Berlin - Vermutlich wären Autofahrer aufgeschmissen, Touristen ebenfalls und die, die keine Stadtpläne mehr kennen, sowieso. Smartphones mit Navigationssystemen sind nicht mehr wegzudenken – und das Resultat von Forschung und Technologie. Doch Populisten wie US-Präsident Donald Trump ignorieren wissenschaftliche Fakten. Deshalb bereiten Franz Ossing und die anderen Organisatoren einen Marsch für die Wissenschaft in Berlin vor. Ossing hat 25 Jahre am Geoforschungszentrum in Potsdam gearbeitet und ist seit Herbst 2016 im Ruhestand. 

Herr Ossing, warum soll es in einen Marsch für die Wissenschaft in Berlin geben?

Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Wissenschaft ein wichtiger Teil unseres Alltags und der Gesellschaft ist. Das vergessen viele Leute, weil es schon so normal geworden ist.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn man das Navigationssystem nutzt, zeigt es auf fünf Meter genau an, wo man hin muss. Die Geodaten dafür sind Ergebnis wissenschaftlicher Messungen. Oder nehmen wir die gestiegene Lebenserwartung. Sie ist das Resultat gesunder Ernährung, die wiederum auf Erhebungen basiert, sowie medizinischen Möglichkeiten und ihren Fortschritten.

Nehmen Sie in Deutschland eine Wissenschaftsfeindlichkeit wahr?

Nein, gar nicht. Die Mehrheit der Menschen ist gegenüber Wissenschaft und Technologie sehr aufgeschlossen. Natürlich gibt es auch schwierige Themen wie Gentechnik und Atomkraftwerke, die gesellschaftlich diskutiert werden müssen. Aber das Verständnis von Wissenschaft ist in den USA ein anderes als bei uns.

Das heißt, sie glauben daran, die Erde und der Mensch wurden von Gott erschaffen.

Ja, für diese Menschen leugnen die Evolution. Aber auch in Deutschland sind solche Ideen nicht unbekannt. Im Jahr 2007 hat die damalige Kultusministerin in Hessen gefordert, kreationistische Theorien in den Lehrplan aufzunehmen.

Was ist problematisch an so einem Weltbild?

Die Menschen biegen sich ihr Weltbild zurecht und nehmen nur das wahr, was hineinpasst. Dazu passt auch der Begriff der alternativen Fakten, den die Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump geprägt hat. Sachbehauptungen oder gar Unwahrheiten werden als gleichwertig mit überprüfbaren wissenschaftlichen Ergebnissen dargestellt.

Wozu werden die sogenannten alternativen Fakten gebraucht?

Es geht darum, eine Lüge zu vertuschen oder sie bewusst zu streuen. Das nutzen auch die Populisten aus. „Alternative Fakten“ sind Erfindungen, wissenschaftliche Ergebnisse hingegen sind stets überprüfbar. Es kann auch vorkommen, dass Ergebnisse veröffentlicht werden, die durch eine neuere Untersuchung widerlegt werden. Das ist aber ein normaler Prozess, die Wissenschaft ist sehr kritisch gegenüber sich selbst.

Richtet sich der Berliner Marsch für die Wissenschaft gegen Trump?

Nein, wir sind nicht Anti-Trump. Wenn man ihn austauscht, bleibt das Problem das gleiche. Es gibt dann ja immer noch 50 Prozent der Bevölkerung, die republikanisch wählt und dann deren Positionen glaubt.

Was wollen Sie dann mit dem Marsch zum Ausdruck bringen?

Uns geht es um drei wichtige Punkte: Wissenschaft ist ein Lebenselement der modernen Gesellschaft, Wissenschaft ist ein wichtiger Teil des Alltags und Wissenschaft braucht Freiheit und  Offenheit - aber keine Ideologie.

Haben Sie viel Zuspruch aus der deutschen Wissenschaftscommunity?

Auf unserer Website findet sich schon eine Liste mit Forschern, die unseren Marsch unterstützen. Dafür, dass es uns noch nicht so lange gibt und wir in der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig präsent sind, sind wir bisher zufrieden mit der Resonanz.

Und wer kümmert sich um die Planung für den Marsch?

 Wir sind in Berlin etwa 30 Leute, in dem jeder seine Aufgaben hat. Das Team besteht bislang aus Wissenschaftlern, Studenten und Leuten, die sich dafür interessieren. Da es noch viel zu tun gibt, würden wir uns über weitere Unterstützer freuen. Mit der genauen Planung für den Marsch stehen wir derzeit noch am Anfang. Das Datum ist klar: der 22. April um 13 Uhr, Start an der Humboldt-Uni, aber die genaue Route wissen wir noch nicht. Wir wissen nur, dass sie am Brandenburger Tor enden soll.

Die Idee eines solchen Marsches für die Wissenschaft stammt ja aus den USA. Die Organisatoren dort sind auch sehr aktiv auf Twitter und fragen ihre Follower zum Beispiel, wie Wissenschaft der Gesellschaft nützt. Haben Sie ähnliches vor?

Wir tauschen uns mit den amerikanischen Kollegen aus und wollen in den sozialen Medien auch noch viel aktiver werden. Das ist eine sehr gute Möglichkeit, um den Menschen zu zeigen, wie wichtig die Wissenschaft für unser alltägliches Leben ist.

Wünschen Sie sich, dass auch die wissenschaftlichen Einrichtungen beim Marsch dabei sind?

Natürlich, das wäre auch ein wichtiges Zeichen für die Gesellschaft. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, sagte kürzlich in einem Interview, dass er eventuell an einer Veranstaltung in Deutschland teilnehmen will. Wir würden uns natürlich freuen, wenn er kommen könnte.

Das Gespräch führte Juliane Meißner.