Marcel Weber (l.) und Florian Winkler-Ohm, Geschäftsführer des SchwuZ
Foto: Berliner Zeitung /Benjamin Pritzkuleit

NeuköllnDie Klingel schrillt laut durch den Industriebau. Der Ton durchschneidet 1600 Quadratmeter Leere. In den ehemaligen Brauerei-Hallen, in denen sonst die queere Community so bunt und frei feiert wie kaum eine andere, geht seit Mitte März nichts mehr. Das SchwuZ, ältester queerer Club Deutschlands, größter Szene-Club Berlins – zwangsgeschlossen. Nur im kleinen Büro direkt neben der Bar sitzen Florian Winkler-Ohm, 41, und Marcel Weber, 40, über Laptop und Papiere gebeugt. Statt an DJ-Bookings oder Programmplanung arbeiten die beiden angestellten Geschäftsführer seit März nur noch an einem: am Überleben des SchwuZ.

Es ist ein zäher Zahlen- und Papierkrieg, von dem sie, sonst grundoptimistisch, nur verärgert berichten können. Sie spüren gerade, stärker denn je: Clubs werden nicht als Kulturorte anerkannt und gefördert. Auch nicht in Berlin, der Hauptstadt der Clubs. Das SchwuZ aber definiert sich als Kulturort, es ist politisches und kreatives Zentrum, Safe Space für Diskriminierte und einer der größten Arbeitgeber für die queere Szene in Berlin. Fördergelder vom rot-rot-grünen Senat hat es in der Corona-Krise bisher erhalten: 0 Euro. Und dass, obwohl die Senatskulturverwaltung das SchwuZ bereits als Fördergeld-Empfänger öffentlich verkündet hat.

Geburtsort für schwule Chöre, Aufklärungskampagnen, die Tunten-Bewegung

Mit Blick auf die Geschichte, Bedeutung und Lage des SchwuZ unverständlich. 1977 entstand das SchwulenZentrum selbstverwaltet aus der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) heraus, damals noch zur Untermiete bei Regisseur Rosa von Praunheim. Sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gab einen entscheidenden Impuls. Praunheim wendet sich in seinem Film an die Schwulen-Szene und ruft sie auf, sich nicht zu verstecken, sondern sichtbar, solidarisch für Gleichberechtigung zu kämpfen. Das SchwuZ kämpft diesen Kampf jetzt seit 43 Jahren.

Viermal zog es in dieser Zeit um, hat sich, je nach Räumlichkeit, gewandelt. Es ist Geburtsort für unzählige Drag- und Travestiekünstler*innen, die ersten Beratungstelefone, den ersten schwulen Chor, Aufklärungskampagnen gegen Aids und Homophobie, die hochpolitische Tunten-Bewegung, die Szene-Zeitschrift Siegessäule. „Linke Herzkammer der queeren Szene“, so beschreibt Florian Winkler-Ohm das SchwuZ.

Marcel Weber arbeitet seit 20 Jahren, also sein halbes Leben lang, für das SchwuZ. „Im Weidenkörbchen angespült“, scherzen die Kollegen über ihn. Was das SchwuZ für ihn bedeutet? Er denkt kurz nach, sagt dann: „Ein Ort, der mir und vielen anderen Sinn im Leben stiftet.“

Ziel des Trägervereins ist es, alle Einnahmen zurück an die Community zu geben. 40 Mitarbeiter*innen sind hier sozialversicherungspflichtig angestellt, das ist für die Club-Branche überdurchschnittlich viel. Die meisten sind queer, einige transsexuell. Ein Arbeitsumfeld frei von Diskriminierung zu finden sei für sie auf dem normalen Arbeitsmarkt fast unmöglich, sagt Weber. Die Festangestellten sind, wie die Geschäftsführer auch, seit der Schließung vor vier Monaten auf 60 Prozent Kurzarbeit.

Seine 60 Mini-Jobler*innen hat das SchwuZ freiwillig bis Ende Juni weiterbezahlt und ihnen dann den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zugesichert. Aus dem Crowdfunding für den Club spendet das Zentrum außerdem an freie Künstler*innen, DJ*anes, Techniker*innen. Soforthilfe für einige derer, die oft gar keine Chance auf Förderung haben. „Care-Arbeit“ – so beschreiben beide Geschäftsführer eine ihrer Hauptaufgaben. Auch in der Krise fahren sie damit fort.

Im SchwuZ-Club.

Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Clubs in der Corona-Krise

Serienauftakt: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor.

Den Anfang macht das SchwuZ, 1977 in Selbstverwaltung gegründet, ältester queerer Club Deutschlands. Das SchwuZ hat insgesamt 100 Mitarbeiter. Es ist in 43 Jahren viermal umgezogen und machte zuerst Station in der Schöneberger Dennewitzstraße (zur Untermiete von Rosa von Praunheim), dann in der Kulmer Straße gleich um die Ecke, bis es in die Hasenheide in Kreuzberg und dann an den Kreuzberger Mehringdamm zog. Seit sieben Jahren stehen dem SchwuZ in der ehemaligen Kindl-Brauerei in der Neuköllner Rollbergstraße die bisher größten Räume zur Verfügung.

Support: An diesem Samstag verkauft das SchwuZ von 14 bis 22 Uhr Getränke auf dem Hof (Rollbergstraße 26, 12053). Auf der Homepage des SchwuZ (www.schwuz.de) finden Unterstützer alle Wege, zu helfen und in wenigen Schritten zu spenden.

Doch wer Care-Arbeit macht, verdient wenig Geld, hat keine Puffer. In den letzten drei Jahren habe der Erlös vor Steuern bei 30.000 bis 40.000 Euro gelegen, rattert Marcel Weber die Zahlen runter, die er zurzeit immer wieder in Antragsformulare schreiben muss. „Das macht im Schnitt eine Umsatzrendite von 0,007 Prozent.“ Eigentlich hatten sie sich in diesem Jahr, etabliert an der viel größeren Adresse in Neukölln, endlich höhere Gewinne versprochen und damit die Chance, Polster für die Zukunft zu bilden. „In Form von Corona kam die Zukunft früher als erwartet“, sagt Weber trocken.

Seit 13. März sind sie geschlossen. Ohne bespielbare Außenfläche liegen die Einnahmen des SchwuZ seither bei 0 Euro im Monat. Das erste Förderprogramm, bei dem sich auch Clubs bewerben konnten, legte der Senat mit der Soforthilfe IV erst im Mai auf. Viel zu spät für das Zentrum. Weil auch die Arbeitsagentur sie zweieinhalb Monaten auf die Rückzahlung der Kurzarbeitergelder warten ließ, beantragten Weber und Winkler-Ohm einen KfW-Kredit über 300.000 Euro. „Verschuldet auf zehn Jahre“, sagt Winkler-Ohm. „So lange läuft nicht einmal unser Mietvertrag.“

Um die Fördergelder des Senats bewarb sich das SchwuZ dann sofort. Nach Wochen des Bangens wurden sie in einer von der Kulturverwaltung erstellten Liste als einer von 38 Empfängern der Clubszene von im Schnitt 81.000 Euro Fördergeldern verkündet. Das SchwuZ aber hat bis heute nur einen positiven Bescheid, kein Geld erhalten. „Stand heute ist nicht ein einziger Cent auf unserem Konto gelandet.“

„Das kann auch Corona nicht kaputt machen“

Ausgerechnet der Kredit, den sie aufgenommen haben, um ihre Mitarbeiter*innen nicht kündigen zu müssen, könnte ihnen jetzt zum Verhängnis werden: Das SchwuZ sei vorerst noch liquide, lautete das Urteil der Wirtschaftsprüfer im Auftrag des Senats, mit Blick auf die frisch mit geliehenem Geld gefüllten Konten. Im August solle es noch einmal eine Liquiditätsprüfung machen. Ob das SchwuZ also überhaupt Corona-Hilfen erhält, steht weiter in den Sternen. „Absurd“, findet Winkler-Ohm diese Logik.

„Genau jetzt ist die Zeit des Handelns“, fordert Weber von der Politik. Und zwar, das sei wichtig: Eben nicht mit Fördergeldern, sondern nachhaltigeren Instrumenten – zum Beispiel Mieterlässen, Forderungen auch an die Vermieter.

Solange die Politik das nicht wagt und auch nicht zahlt, trägt vor allem die Community das SchwuZ. 90.000 Euro haben Gäste und Freunde in mehreren Crowdfundings bereits gespendet. Weitere 300.000 Euro braucht das SchwuZ nach Einschätzung der Geschäftsführer, um bis zum Ende des Jahres zu überleben. Doch Marcel Weber fürchtet selbst die Insolvenz nicht: Es werde auch dann etwas Neues aus dem SchwuZ entstehen. „Den Geist und die Ideen der Leute, die das SchwuZ antreiben, das kann auch Corona nicht kaputt machen.“

Digitaler CSD an diesem Sonnabend, 25. Juli

Der Christopher Street Day, wichtigster Gedenk- und Aktionstag der queeren Szene, ist sonst eine der größten Paraden in Berlin. Mindestens eine halbe Million Besucher feiern ihn pro Jahr. In diesem Jahr findet er aufgrund des coronabedingten Verbots für Großveranstaltungen nur digital statt. 

Der Berliner CSD zeigt am Sonnabend von 14 bis 24 Uhr über den Fernsehsender Alex Berlin sowie auf seiner Homepage und Kanäle wie YouTube, Facebook, Twitch und Instagram mehrere Streams. Die Community hat mit knapper Mehrheit als Thema „Don’t hide your Pride!“ gewählt.

Auch das SchwuZ zeigt ab 19 Uhr live auf Facebook, YouTube und Twitch zusammen mit change.org und dem Magazin Siegessäule ein Programm aus Talks, Musik und Performances. Themen unter anderem: das Blutspendeverbot für Schwule, Bi- und Transsexuelle und die Lage von schwarzen Queers in Zeiten von Black Lives Matter.

Zwei Demonstrationen zum CSD gibt es trotz Corona: Der anarchistische CSD startet am Sonnabend, um 18 Uhr, vor dem Südblock am Kottbusser Tor und zieht über die Erkstraße und das Rathaus Neukölln zum Hermannplatz. Thema des Zugs soll die Verdrängung von Menschen aus ihren Kiezen sein sowie rassistische, homo- und transfeindliche Übergriffe. „Ein Zeichen gegen Fundamentalisten, sprich Faschisten und Macker“, so die Veranstalter. Auch der legendäre Dyke* March für mehr lesbische Sichtbarkeit startet um 15 Uhr am Neptunbrunnen auf dem Alexanderplatz, Ziel ist das Brandenburger Tor.