Für dieses Jubiläum ist Theodor Fontane gänzlich ungeeignet. Während er andernorts als Kronzeuge für den märkischen Tourismus gilt, kommt der wandernde Dichter im Falle des 750. Geburtstags des Klosters Chorin als Marketing-Botschafter nicht infrage. Sein Urteil ist alles andere als eine Reiseempfehlung.

Das Kloster sei, schreibt er in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, „keine jener lieblichen Ruinen, darin sich’s träumt wie auf einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen“. Dem alten Gemäuer gehe das „eigentlich Malerische ab“ und das Innere sei „sang- und klanglose Öde“. Das Kloster gestatte „kein Verweilen“. Kurzum: Chorin mangle es an Poesie.

Immer wieder wurde gerätselt, warum Fontane ausgerechnet mit Chorin so hart ins Gericht ging. Schließlich war das Kloster schon lange vor Fontanes Besuch zum Sehnsuchtsort geworden. Und hatte die preußischen Stararchitekten auf den Plan gerufen, sich für dessen Restaurierung einzusetzen. Allen voran Karl Friedrich Schinkel, den Fontane „unter allen bedeutenden Männern, die Ruppin, Stadt wie Grafschaft, hervorgebracht“ habe, für den herausragendsten hielt.

Um eine Antwort zu finden, muss man zurück ins 19. Jahrhundert – als Fontane am 1. November 1863 aufbrach, um das Kloster zu besichtigen. Es war kalt und der Wanderer kränkelte. Er stecke, schrieb Fontane wenige Tage vor seiner „Chorin-Partie“ seinem Verleger Wilhelm Hertz, „tief in den dumpfen, bedrückenden Vorstadien eines Schnupfenfiebers“.

Im Kloster selbst schritt Fontane dann „auf dem harten Schuttboden hin wie auf einer Tenne, über die der Wind fegte“. Und ergänzte kurz und knapp: „Alles leer.“ Inspiriert hat ihn diese Klosterruine jedenfalls nicht.

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Besucher im Kloster Chorin.

Kloster Lehnin und die Poesie des Verfalls

Lag es an der Jahreszeit? Im Oktober hatte er bereits das benachbarte Kloster Lehnin besichtigt und war zu einem völlig anderen Fazit gelangt. Zwar empfand er den Aufenthalt im Innern der Klosterkirche ebenso öde und freudlos, aber „draußen haben wir die ganze Poesie des Verfalls, den alten Zauber, der überall da waltet, wo die ewig junge Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt“. Von einer solchen fontanistischen Schwärmerei kann Chorin nur träumen.

Die Suche nach einer Erklärung für Fontanes Verdikt führt zu einem weiteren Defizit. Der Dichter vermisste in Chorin nicht nur „die stille Führerschaft von Sage und Geschichte“, sondern auch einen Ansprechpartner vor Ort. Ob er sich – wie bei den anderen Schauplätzen seiner „Wanderungen“ – erfolglos um einen Kontakt bemüht hatte, ist nicht bekannt. Fontane hätte vermutlich etwas über die jahrzehntelangen Bestrebungen um den Erhalt des Klosters erfahren. Und dass Chorin schon zu seiner Zeit als Backsteinwunder galt. Nichts davon steht in Fontanes Chorin-Kapitel der „Wanderungen“. Auch kein Wort über Schinkel.

Preußens oberster Baumeister, der Chorin spätestens ab 1810 regelmäßig aufsuchte, war entsetzt über den Zustand der Klosteranlage, die seit knapp 300 Jahren landwirtschaftlich genutzt wurde. In der Kirche wurden Schweine und im Brauhaus Pferde gehalten, die Sakristei diente als Remise.

So wurde Schinkel zum Retter des Klosters Chorin

Im Dezember 1816 verfasste Schinkel ein Schreiben an die „General-Verwaltung des königlichen Finanzministeriums“, um auf „die bedeutenden Überreste alter Klostergebäude“ als Muster „altdeutscher Baukunst“ aufmerksam zu machen. „Alle sind zu ökonomischen Zwecken eingerichtet worden“, beklagte Schinkel. So sei „die schöne große Kirche, welche leider ihr Gewölbe schon verloren hat, vor mehreren Jahren mit einem neuen Dach versehen und zur Scheune und zum Holzgelass eingerichtet“ worden. Daher müsse die königliche Regierung veranlassen, „dass dem Amtsmann zu Chorin die Erhaltung aller alten zum Kloster gehörigen Gebäude zur Pflicht gemacht werde“.

Mit seinem eindringlichen Appell wurde Schinkel von Amts wegen zum Retter von Kloster Chorin. Aber ihm ging es um mehr. Am Ende seines Schreibens forderte er das Engagement der Baumeister in den Provinzen, „damit wenigstens willkürliches Einreißen und Verbauen dieser Alterthümer vermieden und dem Lande der schöne Schmuck solcher Denkmäler erhalten werde“. Zuvor hatte sich Schinkel auf einer Bildungsreise durch Italien von der Wertschätzung und Erhaltung historischer Bauwerke überzeugen können und entdeckte offenbar in Chorin den Nachholbedarf in seiner preußischen Heimat.

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Kloster Chorin um 1914.

Wie das Kloster Chorin als Steinbruch und Stall genutzt wurde

Zu diesem Zeitpunkt hatte das ehemalige Zisterzienserkloster bereits eine jahrhundertelange Leidensgeschichte hinter sich. Nach dem Übertritt des Brandenburgischen Kurfürsten zum Protestantismus wurde es 1542 aufgelöst. Der Besitz ging an den Landesherrn über, der das Areal verpachtete. Fortan wurde das Kloster als Steinbruch und Stall genutzt – und durch Anbauten für den Landwirtschaftsbetrieb schrittweise zerstört.

Schinkel wollte dem ein Ende setzen. Um seinem Appell mehr Gewicht zu verleihen, holte er alle Mitglieder der preußischen Oberbaudeputation ins Rettungsboot. Sie sollten sein Schreiben namentlich unterzeichnen. Vermutlich wurde zuvor angemahnt, die Forderung etwas diplomatischer zu formulieren. Denn in dem ausgefertigten Schreiben vom Januar 1817 wurde verlangt, dem Amtsmann zu Chorin die Pflicht zur Erhaltung des Klosters zu „empfehlen“.

Das Gesuch hatte Erfolg: In ihrer Antwort setzte die königliche Regierung zwei Monate später ausdrücklich fest, die Erhaltung Chorins zur „besonderen Pflicht“ zu machen. Schinkels Schreiben bewirkte, so die Kunsthistorikerin und Klosterchefin Franziska Siedler, „die erste staatliche Regelung zur Denkmalpflege in Preußen überhaupt“.

Schinkels Zeichnungen der Klosterruine

Im Kloster-Brauhaus, das erst 2016 erneut saniert wurde, ist dem Retter Chorins eine kleine Ausstellung gewidmet. Futtertröge, Wandringe für das Vieh und eingespielte Tiergeräusche sollen an die zweckentfremdende Nutzung bei Schinkels ersten Besuchen erinnern. Präsentiert werden Reproduktionen seiner Klosterzeichnungen, die den Zustand der Gebäude dokumentieren und teilweise als Druckvorlagen für eine Veröffentlichung dienten. Sie animierten auch andere Architekten wie Ludwig Persius, der 1842 im Auftrag des Königs eine Dienstreise nach Chorin unternahm. Beliebtes Motiv war die berühmte Westfassade des Klosters, die in vielen Zeichnungen allerdings auch idealisiert dargestellt wurde.

Obwohl die Klosterruine den Status eines „Denkmals altnationaler Geschichte“ erhielt, kam die notwendige Instandsetzung nur langsam in Gang. Immer wieder haperte es an der Finanzierung. Und ein Ende der Tierhaltung wurde nur mit staatlicher Gewalt erreicht. Nachdem der Pächter der Aufforderung, den Schweinestall in der Klosterkirche aufzulösen, nicht nachgekommen war, rückte im August 1817 die Polizei an.

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Die Klosterkirche um 1933.

Chorin und Schinkels Ideal einer gotischen Ruine in der Landschaft

Erst 1831 endete der Pachtvertrag. Der neue Pächter Peter Hinrich Meyer ließ die Stallungen entfernen und setzte sich für den Schutz der Bausubstanz ein. Eine Aufwertung erfuhr das Kloster, nachdem die Regierung im selben Jahr Peter Joseph Lenné beauftragte, das historische Ensemble in einen Landschaftspark einzubetten. Mit diesen Plänen, sagt Franziska Siedler, sei der berühmte Gartendirektor „Schinkels Ideal einer gotischen Ruine in der Landschaft“ noch näher gekommen. Eine vollständige Umsetzung scheiterte aber auch hier an der Bereitschaft, das Projekt ausreichend zu finanzieren.

Nach Schinkels Tod 1841 geriet Chorin nicht in Vergessenheit. Der Architekt Ferdinand von Quast, seit 1843 erster „Konservator der Denkmäler in Preußen“, machte das Kloster erneut zur Chefsache. Er veranlasste beispielsweise die Sanierung des Dachstuhls über dem Westflügel und sicherte damit das Gewölbe im Fürstensaal. Auch über Quast, den Fontane im Kapitel über Radensleben in den „Wanderungen“ würdigte, erfährt man im Chorin-Kapitel nichts.

Dass Fontane jedoch über die denkmalpflegerischen Aktivitäten sehr wohl im Bilde war, verrät die Druckgeschichte seines Chorin-Aufsatzes. Zunächst erschien er 1867 in einer Zeitschrift und wurde erst 1880 in die zweite Auflage des „Havelland“-Bandes aufgenommen. Allerdings gekürzt. Die nicht übernommene Passage des Zeitschriftendrucks beantwortet endlich auch die Frage, warum Fontane Kloster Chorin jegliche Poesie abspricht.

Hat der Denkmalschutz den Zauber Chorins zerstört?

Es sei „eine ordnende Hand über das Ganze hingegangen, die es mit der Erhaltung dieser Ruine wohlgemeint hat, aber nicht so mit der Poesie derselben“. Den Zauber Chorins hat also der Denkmalschutz zerstört. Fontane setzte noch eins drauf. Man komme „in Versuchung, die alten Tage der Verwüstung zurück zu wünschen, wo im hohen Chor die Ziegenställe des Pächters waren und die Schafe das Gras von den Grabsteinen der Askanier nagten“. Schinkel hat die Haustiere vertrieben, Fontane wollte sie zurückholen.

Vermutlich muss die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ihr postumes Angebot, „Fontane hätte für unser Magazin ‚Monumente‘ schreiben können“, noch einmal überdenken. „Monumente“ präsentierte im Fontanejahr 2019 als erstes Beispiel für die vom Wanderer besuchten Denkmale, welche die Stiftung unterstützt, ausgerechnet Kloster Chorin – mit der etwas irreführenden Bildunterschrift: „Fontane war begeistert von dem prächtigen Bau“.

Kurz nach der Veröffentlichung des Chorin-Aufsatzes in den „Wanderungen“ nahm die Rettung des Klosters noch einmal Fahrt auf. Kunsthistoriker und Denkmalpfleger initiierten mit Unterstützung der königlichen Familie von 1883 bis 1892 eine erste große Sanierungskampagne. Die wichtigste Maßnahme war die Instandsetzung der Dächer. Ungeachtet dessen hatte sich längst gezeigt, dass sich die Restaurierung von Kloster Chorin zu einem Jahrhundertprojekt ausweitete, das im 20. Jahrhundert fortgesetzt wurde.

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Besucher des Choriner Musiksommers.

Chorin als zu beliebtes Ausflugsziel: Die DDR-Denkmalpfleger griffen ein

Die Ingenieurin Stefanie Wagner, die mit ihren Forschungen jahrelang die Sanierungsarbeiten begleitet hat, berichtet auch über die Bemühungen in der DDR. Inzwischen mussten sich die sozialistischen Denkmalschützer mit einem anderen Phänomen auseinandersetzen. Um „der Gefahr einer Umwertung der Kloster- und Gartenanlage ausschließlich zu einem beliebten Ausflugsziel und zur Kulisse für verschiedenste Konzerte und Veranstaltungen“ entgegenzusteuern, legte das Institut für Denkmalpflege der DDR noch im Wendejahr 1989 eine „Rahmenzielstellung für die Pflege, Erhaltung und gesellschaftliche Erschließung des Denkmalensembles Kloster Chorin“ vor.

Die Restaurierung dauert bis in die Gegenwart an. Erst 2009 wurde die Sanierung des Infirmariums abgeschlossen. In dem ehemaligen Kranken- und Sterbehaus der Mönche wird am 18. Juni die neue Ausstellung zum 750. Jubiläum eröffnet. Vermutlich wird Fontane keine Rolle spielen.

Und wer nicht glauben möchte, zu welchem Urteil er nach seinem Ausflug kam, dem sei der Anfang des Chorin-Kapitels empfohlen: Nähert man sich dem Kloster, wirke es – wenn es endlich vor unseren Blicken auftaucht – „völlig wie eine Überraschung“. Oder man macht gleich selbst eine Chorin-Partie. Zeit bleibt genug: Das Kloster feiert zwei Jahre lang Jubiläum.

Gabriele Radecke ist Leiterin des Literaturarchivs der Berliner Akademie der Künste und Herausgeberin der digitalen Fontane-Notizbuchedition. Robert Rauh ist Historiker und Autor der „Wanderungen“-Adaption „Fontanes Ruppiner Land“.