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Es hat fürchterlich geknallt und gequietscht, sagt Heiner Less. Dann gab es einen Ruck, und das Quietschen wurde von ohrenbetäubendem Rattern abgelöst. Kurz darauf gab die S-Bahn der Linie S 25 keine Geräusche mehr von sich. Der Zug, in dem Less mit fast 50 anderen Fahrgästen saß, bewegte sich nicht mehr. Nur die zwei Wagen an der Spitze und die zwei Wagen am Schluss standen noch aufrecht – aber auf unterschiedlichen Gleisen. Dazwischen hingen die beiden mittleren Wagen, die entgleist waren. Einer neigte sich bedrohlich zur Seite.

Die Nordausfahrt des S-Bahnhofs Tegel war am Dienstag gegen 11.45 Uhr Schauplatz eines Unfalls, bei dem sechs Menschen verletzt wurden. Ausgelöst wurde das Unglück offenbar durch eine Weiche, die umgestellt wurde, während die S-Bahn sie mit Tempo 40 passierte. Ersten Hinweisen zufolge könnte ein Mitarbeiter im Stellwerk Tegel dafür verantwortlich sein. Nach einem Blitzeinschlag am Montagnachmittag waren große Teile der S-Bahn-Sicherungstechnik in Tegel ausgefallen. Weichen und Signale mussten per Hand gesteuert werden. „Bei dem Ersatzverfahren muss etwas schief gelaufen sein“, sagte ein S-Bahner.

Heiner Less hat Glück gehabt: Er saß im zweiten Wagen und erlitt keine Blessuren. Doch aussteigen durften er und die anderen Reisenden erst einmal nicht. „Irgendjemand hat gerufen, dass wir im Zug bleiben sollen, weil der Strom noch nicht abgestellt ist“, so Less.

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Dann seien Feuerwehrleute dagewesen. Den Insassen der entgleisten Wagen halfen sie teils mit Leitern hinaus. Auf einem Parkplatz an der Buddestraße standen Notarztwagen bereit, deren Besatzungen sich um die sechs Verletzten, vier Männer und zwei Frauen, kümmerten.

Dazu gehörte auch der Triebfahrzeugführer, der einen schweren Schock erlitten hat. Drei verletzte Fahrgäste wurden sicherheitshalber ins Humboldt-Krankenhaus gebracht, die anderen ins Virchow-Klinikum. Die Feuerwehr war mit 80 Männern und schwerer Technik im Einsatz. „Die Fahrgäste waren sehr besonnen“, so Sprecher Rolf Erbe. „Sie haben wirklich Glück gehabt. “ Es hätte Tote geben können, meinten Polizisten. ´

Auf ein totes Gleis geleitet

Der Unfall geschah an einer Weiche, an der das S-Bahn-Gleis nach Hennigsdorf abzweigt und ein nicht mehr benutztes Gleis weiterführt. Dies führte einst zur Industriebahn Tegel–Friedrichsfelde, die aber größtenteils abgebaut worden ist. Normalerweise ist die Weiche so gestellt, dass eine ausfahrende S-Bahn auf das nach rund 150 Metern endende tote Gleis geleitet wird. So wird verhindert, dass ein solcher Zug mit dem Gegenzug aus Hennigsdorf kollidiert. Erst wenn die stadtauswärts führende eingleisige Strecke wieder frei ist, drückt der Fahrdienstleiter im Stellwerk Tegel ein paar Tasten – und ein automatisches Programm läuft ab, zu dem das Umstellen der Schutzweiche gehört.

Menschliches Versagen?

Aber in diesem Fall war alles anders. Der Blitzschlag am Montag hatte auch die Bahnanlagen in Tegel getroffen. Das zeigte sich unter anderem am Bahnübergang Gorkistraße. Die Schranken schlossen nicht mehr wie sonst, sagte eine Anwohnerin. Am Montagabend konnten zwischen Tegel und Heiligensee gar keine S-Bahnen fahren, am Dienstagmorgen gab es Pendelverkehr. Weil die bisherigen Verfahren nicht mehr richtig funktionierten, musste der Fahrdienstleiter im Stellwerk stärker als sonst aktiv werden, Weichen sowie Signale selbst steuern. Dabei könnte ihm der folgenschwere Fehler unterlaufen sein, so ein Beobachter.

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Eine andere Version: Signalwerker haben, als sie im Stellwerk Tegel mit Reparaturen beschäftigt waren, versehentlich die Weiche umgestellt. Eine weitere Erklärung gilt dagegen als unwahrscheinlich: Defekt war die Weiche wohl nicht. „Sie wäre sonst stark beschädigt worden“, erläuterte ein Experte.

Ein Zusammenhang zwischen dem Blitzeinschlag und dem Unglück sei „sehr wahrscheinlich“, so ein S-Bahner am Abend. Zwischen Gesundbrunnen und Hennigsdorf fahren keine S-Bahnen, ab Tegel rollen Busse als Ersatz. „Das könnte noch Tage dauern“, hieß es bei der S-Bahn. Ein Schienenkran soll die entgleisten Wagen bergen.