Jörg Steinert ist Pilger aus Leidenschaft – nun hat er ein Buch geschrieben.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

BerlinViele kennen Jörg Steinert als Chef des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes – hier setzt er sich für die Belange der queeren Szene der Hauptstadt ein. Doch der 38-Jährige hat noch eine andere Leidenschaft: Er ist seit 2015 Pilger. Damals pilgerte er auf dem Jakobsweg, die Sucht packte ihn. Rund 5000 Kilometer hat der Berliner bis jetzt auf dem Weg zurückgelegt. Nun hat er ein Buch geschrieben.

Viele Menschen wollen irgendwann den Jakobsweg laufen. „Es gibt Leute, die sehnen sich ihr ganzes Leben danach“, sagt Jörg Steinert. Bei dem heute 38-Jährigen begann alles anders. Zum Pilgern kam er durch eine „typische männliche Trotzreaktion“, wie er sagt. „Eine Studienfreundin von mir lief den Jakobsweg und erzählte mir davon. Nach dem Gespräch dachte ich: Was die kann, kann ich auch.“

2015 brach Steinert zu seiner ersten Tour auf – mit einer Reisegruppe. Die entpuppte sich aber „als eine Art Sekte“, sagt er. „Wir mussten in Stuhlkreisen sitzen und schräge Übungen machen. Ich wollte das nicht, ich wollte pilgern!“ Bei einer Übung sollte sich Steinert auf eine seiner Mitreisenden legen – zur Entspannung. „Da hatte ich genug. Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich per SMS und floh.“

Er lief alleine los. Den ersten Teil des Jakobsweges bis Bilbao legte Steinert im Frühjahr zurück, im Sommer setzte er die Tour fort – es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Er sei, wie er selbst sagt, vom „Pilger-Virus“ erfasst worden. „Es ist wie eine Sucht. Für mich ist es Freiheit, auf dem Weg zu sein. Ich bin allein und nur mir selbst verpflichtet, aber ich bin nicht einsam. Dieser Gedanke verbindet alle Pilger.“

In seinem beruflichen Umfeld sorgte es anfangs für Irritationen, dass Steinert sich für einen katholischen Pilgerweg begeistert. Denn er ist Geschäftsführer des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes. „Aber es gibt verschiedene Gründe, sich auf den Weg zu begeben. Manche laufen aus religiösen Motiven, andere, weil sie es als Sport sehen. Mich fasziniert das Spirituelle. Pilgern ist auch eine Möglichkeit, zu sich selbst zu finden.“ Es sei ein Ausbrechen aus dem Alltag. „Es ist erholsam, auch wenn es anstrengend ist.“ Unbeschreiblich sei das Gefühl, nach Wochen das Ziel zu erreichen. „Nach einer solchen Tour muss man erst mal wieder im Alltag ankommen.“

5000 Kilometer ist Steinert gepilgert – auf der berühmten Etappe des Jakobsweges, aber auch auf anderen Strecken. Denn das Stück, das in Frankreich beginnt und bis nach Santiago de Compostela führt, ist nur der bekannteste Teil. Der komplette Weg verläuft aus dem Baltikum über Polen, die Schweiz und Deutschland nach Santiago. „Es gibt unzählige Möglichkeiten, nach Santiago zu gelangen. Manche Stücke sind besser erschlossen, manche weniger“, sagt Steinert.

Wichtig für die Touren ist die Ausrüstung. In Steinerts Pilgerrucksack kommen immer die gleichen Dinge: „Ein Schlafsack für das Übernachten in den Herbergen und Wechselkleidung.“ Außerdem: Proviant. „Das habe ich zuerst unterschätzt. Einmal bin ich morgens ohne Frühstück losgelaufen, denn in fünf Kilometern Entfernung sollte ein Restaurant sein. Als ich ankam, war es geschlossen. Dann musste ich den ganzen Tag ohne Essen pilgern.“ Auch der Pilgerstock gehört dazu – Steinert fand ihn anfangs lächerlich, „aber er ist eine gute Hilfe dabei, die Kilometer zu bewältigen“.

Sein Buch „Pilgerwahnsinn: Warum der Jakobsweg süchtig macht“ (Patmos-Verlag, 22 Euro) wurde diese Woche vorgestellt. Hier erzählt er auch die eine oder andere lustige Anekdote. Etwas Besonderes beim Pilgern sei etwa „frische Wäsche“, sagt er. „Einmal wusch ich meine Wäsche und hängte sie draußen zum Trocknen auf. Als ich später zum Wäscheständer kam, hatte ein fremder Fahrradpilger seine verschwitzten, nassen Klamotten auf meinen Wäscheständer geworfen. Ich war so wütend!“ Steinert wusch seine Wäsche noch einmal. Und dann? „Ich habe den Wäscheständer mit seinen nassen Klamotten in den Schatten gestellt. Das war meine eigene Art, ein Stoppschild aufzustellen.“ Er lächelt. „Ich dachte nur: Deine Klamotten werden nicht mehr trocken!“

Allerdings gibt es auch unschöne Erlebnisse, berichtet er. Auf einer Tour habe er sich eine Verletzung zugezogen, eine Schienbeinsehnen-Entzündung. „Ich lief in drei Wochen 500 Kilometer und bin dabei nur gehumpelt. Auf dem Weg begleitete mich ein Ex-Kickboxer, der am Ende sagte, dass er nicht gedacht hätte, dass ich ankomme. Er meinte, ich sah aus wie ein Karren, bei dem eine Achse gebrochen ist. Ich habe auf dem Weg die Ibuprofen-Tabletten wie Tic Tacs gegessen.“

Seit einiger Zeit setzt sich Steinert auch dafür ein, dass Teile des Weges, die durch Berlin verlaufen, besser ausgeschildert werden. Nach seinen ersten Touren fiel ihm auf, dass es in seiner Heimatstadt Zwickau in Sachsen bereits Schilder gab – auch dort verläuft die Via Imperii, ein Teil des Weges, der von Stettin über Berlin und Wittenberg nach Leipzig führt. Nach langer Zeit kommt nun Bewegung in die Sache: Im Juni wurde der erste offizielle Jakobsweg-Wegweiser eingeweiht, er hängt an der Gartenarbeitsschule Tempelhof-Schöneberg. Inzwischen wurde ein Stromkasten am S-Bahnhof Priesterweg mit der gelben Muschel auf blauem Grund, dem Symbol des Jakobsweges, verziert. Am Montag wird zudem die erste Berliner Stempelstation eingeweiht – an der Königin-Luise-Gedächtniskirche am Gustav-Müller-Platz können Pilger dann ihre Pässe abstempeln.