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Ein Mann sagt: „Wer die Tote und ihre familiären Verhältnisse kannte, wird jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil er nichts getan hat.“ Er kannte die Familie nicht und trauert dennoch. Er sei schockiert „über so viel Gewalt“. Etwa 300 Menschen haben sich im Innenhof des Wohnhauses Köthener Straße 37 in Kreuzberg versammelt. Es ist das Haus, in dem in der Nacht zum Montag die 30-jährige Semanur S. von ihrem zwei Jahre älteren Mann Orhan getötet wurde. Auf eine unfassbar grausame Weise. Orhan S. erstach seine Frau und schnitt ihr dann die rechte Brust und den Kopf ab, während ihre sechs Kinder in der Wohnung waren.

Viele Männer auf der Trauerfeier haben sich T-Shirts übergezogen. „Männer gegen Gewalt“ steht darauf. Frauen, viele tragen dunkle Kopftücher, stehen dicht beieinander, Kinder schenken türkischen Tee aus, aus einem Rekorder ertönt die wehklagende Stimme einer Frau, sie singt islamische Trauermusik. Frauen legen ein Foto der Getöteten neben die vielen Lichter und Blumen – genau an jene Stelle, an der der abgetrennte Kopf auf das Pflaster schlug. Frauen weinen, Männer schweigen, Kinder flüstern. Traurig und ergriffen schauen alle auf diese eine Stelle. „Wir Frauen müssen zusammenhalten“, steht auf einem Plakat einer kurdischen Frauen-Initiative, auf einem anderen: „Wir sind über so viel Gewalt schockiert. Warum?“

Es herrscht Fassungslosigkeit

Diese Frage kann noch immer niemand beantworten. Auch nicht die, wie man mit einem solch schauerlichen Verbrechen umgeht. Vielleicht hilft einigen die Nachricht, dass Orhan S. am Dienstag von einem Arzt für psychisch gestört erklärt wurde. Die Staatsanwaltschaft beantragte seine Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt. „So eine Tat kann nur ein Verrückter begehen“, sagt ein Nachbar, der Zeuge war und die Polizei rief. Orhan S. hat gestanden, seine Frau getötet und enthauptet zu haben. In der Vernehmung schilderte er detailliert, was passierte. Seine Tat bereue er nicht.

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In der Wohnanlage an der Köthener Straße herrscht eine Mischung aus Fassungslosigkeit und fast schon unheimlicher Stille. An Tag nach dem Verbrechen sind nicht viele Menschen im Hof. Die sichtbaren Spuren der Nacht sind beseitigt. Fünf Nachbarsmädchen kommen angeschlichen. Unterhalb der Terrasse, von der Orhan S. den Kopf seiner Frau warf, bleiben sie stehen. Sie schauen stumm.