Wärmehalle in Berlin 1908. Das Bild des Malers Jens Birkholm befindet sich heute in der Berlinischen Galerie. Birkholm starb 1915 an Tuberkulose. 
Foto: Wikipedia/Berlinische Galerie

BerlinEine Wärmehalle in Berlin im Jahr 1908. Hier suchen erschöpfte, verzweifelte Männer verschiedenen Alters in zerschlissenen Kleidern Schutz vor der winterlichen Kälte. Das Bild ist in triste Grau-braun-Töne getaucht. An der Wand im Hintergrund hängt die „Haus-Ordnung der Wärmehalle“. Alkohol ist nicht zugelassen.

Die Stadt hatte gerade eine Phase rasanten Aufschwungs hinter sich, nannte sich Weltstadt. Die Café-, Theater- und Vergnügungsszene blühte, Kinos entstanden, moderne Gaslaternen flackerten, erste Autos rollten, Industriebetriebe und Forschungseinrichtungen erreichten Weltspitze.

Nicht alle konnten im Fortschritt mithalten

Die Not der Vieltausenden, die im Fortschritt nicht mithalten konnten oder zugewandert waren, aber noch nicht Fuß fassen konnten, hat den Maler Jens Birkholm nicht losgelassen. Immer wieder besuchte er Asyle, Notunterkünfte, Waisenhäuser und dokumentierte das Elend der Großstadt. Birkholm war Däne, Pazifist und Militärdienst-Flüchter. 1892 ließ er sich in Berlin nieder, bekam Kontakt zur Sozialdemokratie. Fast immer malte er arme Leute im Stil des harten Realismus.

Nachdem der außerordentlich kalte Winter 1891/92 der Öffentlichkeit vor Augen geführt hatte, dass die gänzlich ohne Hilfe dastehenden Arbeitslosen der Kälte schutzlos ausgeliefert waren, wurde das Komitee der Wärmehallen e.V. als private Initiative gegründet. Der Verein betrieb in den vier S-Bahnbögen mit den Nummern 97–100 in der Dircksenstraße eine der wichtigsten sozialen Schutzeinrichtungen der Kaiserzeit.

Der Broschüre „Die Wohlfahrtseinrichtungen von Groß-Berlin, nebst einem Wegweiser für die praktische Ausübung der Armenpflege in Berlin“ von 1910 kann man entnehmen, wie es dort zuging: „Während der Wintermonate geöffnet von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Sitzplätze für 1250 Personen, Waschvorrichtungen. An die Besucher werden, zu einem beträchtlichen Teil unentgeltlich, sonst für 2 bis 5 Pfennig Schrippen, bestrichenes Brot, Kaffee, Milch, Suppe verabreicht. Verteilung von Schuhwerk und Kleidungsstücken.

Seit 1871 Betteln und Landstreicherei unter Strafe

Eine Anzahl Arbeitsloser werden gegen Lohn und Kost mit Ausbesserung der Kleidungsstücke und des Schuhwerks der Gäste der Wärmehallen beschäftigt. 1907 wurden 8618 Portionen Suppe, 1513 Tassen Kaffee, 1513 bestrichene, 993 trockene Stullen unentgeltlich verabreicht, 397,92 Mark an Arbeitslöhnen und 683,88 Mark für Materialien gezahlt, für die Verpflegung der Gäste wurden 7782,93 Mark ausgegeben.“

Das Berliner Tageblatt berichtete am 15. Februar 1902: „Die Wärmehallen in den Stadtbahnbögen bieten hinreichenden Raum für alle Schutz gegen Kälte nachsuchenden Männer.

Zwar bemühte sich die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung darum, die schlimmsten Folgen der Industrialisierung zu mildern, um Armenaufständen vorzubeugen und die Sozialdemokratie einzuhegen, doch galten strenge Regeln: So stellte das Reichsstrafgesetzbuch seit 1871 Betteln und Landstreicherei unter Strafe. Jeder Mensch musste nachweisen, dass er sich um eine Unterkunft bemüht hat. Wer in der Nachtunterkunft Platz suchte, durfte sich hier fünf Tage aufhalten, bekam eine warme Suppe. Danach wurde er verwarnt, weitere Obdachlosigkeit hatte Haftstrafen zur Folge.

Strenge Kontrollen, um „Missbrauch durch Arbeitsscheue“ zu verhindern

Diese Regeln galten auch im größten städtischen Obdachlosenasyl, der am 24. Oktober 1887 eröffneten „Palme“ in der Fröbelstraße. Bis zu 5000 Menschen suchten dort Nacht für Nacht Zuflucht, Speisung und Säuberung. Aus dem Bericht eines Kochs erfährt man: „Wer 14 Tage hintereinander da war, wurde verwarnt und gedrängt, sich eine andere Bleibe zu suchen.“ Strenge Kontrollen habe es gegeben, um „Missbrauch durch Arbeitsscheue“ zu verhindern. Wer öfter als fünfmal (für mehrere Tage) auftauchte, den nahm sich die Polizei vor: „Wer sich nicht ausweisen konnte, kam ins Arbeitshaus, Verbrecher kamen vor den Richter.“

In den riesigen Backsteinbau des Asyls zogen am frühen Abend auch viele der abgerissenen Gestalten, die tagsüber in den Zentralmarkthallen am Alexanderplatz, nicht weit von der Wärmehalle Dircksenstraße, Heruntergefallenes von den Händlerständen einsammelten. Andere versuchten sich in der „Kruke“, ebenfalls in einem S-Bahnbogen gelegen, mit kleinen Geschäften. Die Kaschemme in der Nachbarschaft des Polizeipräsidiums war als Wärmehalle sowie Tauschzentrale für Informationen, Sammel- und Diebesgut gesucht.

Ein zentraler Teil der Berliner Sozialfürsorge lag in den Händen der Armen-Kommissionen, an die Bedürftige ihre Gesuche richten konnten. Sie finanzierten sich zum kleineren Teil aus Wohltätigkeitsfonds, aus denen Barzuwendungen, Kur- und Erholungsunterstützung usw. erfolgen konnten. Vor allem aber gab es öffentliche Etatmittel. Das System war in zwei Teile gegliedert:

Weit gespanntes Netz der Zivilgesellschaft

Erstens bot die offene Armenpflege laufende Barunterstützung (Almosen und Pflegegeld). Im Etatjahr 1908 standen für diese Zwecke etwa zehn Millionen Mark zur Verfügung. Neben Bargeld gab es auch Naturalien, Bekleidung, ärztliche und Geburtshilfe, Arznei und Heilmittel, Suppenzuwendung, Sargbeschaffung und Beerdigung. Der Gesamtetat für die offene Armenpflege lag 1908 bei zwölf bis 13 Millionen Mark.

Zweitens existierte die geschlossene Armenpflege in städtischen und sonstigen Heil-, Pflege- und Bewahranstalten. Im Jahr 1909 registrierten diese 3798 Kranke, 5440 Irre, Idioten, Epileptiker, 2380 Sieche.

Im Berlin der Zwanzigerjahre war das Netz der Zivilgesellschaft, die sich gegen das Großstadtelend auflehnte, weiter gespannt: Es gab Niedere Herbergen, Wanzen-Herbergen, Kaffeeklappen, Herbergen christlicher Stiftung und Häuser der Heilsarmee. Seit 1908 existierten Kaffeehallen. 1927 zählt man mehr als 60 Wärmehallen.

Im Wedding betrieb der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein die dank einer Spende des jüdischen Arztes Moritz Gerson 1897 errichtete „Wiesenburg“ als Unterkunft für obdachlose Frauen und Männer. Rudolf Virchow setzte sich dort persönlich für die Hygiene ein. Als der spendenfinanzierte Verein nach dem Ersten Weltkrieg in Schwierigkeiten geriet, half die Stadt.

1927 zählt man mehr als 60 Wärmehallen

Der bedeutende deutsche Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer (1889–1966) berichtete am 18. Januar 1931 aus der vom   Wohlfahrtsamt Mitte betriebenen großen städtischen Wärmehalle in der Ackerstraße, die jedermann ohne Ausweis betreten konnte. Er richtete sich vor allem an jene Leute, „die in Gegenden mit Zentralheizung wohnen und denen die Existenz solcher Wärmehallen zum Trost gereichen mag“. Angesichts   der Notleidenden gönnte sich Kracauer auch eine Bemerkung in Richtung jener Politiker, die große Renommierprojekte lieben: „Zum Glück werden wir in Bälde ein prächtiges Rundfunkhaus besitzen.“

Ungefähr 1800 bis 2500 Leute versammelten sich in der Wärmehalle Ackerstraße jeden Tag, erfuhr Kracauer vom Hallenleiter und beschrieb: „Sie stehen – junge Burschen, Männer und Greise – in Gruppen zusammen, sitzen wie in den Arbeitsnachweisen auf Wartesaalbänken und genießen die Wärme, die eine Voraussetzung nackten Lebens ist, als besondere Wohltat. Gespendet wird sie von einem in der Mitte des Raumes untergebrachten Ofen, dessen Rohr sich beflissen an den Stützen vorbeizieht und rein durch seine unermessliche Ausdehnung den Hauptzweck der Halle versinnlicht.“ Die türlosen Aborte erinnerten Kracauer an seine Militärzeit.

Kracauer: für Unterhaltung sorgt die ‚Gartenlaube‘

„Der Müßiggang, der sicher auch dort, wo er zwangsweise herrscht, aller Laster Anfang ist, erzeugt ein Geflüster, das die Halle genau so erfüllt wie das Ofenrohr. Aus diesem Raunen heben sich nach und nach immer wiederkehrende Gespräche heraus, die sich auf Rauchwaren, Schuhe, Sweater und andere Objekte beziehen. Obwohl auf den Wänden geschrieben steht: ‚Handeln strengstens verboten‘, wird eben doch in gewissem Umfang gehandelt, und die Verwaltung tut recht daran, daß sie die Leute stillschweigend gewähren läßt.“ Unter der Masse der Armen seien auch Doktoren zu finden, betonte der Hallenleiter „nicht ohne einen Anflug von Trauer und Stolz ...!“ Viele seiner Gäste verbrächten die Zeit zwischen sieben und 15 in der Halle, solange sie täglich, auch sonntags geöffnet war. Um 17 Uhr suchten sie das Asyl zum Schlafen und Essen auf: „Das Asyl schließt um sechs Uhr in der Frühe und dann kommen sie wieder zu uns.“

Die „mehr geistigen Ansprüche“ versuche man durch einen Radioapparat und eine Bibliothek zu befriedigen: „Das Lesebedürfnis soll kurioserweise an den eigentlichen Sonntagen größer sein als an den werktägigen; vielleicht aus dem Wunsch heraus, die Erinnerung an jene Feierzeit zu bannen, die mit dem Einerlei des notgedrungenen Feierns nichts gemein hat“, beobachtete Kracauer, „am meisten Gewicht haben die pensionierten Zeitschriftenbände von ‚Nord und Süd‘ und der ‚Gartenlaube‘ aus den Achtzigerjahren. Die Unterhaltung, die sie liefern, ist den Interessen der Gegenwart nicht weniger entrückt wie die Halle selber und ihre Besucher.“

Im Winter 2018/19 erfroren in Deutschland zwölf Menschen, in Berlin drei. In Berlin ist jetzt mit Nachtfrost zu rechnen.

Kältehilfe 2019/20

Wärmehalle Gitschiner 15: Nachdem der Senat beschlossen hatte, in diesem Winter keine U-Bahnhöfe für Obdachlose zu öffnen, gibt es nun in Kreuzberg eine Wärmehalle, geöffnet zwischen 22 Uhr und 6 Uhr.

Aufnahmekriterien: Anders als in regulären Notunterkünften sind hier Hunde, Drogen oder Alkohol nicht verboten. So finden auch Menschen Zugang und Platz, die sonst lieber im Freien schlafen würden.

Mehr Plätze:
Die Berliner Kältehilfe stockte für diesen Winter ihr Schlafplatz-Angebot für Obdachlose um 200 Plätze auf rund 1200 auf. Kältehilfe: 030 810560425, Kältebus: 0178-523 58 38 (fährt von 21 Uhr bis 3 Uhr)