Sein letzter Wunsch: Noch einmal Weihnachten erleben

Oliver Kaiser ist an einem bösartigen Hirntumor erkrankt. Der Familienvater aus Kaulsdorf hat vermutlich nur noch wenige Wochen zu leben.

Monique Kaiser mit ihrem Mann Oliver. Sie zeigt ihm ein letztes Mal das Meer.
Monique Kaiser mit ihrem Mann Oliver. Sie zeigt ihm ein letztes Mal das Meer.Familie Kaiser

Die ersten Glühweinbuden haben geöffnet. In den Geschäften gibt es Lebkuchen, Stollen und Christbaumschmuck. Nur noch 40 Tage bis Heiligabend. Allmählich stellt sich die Geschenkefrage. Oliver Kaiser weiß nicht, ob er in 40 Tagen noch leben wird. Der Vater eines kleines Sohnes und zweier erwachsener Kinder ist unheilbar an einem bösartigen Hirntumor erkrankt und gilt medizinisch betrachtet als austherapiert.

„Ich möchte Weihnachten so gern noch bei euch sein, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe“, hat Oliver Kaiser seiner Frau Monique gesagt. Er ist 51 Jahre alt, seine Stimme klingt kraftlos. 

Auf der Palliativstation im Helios-Klinikum in Berlin-Buch bekommt Oliver Kaiser aus Kaulsdorf vom vorweihnachtlichen Treiben draußen nichts mit. Momentan ist er froh, dass er Medikamente erhält, die seine Schmerzen erträglich machen.

Vor zwei Jahren um die gleiche Zeit stand Oliver Kaiser, groß und kräftig gewachsen, noch mitten im Leben. Er arbeitete als Lackierer in einer Werbeagentur und fuhr mehrmals im Jahr mit seiner Familie in den Urlaub. Am liebsten ans Meer. Er liebt das Geräusch der Wellen und isst gern Fischbrötchen. Auf Urlaube und Weihnachten freute er sich immer besonders, weil er dann Zeit mit seiner Familie verbringen konnte.

Oliver Kaiser aus Kaulsdorf brach bei der Arbeit zusammen

Im März 2021 geriet sein bislang unbeschwertes Leben von heute auf morgen aus den Fugen. Oliver Kaiser litt seit Wochen schon unter migräneartigen Kopfschmerzen,  führte sie auf Stress zurück. Dann brach er  bei der Arbeit ohnmächtig zusammen und kam ins Krankenhaus. „Ich hatte Tausend Nadelstiche am Körper und glaubte, dass sich so ein Schlaganfall anfühlt“, berichtet Oliver Kaiser. Eine Untersuchung im MRT ergab, dass sich in seinem Kopf ein bösartiger Tumor, ein Glioblastom, gebildet hatte und er deshalb bewusstlos geworden war. „Es war ein riesiger Schock für uns alle“, sagt Oliver Kaiser. Die Prognose bei derartigen Tumoren ist äußerst schlecht.

Das Glioblastom ist die häufigste bösartige Form des Gehirntumors. Die Erkrankung tritt meistens zwischen dem 50. und dem 75. Lebensjahr auf und schreitet schnell voran. Etwa 4800 Neuerkrankungen pro Jahr sind es in Deutschland. Trotz intensiver Therapien liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Betroffenen bei etwa 15 Monaten.

Der Tumor im Gehirn hatte schon einen Durchmesser von 2,7 Zentimetern

„Bei der Diagnose hat der Tumor häufig schon einen Durchmesser von zwei Zentimetern und mehr“, erklärt Christina Gröger, Oberärztin der Palliativmedizin im Helios-Klinikum Berlin-Buch.  Zu den Symptomen zählen unter anderem starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprach-, Seh-, Gedächtnis- und Bewegungsstörungen.

Der Tumor im Kopf von Oliver Kaiser war schon so groß wie eine Walnuss, hatte einen Durchmesser von 2,7 Zentimetern. Er musste herausoperiert werden. Anschließend begann eine Bestrahlungs- und Chemotherapie. Das war kurz nach Ostern 2021. Damals war der Familienvater trotz der geringen Heilungschancen optimistisch.

Zwölf Monate später war der Tumor zurück

Zwölf Monate später war sein Tumor wieder gewachsen. „Auch nach einer erfolgreichen Therapie kommt es meist schon innerhalb eines Jahres zu einem erneuten Auftreten, einem Rezidiv des Tumors. Glioblastome sind nicht heilbar“, erklärt Christina Gröger. Therapien tragen jedoch dazu bei, dass die Krankheit langsamer voranschreitet. Eine frühe palliative Behandlung wirke sich positiv auf die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten aus. 

Eine weitere Chemotherapie musste Oliver Kaiser abbrechen, und damit schwand auch seine Hoffnung, wieder gesund zu werden. Er wird nun seit sieben Wochen auf der Palliativstation behandelt und bereitet sich allmählich auf seinen Abschied vor. Mitte Oktober war er mit seiner Frau, seinem jüngsten Kind und seiner erwachsenen Tochter ein paar Tage auf Rügen. „Er wollte so gern noch einmal das Meer sehen“, sagt Monique Kaiser. Sie erzählt an dieser Stelle weiter, weil ihrem Mann das Reden zunehmend schwerfällt.

Den letzten Kurzurlaub mit der Familie hat die Carl-Jakob-Haupt-Stiftung ermöglicht, die schwer kranken Menschen wie Oliver Kaiser einen letzten Wunsch erfüllt. „Wir hätten uns diese Reise nicht leisten können, weil wir keine Gehälter mehr bekommen“, sagt Monique Kaiser. 

Die Erkrankung ihres Mannes kostet auch sie viel Kraft und sogar den Job. Sie verlor ihre Arbeitsstelle im Lebensmittelhandel, weil sie seit längerer Zeit krankgeschrieben ist. „Ich war nicht mehr wirtschaftlich für das Unternehmen und habe vor Kurzem meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben“, sagt sie. Um die Erziehung ihres Sohnes kümmert sie sich allein, seitdem ihr Mann im Krankenhaus ist. 

Alle zwei Tage fährt sie die 31 Kilometer von Kaulsdorf nach Buch und besucht ihren Mann in der Klinik. Manchmal bringt sie ihm ein Fischbrötchen mit. Monique Kaiser weiß, dass ihnen nicht mehr viel Zeit zusammen bleibt. Für den schwer kranken Menschen ist selbst das Essen eines Fischbrötchens zu einem besonderen Moment geworden. Sie sagt: „Unsere Prioritäten haben sich verschoben. Wir regen uns nicht mehr über jede Kleinigkeit auf.“

Angst vor dem Abschied

Monique und Oliver Kaiser telefonieren mehrmals am Tag. Seit 25 Jahren sind sie ein Paar. Kennengelernt hatten sie sich auf einer Party. „Wir sind dankbar, dass wir eine so glückliche Zeit miteinander verbringen durften“, sagt sie und zeigt ein Foto vom letzten Ostseeurlaub: Sie schiebt ihren Mann im Rollstuhl über die Promenade von Binz. Sie kann sich im Moment nicht vorstellen, wie es einmal ohne ihn sein wird. 

Ob sie Angst vor dem nahenden Abschied haben? „Weil wir den genauen Zeitpunkt nicht kennen, haben wir solche Angst“, sagt Monique Kaiser. Ihr Mann redet kaum darüber. Er will seine Familie schützen und „versucht, das Unbegreifliche zu verschönern“. Sie selbst weint immer erst, wenn sie ihr Kind ins Bett gebracht und die letzten Zeilen der Gutenachtgeschichte vorgelesen hat.  

Julien, der Sohn, wünscht sich einen Staubsauger zu Weihnachten. „Einen richtigen für Erwachsene, keinen Kinderstaubsauger“, sagt er. Er ist fünf Jahre alt, er versteht noch nicht, dass sein Vater schwer krank ist. 

Ob Oliver Kaiser es noch erleben wird, dass sein Kind Weihnachten einen Staubsauger auspackt, weiß niemand. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Glioblastomen hat er schon übertroffen. Er möchte noch mindestens 40 Tage leben.