Vielleicht waren die Einladungen ja Fallen. Wenn man sich mit Sebastian Fitzek beschäftigt, liegen solche nach Verfolgungswahn riechenden Unterstellungen plötzlich nahe. Der Thriller-Autor von Bestsellern wie „Die Therapie“ und „Das Kind“ hatte in den vergangenen Jahren nie Einladungen zu Lesungen auf Kreuzfahrtschiffen erhalten. Nach dem Erscheinen seines neuesten Buchs „Passagier 23“, mit dem er wochenlang die Spiegel-Bestsellerliste anführte (aktuell auf Platz 3), meldeten sich plötzlich zwei Mitarbeiterinnen von Reedereien und wollten ihn auf Schiffe locken. Dabei sollte man ausgerechnet diesen Thriller auf gar keinen Fall auf einem Kreuzfahrtschiff lesen oder vorgelesen bekommen, weil er einem ganz besonders dort den Schlaf rauben würde.

Schließlich geht es in „Passagier 23“ um die etwa zwei Dutzend Personen, die jedes Jahr von Kreuzfahrtschiffen spurlos verschwinden. Fitzek hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt: „So ein Schiff ist der ideale Ort für den perfekten Mord. Bis zu 12.000 Menschen an Bord, das ist eine Kleinstadt, allerdings ohne Polizei. In aller Regel befindet man sich unter der Rechtshoheit irgendeines Zwergstaates, unter dessen Flagge das Schiff aus steuerlichen Gründen fährt.“ Wenn dann mal jemand verschwindet, dann reagieren die Reedereien, die Fitzek „voller Komplizen“ sieht, reflexartig: „So ein Vorfall wird umgehend zum Suizid erklärt, weil die Reedereien kein Interesse daran haben, ihr Schiff durch lange Ermittlungen lahmzulegen und dadurch viel Geld zu verlieren.“

Absolute Abgeschiedenheit

Dieser Tage hat Fitzek sich zum Schreiben völlig zurückgezogen. Er reagiert nicht auf Mails, das Telefon ist abgestellt. Zu unserem Gespräch über „Passagier 23“ haben wir uns auf dem Restaurantschiff „Alte Liebe“ an der Havelchaussee getroffen. In der Nähe hat er ein Hausboot mit „Zu verkaufen“-Schild entdeckt: „Das wäre das ideale Büro…“ Zur Recherche für „Passagier 23“ war Fitzek mehrmals auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs.

„Meine erste Reise dieser Art machte ich aber schon im Jahr 2005, als ich noch nicht wusste, dass ich darüber mal schreiben würde.“ Der Reisegrund damals war ein unwiderstehliches Schnäppchen: „Die Überfahrt nach New York und den Rückflug nach Berlin gab es zu einem Preis, der nicht viel höher war als für den Hin- und Rückflug.“

Früher sah er als Besucher eines Buchladens das große Angebot als Aufforderung zum lustvollen Stöbern an, heute macht es ihm manchmal Angst: „Wie soll man zwischen all den guten und lesenswerten Büchern vom Leser entdeckt werden?“ Manchmal helfen Verrisse. Wie die von Denis Scheck. Der moderiert im Nachtprogramm der ARD die Literatursendung „Druckfrisch“ und erklärt den Autoren der Top-Ten-Bücher mit diabolischer Freude, dass sie so gar keine Ahnung haben.

Über „Passagier 23“ sagte Scheck: „Das Personal dieses Thrillers stammt aus der Freakshow…“ Und fügte boshaft hinzu, bevor er das Buch schließlich in die Abfalltonne kloppte: „Angeblich verschwinden jedes Jahr 23 Passagiere von Kreuzfahrtschiffen. Spurlos über Bord entsorgen sollte man auch diesen langweiligen Quatsch.“ Das Publikum scheint anderer Meinung zu sein und die Denis-Scheck-Verrisse als Empfehlungen zu nehmen.

Erfolg ist launisch wie eine Diva

Fitzek ist sich sicher, dass zum Erfolg „eine gehörige Portion Glück“ gehört. Er hatte in den vergangenen Jahren dieses Glück, macht sich über dessen Charakter allerdings keine Illusionen: „Erfolg ist launisch wie eine Diva. Er kann schnell zu einem anderen wechseln.“ Andere Autoren haben einen Ausstoß von drei bis fünf Büchern pro Jahr: „Ich schreibe bloß eins, das kann man schon fast Schreibhemmung nennen.“ Manchmal verfasst Fitzek 80 Seiten und stellt dann fest, dass er auf einem Irrweg war: „Dann schmeiße ich die weg.“

Eine nicht sehr schmeichelhaft beschriebene Figur in „Passagier 23“ heißt Gerlinde, was alle Bekannten von Fitzek aufhorchen ließ, denn er war mal mit der Radiomoderatorin Gerlinde Jänicke liiert. Süße Rache? Es klingt zunächst so: „Sie ist die verhaltensauffällige Ex-Freundin, die mich zu zahlreichen Psycho-Thrillern inspiriert hat.“ (Wer würde das nicht gern von sich lesen?!) Allerdings hat Fitzek seine Ex gefragt, ob die Figur so heißen darf: „Das mache ich immer.“