einen emotionalen Zugang zu den Schülern zu bekommen. Eine Parallelklasse hat mal auf dem Flur irgendwelche Bemerkungen hinter meinem Rücken gemacht, da bin ich hinterher und hab gesagt, dass das so nicht gehe und wir das klären müssten.

Und was dann?

Die Klassenlehrerin hat mir dann die Gelegenheit gegeben, um mit den Schülern darüber zu reden. Ich denke, dass Schüler, die über Homosexuelle schimpfen, oft einfach ganz viele Fragen haben. Und tatsächlich kamen über 45 Minuten lang Fragen von den Schülern. Anschließend schickte mir die Klassenleiterin noch eine E-Mail: Das sei eine Sternstunde in ihrem Lehrer-Dasein gewesen.

Was wollten die Schüler denn alles wissen?

Woran man merkt, dass man schwul ist, wie lange das schon so ist, was die Eltern gesagt haben. Sie wollten auch wissen, wieso man überhaupt schwul ist und welche Erfahrungen man da so macht. Und wo sich Schwule überhaupt treffen. Bei einigen unserer Schülerinnen und Schüler ist das Thema „Liebe und Sexualität“ grundsätzlich stark tabuisiert, sie wissen wenig darüber.

Die AG Schwule Lehrer gibt es ja seit 40 Jahren. Was hat sich seither getan?

In den 70er-Jahren konnten Lehrer als Bewerber abgelehnt werden, weil sie homosexuell waren. Es gab faktisch Berufsverbote. Das änderte sich erst 1979, als die Aktivisten eine Einigung mit dem Senat erreichten. Damals kämpfte die AG Schwule Lehrer gegen den Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen männlichen Jugendlichen unter Strafe stellte. Das war die große Aufgabe, so erzählen es mir Aktivisten von damals . In den ersten 15 Jahren. 1994 wurde der Paragraf schließlich abgeschafft, der Umgang mit Homosexuellen hat sich seither sehr zum Positiven gewandelt. In den 90er-Jahren setze die Wende ein, seither diskutierte man anders über Schwule und Lesben. Jetzt geht es uns darum, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Lehrplänen zu verankern und Homo- und Transphobie als Diskriminierungstatbestände festzuschreiben. Unsere Verbündeten sind ja heute auch ganz andere als noch vor 20 Jahren.

Zum Beispiel der rot-rot-grüne Senat…

Ja, auch die Schulbehörde. Es wäre vor 40 Jahren undenkbar gewesen, dass eine Lehrkraft mit ganzer Stelle in die Bildungsverwaltung abgeordnet wird, um die Beschlüsse zur sexuellen Vielfalt im Bildungsbereich umzusetzen.

Die AfD zieht mittlerweile mit dem Kampfbegriff „Frühsexualisierung“ gegen das Konzept der sexuellen Vielfalt zu Felde. Wie bewerten Sie das?

Wir haben die fortschrittlichsten Sexualerziehungsrichtlinien in Berlin. Sie stammen aus dem Jahr 2001 und sollen gerade überarbeitet werden. Für die Sexualerziehung soll es nach den neuen Lehrplänen auch einen neuen Handlungs- und Orientierungsrahmen geben. Schon 2017 sollte der veröffentlicht sein. Doch das stockt.

Um welche Vorgaben für den Unterricht geht es da?

Ich habe zum Beispiel vor einem Jahr mit einer Didaktikerin von der FU etwas für den Biologieunterricht entworfen, das zeigt, dass Geschlechter auch in der Natur nichts Starres sind. In der 10. Klasse in Genetik könnte man darstellen, wie Geschlechter entstehen. In der Ökologie hängt das Geschlecht einer bestimmten Echsenart von der Temperatur ab.

Ab welchem Alter sollte man mit Kindern in der Schule über Sexualität reden?

Kinder haben von Geburt an eine kindliche Sexualität, die natürlich nicht mit der von Erwachsenen vergleichbar ist. Und sie haben Fragen dazu. Lehrer sollten Kinder stärken, ihnen ihre Fragen beantworten und sie akzeptieren, wie sie sind. Der Begriff „Frühsexualisierung“ unterstellt Lehrern, dass sie Kindern Schaden zufügen würden. Wir sollten als Lehrer aber auch altersgemäß das abbilden, was Kinder in ihren Umfeld erleben. Etwa eine lesbische Tante oder eine Regenbogenfamilie.

Wieso gibt es eigentlich keine lesbischen Lehrerinnen in der AG ?

Die schwule Lehrergruppe ist damals gegründet worden innerhalb der Homosexuellen Aktion West-Berlin. Anfang der 70er-Jahre haben Schwule und Lesben noch gemeinsam versucht, Dinge zu bewegen. Sehr schnell aber hat sich herausgestellt, dass die lesbischen Frauen dort unter den Männern leiden, denn auch schwule Männer bleiben Männer. Deshalb hat sich die AG Lesbische Lehrerinnen in der GEW unabhängig von der schwulen Lehrergruppe entwickelt. Wir haben viel erreicht. Heute müssen wir aufpassen, dass es kein Rollback gibt.