Berlin - Die Leitung der Sehitlik-Moschee gilt als ausgesprochen interessiert an einem Dialog mit Nicht- und Andersgläubigen, obwohl auch schon Projekte an konservativen Einstellungen bei Gemeindemitgliedern gescheitert sind. Regelmäßig werden Gruppen durch das Gebäude geführt. Kürzlich veranstaltete das Gebetshaus eine Fachtagung „Aktiv gegen Extremismus“, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde. Ender Cetin agiert seit einigen Jahren als Vorstand.

Herr Cetin, was war Ihre erste Reaktion, als Sie von dem Anschlag in Paris hörten?

Entsetzen! Ich war in der Moschee mit etwa 70 bis 80 Jugendlichen, als ich davon hörte. Das war während unseres Mittwochskreises. Wir sprechen jeden Mittwoch in deutscher Sprache über islamische Themen.

Was hat Sie besonders verstört?

Es ist wieder einmal ein Verbrechen, bei dem mir völlig unklar ist, wie man eine solche Tat religiös begründen kann. Es ist noch dazu ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und dabei sagte schon der Prophet, dass Meinungsfreiheit wichtig ist.

Haben Sie Angst?

Ja, die Angst ist da, Angst, dass sich das jetzt hochschaukelt. Wir haben Pegida, die werden stärker, dann werden wieder die Islamisten Zulauf bekommen, was wieder die anderen stärker macht.

Sind Sie auch um Ihre eigene Sicherheit besorgt?

Na ja, es soll ja Mittwoch bereits Anschläge auf Moscheen in Frankreich gegeben haben. Bei uns gab es auch schon mal was. Vier Brandanschläge zum Beispiel.

Weiß man denn nicht, wer das war?

Doch. Ein geistig Verwirrter.

Viermal hintereinander?

Es war schon auch ein rassistischer Hintergrund dabei. Der Mann hat gesagt, er habe nichts gegen Ausländer, aber Muslime mag er nicht. Aber er war auch verwirrt.

Und wie reagieren Sie darauf?

Die Ditib-Moscheevorstände wollen jetzt Kameras in den Eingangsbereichen ihrer Moscheen installieren und die Polizei fährt hier auch öfter Streife. Das soll abschrecken.

Und wenn die Gewalt aus den eigenen Reihen kommt? Wie ist die Haltung bei Ihren Gemeindemitgliedern zum Thema Gewalt? Ist die Ablehnung deutlich oder gibt es auch relativierende Stimmen?

Es gibt eine ganz klare Haltung gegen Extremismus. Natürlich ärgern wir uns auch manchmal über Karikaturen. Aber dann lacht man drüber. Es gibt keinen Gewaltakt.

Aber sie gefallen Ihnen nicht?

Nein, aber wir würden nie etwas dagegen sagen.

Vielleicht ist da noch eine Auseinandersetzung nötig?

Es heißt immer, Muslime kennen keinen Humor. Vielleicht machen wir mal eine Veranstaltung dazu. Wir haben schon mal überlegt, die Gemeindemitglieder einzuladen, selber Witze im religiösen Zusammenhang zu machen. Daraus könnte sich eine Debatte entwickeln.

Nervt es Sie eigentlich, dass Sie immer aufgefordert werden, sich abzugrenzen, wenn radikale Islamisten Anschläge verüben?

Ja, natürlich, das nervt. Es übersteigt auch unsere Kräfte, dass wir uns andauernd distanzieren und rechtfertigen müssen für etwas, was wir nicht getan haben. Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich. Wir haben gar nicht die gleichen Strukturen wie die anderen großen Religionsgemeinschaften. Wir wären auch gern eine Körperschaft öffentlichen Rechts.

Glauben Sie denn, dass man mit Distanzierungen überhaupt etwas erreichen kann?

Nein, das glaube ich nicht. Laut einer kürzlich herausgekommenen Studie glauben nur 30 Prozent der Mehrheitsbevölkerung unseren Distanzierungen. Ich denke, man kann nur mit positiver Arbeit etwas erreichen. Wir machen das, aber man sieht es von außen leider nicht.

Sie wollen ein Beratungsbüro zum Thema Extremismus in der Moschee eröffnen. Wer soll dort beraten werden?

Wir wollen Jugendliche aufklären, die sich mit extremistischem Gedankengut befassen, ihnen andere Wege aufzeigen. Und natürlich auch Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen. Es soll ein Ort werden, an dem sie Fragen stellen können.

Können Sie einschätzen, wie groß die Gefahr einer Radikalisierung der Berliner Muslime ist?

Es wird immer Jugendliche auf Abenteuersuche geben. Aber ich glaube nicht an eine Radikalisierung in großem Umfang. Allerdings wenn Pegida stärker wird ...

Sehen Sie die Zukunft nun positiv oder negativ?

Wir haben eine gute Situation in Deutschland. Die Muslime fühlen sich wohl hier. In Frankreich ist das anders, die rechtsradikale Szene ist viel größer. Das größte Problem sind außerdem die sozialen Schwierigkeiten dort. In Deutschland sehe ich die Entwicklung positiv.

Das Gespräch führte Julia Haak.