Neukölln - Drei Jahre hat die Neuköllner Sehitlik-Moschee mit der Nichtregierungsorganisation Violence Prevention Network (VPN) zusammengearbeitet. Das Modellprojekt in der Moschee, die zum türkischen Dachverband Ditib gehört, ist nun überraschend beendet worden, wie der rbb zuerst berichtet hatte.

Das Kooperationsprojekt richtete sich an muslimische Jugendliche, die Gefahr liefen, sich zu radikalisieren. Die Mitarbeiter von VPN suchten das Gespräch in einem angemieteten Raum in der Moschee. Ein Beratungsangebot, das nach Auskünften von VPN-Leiter Thomas Mücke „täglich genutzt wurde“, auch von Eltern. „Es lief gut“, sagte Mücke, „das hat uns darin bestätigt, wie sinnvoll das Projekt ist.“

Doch Ende September wurde eine VPN-Mitarbeiterin bedrängt. Fünf Männer hätten sich vor der Mitarbeiterin aufgebaut und sie beleidigt, „unter anderem der Kultur-Attaché der Moschee“, sagte Mücke.

„Es ist eine rote Linie überschritten worden“

Pinar Cetin war jahrelang ehrenamtlich in der Moschee tätig und führte gerade eine Schulklasse durch die Moschee, als sie aufgefordert wurde, die Veranstaltung abzubrechen. Die Schüler waren auf Einladung des Auswärtigen Amtes vor Ort. Cetin informierte über das Deradikalisierungsprojekt Bahira, das mit VPN zusammenarbeitet und von Bund und Land gefördert wird.

VPN beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit der Sehitlik-Moschee. „Es ist eine rote Linie überschritten worden. Wir haben sofort gehandelt. Unser niedrigschwelliges Beratungsangebot ist an diesem Ort nicht mehr möglich“, bedauerte Mücke. „Eine stationäre Beratung wie in der Sehitlik-Moschee wird es erst einmal nicht mehr geben. Stattdessen werden wir in anderen Moscheen mobile Beratungsstellen anbieten“, sagte er weiter.

Er hofft, dass sich die Sehitlik-Moschee für die Vernetzung nach außen wieder öffnet. „Mit dem jetzigen Führungspersonal dort hat es keinen Sinn. Früher waren die Gespräche möglich. Doch in den letzten zwei Jahren hat sich Ditib verändert“, sagte Mücke. Angefangen habe es mit dem Militärputsch in der Türkei.

„Es gibt Einflussnahmen in den Moscheen“

Die Moschee hatte sich vor einigen Jahren gezielt für Besucher geöffnet. Vor zwei Jahren wurde der Vorstand abgewählt, offenbar auf Weisung Ankaras. Bis auf ein Mitglied wurde der gesamte Vorstand neu besetzt – auch der damalige Vorstandsvorsitzende Ender Cetin, der Ehemann von Pinar Cetin. Das Ehepaar hatte das Haus gemeinsam zu einer Vorzeigemoschee aufgebaut.

Für Hakan Tas, integrationspolitischer Sprecher der Linksfraktion in Berlin, sind das alarmierende Signale. „Man muss sich schon die Frage stellen, ob es bei dem Vorfall zentrale Anweisungen aus der Türkei gab“, sagte er der Berliner Zeitung. Die aktuellen Entwicklungen mit der Ditib seien gefährlich. „Es gibt Einflussnahmen in den Moscheen“, sagte der Linkspolitiker.

Experten schätzen die Zahl türkischer Spione deutschlandweit auf 6000 Personen. „Dem müssen wir als Staat nachgehen, auch in Berlin. Ich sehe nicht, dass der Innensenator Geisel in diesem Zusammenhang genug unternimmt. Eine von Ankara aus kontrollierte Religionsgemeinschaft, die hier lebende Oppositionelle ausspioniert, dürfen wir nicht dulden“, sagte Tas.

Ditib ist Dachverband von mehr als 900 Moscheen und bundesweit der größte Moscheeverband. Er ist der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde Dianet und bezahlt sämtliche Imane. Schon lange gibt es von Seiten der Politik Kritik an diesem System. Man vermutet Einflussnahme und Spionage.

„Ditib ist nicht gemeinnützig, sondern gemeingefährlich“

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) prüft derzeit eine Beobachtung von Ditib. Auf Nachfrage hieß es, dass „einzelne Ditib-Moscheegemeinden verfassungsfeindliche nationalistisch-religiöse Aktivitäten entwickelten und entsprechende Äußerungen tätigten“.

Für Sevim Dagdelen, stellvertretende Vorsitzende der Linken im Bund, ist eine Beobachtung dringend notwendig. „Wer Ditib aus politischer Rücksichtnahme auf die türkische Regierung von den Sicherheitsbehörden nicht beobachten lassen will, handelt fahrlässig und spielt mit der Sicherheit der Bevölkerung in Deutschland“, sagte sie. Der islamistisch-nationalistische Moscheeverband werde von Ankara aus gesteuert und stifte nachweislich Unfrieden. „Ditib ist nicht gemeinnützig, sondern gemeingefährlich“, betonte Dagdelen.

Die Sehitlik-Moschee war für eine Stellungnahme am Donnerstag nicht zu erreichen.